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Allgemeinmedizin 5. September 2006

Gerichtliche Sachverständige: Zwist um seriös oder billig

Als die ÄRZTE WOCHE am 4. Juni an dieser Stelle Standpunkte zum Thema „Billige Sachverständige sind gefragt“ brachte, folgte eine Welle zustimmender Reaktionen. Leserinnen und Leser schilderten uns ihre persönlichen Erfahrungen mit gerichtlichen Gutachten. Es zeigte sich, dass Seriosität und Kosten gar nicht selten im Gegensatz zueinander standen.

Ein Konflikt um Kosten und Qualität hat sich auch gerade in der Gesellschaft der Gutachterärzte Österreichs entzündet. Der Wiener Lungenfacharzt und Internist Prof. Dr. Kaspar Sertl ist Leiter der Medizinischen Abteilung im KH Floridsdorf und seit zehn Jahren beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger. Er hat sich den Unmut der Gesellschaft zugezogen. Denn er hat öffentlich behauptet, dass – entsprechend der Evidence-based Medicine – zwei von drei Gutachten im Leistungskalkül falsch seien, wenn keine Belastungsuntersuchung erfolge.

Sein Vorwurf: Bei den meisten Verfahren über Invaliditäts- bzw. Berufsunfähigkeitspension vor dem Arbeits- und Sozialgericht in Wien werden notwendige Untersuchungen zur Beurteilung des Patienten nicht durchgeführt. „Da wäre es gerechter, eine Münze zu werfen. Denn dann wären nur 50 Prozent falsch, und es käme auch billiger“, sagt Sertl.

Bemühen um Konsens

Seit vielen Jahren versucht er in der Gesellschaft der Gutachterärzte einen Konsens darüber zu erzielen, dass die Leistungsfähigkeit nur mittels Belastungsuntersuchungen festzustellen sei – also über Ergometrie. Das sei, so zitieren Sertl und Kollegen wissenschaftliche Publikationen, Evidence-basiert und international „State of the Art“.

Widerstand der Gesellschaft

Doch der Widerstand in der Gesellschaft ist groß. Pikanterweise sitzen im Vorstand einige Chefärzte der Sozialversicherungen, die nur allzu leicht in einen Loyalitätskonflikt geraten könnten, zum Beispiel bei den Kosten. Denn die zusätzlichen Untersuchungen erhöhen die Preise der Gutachten, die zum Großteil der Hauptverband der Sozialversicherungsträger zu bezahlen hat.

Dazu meint Sertl: „Es kann doch nicht sein, dass Ärzte sich diesem Wunsch unterwerfen und notwendige Untersuchungen nicht erfolgen, weil die Pensionsversicherungsanstalt sagt, diese seien zu teuer und sich bei Richtern darüber beschwert.“ Dem Lungenfacharzt wurde bereits angedroht, wegen der hohen Kosten für „unnötige“ Untersuchungen von der Liste der Gerichtsgutachter gestrichen zu werden. Dies wurde aber bisher vom Listenführer verhindert.

Das Hauptargument seiner Gegner: Die geforderten Methoden seien nur in relativ wenigen Fällen angebracht. Dazu heißt es in einer Stellungnahme der Gesellschaft der Gutachterärzte zu einem Artikel, den Sertl in der Fachzeitschrift „Der Sachverständige“ (2/2000) veröffentlicht hat: „Bei der gutachterlichen Evaluierung der kardiopulmonalen Leistungsfähigkeit sind diese Untersuchungstechniken in einer sinnvollen und fallbezogenen Weise einzusetzen, wobei ein Stufenplan berücksichtigt wird, welcher vorsieht, dass zuerst wenig aufwändige Tests durchgeführt

werden, mit denen der cardiopulmonal erfahrene Gutachter über 90% der kalkülrelevanten Funktionen schlichtweg beurteilen kann.“

Doch Sertl – und damit ist er in Fachkreisen nicht allein – besteht darauf: Die reine klinische Betrachtung ist bei der Beurteilung von Leistungsfähigkeit nicht State of the Art. „Es kann nicht sein, dass wir falsche Gutachten in Kauf nehmen, weil die richtigen Methoden zu teuer sind“, betont er. Weil er dies auch in einem Interview gegenüber dem Nachrichtenmagazin „profil“ (6/2003) kritisierte, hat ihn die Gesellschaft der Gutachterärzte beim Disziplinarrat der Österreichischen Ärztekammer angezeigt.

Gezeichnet wurde das Schreiben vom Chefarzt der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) und Vizepräsidenten der Gesellschaft, Prof. Dr. Rudolf Müller. Dieser ließ im Übrigen ausrichten, dass er der ÄRZTE WOCHE für eine Stellungnahme zum Thema „State of the Art in der Gutachtermedizin“ nicht zur Verfügung stehe. Noch ist offen, ob der Disziplinarrat sich der Causa annehmen wird. Sertl sieht darin jedoch eine Chance, die Frage des „State of the Art“ einmal außerhalb der Gesellschaft der Gutachterärzte zu diskutieren.

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 42/2003

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