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Allgemeinmedizin 23. August 2006

Wenn Otalgie den Badespaß verdirbt

Wenn es alle an den Strand oder ins Schwimmbad treibt, leiden nicht selten die Ohren. Entzündung und Schwellung der Gehörgangshaut, die meist mit heftigen Schmerzen verbunden sind, sind eine regelrechte Sommerkrankheit. Analgetika sowie die geeignete Lokaltherapie machen den Patienten mit „Schwimmer-Ohr“ oder „Bade-Otitis“ meist binnen einer Woche wieder fit.

Als dunkler, warmer Kanal bietet der äußere Gehörgang Keimen ideale Wachstumsbedingungen. Normalerweise schützt die physiologische Barriere des sauren, fettreichen und damit hydrophoben Zerumens vor Infektionen. Vor allem exzessiver Wasserkontakt wie beim Schwimmen, insbesondere im Chlorwasser, kann den Schutzfilm zerstören und erhöht den pH-Wert. Beides begünstigt die Besiedlung mit pathogenen Mikroorganismen.

Wichtiges Zerumen

Auch durch mechanische Entfernung des Zerumens und chronische Dermatosen wie atopisches Ekzem oder Psoriasis wird der Gehörgang anfälliger. Die Symptomatik reicht von Pruritus bis zu starken Schmerzen, die durch Bewegung (Kauen oder Zug an der Ohrmuschel) verstärkt werden und bisweilen auf Kiefer, Hals, Wangen und Schläfen ausstrahlen. Pathognomonisch ist der Tragusdruckschmerz. Meist ist der Gehörgang entzündlich gerötet; starke Schwellung und Otorrhö erschweren den Blick auf das Trommelfell, das mitbeteiligt sein kann. Oft sind Bakterien die Auslöser, bei Infektionen nach dem Schwimmen häufig der Nasskeim Pseudomonas aeruginosa oder – hauptsächlich im Fall einer Otitis externa circumscripta oder des Ohrfurunkels – Staphylokokken. Aber auch Otomykosen kommen vor. Sie sind durch besonders heftigen Pruritus gekennzeichnet. Der Pilzrasen ist oft direkt otoskopisch erkennbar; ein Abstrich zur Erregerbestimmung hilft. Bläschenbildung verweist auf ein virales Geschehen, allerdings zeigen sich die typischen Effloreszenzen beim äußerst schmerzhaften Herpes zoster oticus nicht von Beginn an. Diese Zostermanifestation geht oft mit einer peripheren Fazialisparese, Schwerhörigkeit und Störungen des Gleichgewichtssinns einher.

Schmerzen lindern, reinigen, abschwellen...

Der Entzündungsgrad bestimmt das therapeutische Vorgehen. Zur Schmerzlinderung setzt man laut Prof. Dr. Olaf Michel von der Kölner HNO-Universitätsklinik Lokalanästhetika, aber auch systemische Analgetika ein. Generell gilt, dass man über externe Anwendung von Antibiotika wesentlich höhere Wirkstoffkonzentrationen in der Haut erreicht als mit systemischer Gabe – und die Otitis externa ist eine Hauterkrankung. Zumal der Gehörkanal gut zugänglich ist, bietet sich in unkomplizierten Fällen eine Lokaltherapie an. Systemische Antibiotika werden für Diabetiker empfohlen sowie bei massiver Schwellung der regionalen Lymphknoten oder Komplikationen wie Phlegmonen oder Perichondritis. Zunächst muss der Gang sehr schonend gereinigt werden - am besten saugt man das Sekret unter Sicht ab. Prof. Dr. Pierre Federspil, Homburg/Saar, rät zu einer Spülung mit lauwarmer 30-prozentiger Alkohol-Ringer-Lösung. Ist die Gehörgangshaut sehr stark angeschwollen, verwendet man zunächst einen Gazestreifen als Docht, über den man Alkohol in den Gehörgang transportiert. Der Patient kann den Streifen selbst durch wiederholtes Auftropfen 70-prozentigen Isopropylalkohols feucht halten. Diese Behandlung wirkt abschwellend, austrocknend und antiseptisch.

...und falls nötig Erreger ausschalten

Nach ein bis zwei Tagen kann der Therapeut je nach Befund weiterbehandeln, wobei bei der Wahl der Zubereitungsform den Grundregeln der topischen Vorgangsweise gefolgt werden sollte. Das heißt, bei trockener Entzündung kommen Salben zum Einsatz, ein akut nässendes Ekzem wird feucht gehalten, indem man mit Lösungen arbeitet. Experten empfehlen außerdem das tägliche Einlegen eines präparierten Tamponadestreifens. Da viele antibiotika- und desinfektionsmittelhaltige Ohrentropfen ototoxisch sind, muss der Therapeut vor der Applikation sicher stellen, dass kein Trommelfelldefekt vorliegt. Im angloamerikanischen Raum gilt bei leichten Formen bereits die Ansäuerung mit zweiprozentiger Essigsäure als effektiv. Hierzulande wendet man im Allgemeinen ein Kortikoid und/oder antiseptische, ggf. antibakteriell (bzw. antimykotisch) wirksame Arzneimittel an.

Breites Spektrum empfohlen

Von dermatologischer Seite wird schon seit einiger Zeit vor der topischen Verwendung von Antibiotika mit hohem Sensibilisierungspotenzial gewarnt. Hierzu ist auf jeden Fall Neomycin zu zählen. So fand man in einem Kollektiv von 145 zentral erfassten Patienten mit Gehörgangsekzem bei etwa einem Drittel ein allergisches Kontaktekzem. Inhaltsstoffe medizinischer Externa, insbesondere Neomycinsulfat, waren die häufigsten Allergene (Hillen et al., Hautarzt 2000). Michel hält es für ratsam, ein Lokalantibiotikum mit breitem Wirkspektrum zu wählen. So ist beispielsweise eine Kombination aus Bacitracin, das sehr gut gegen Staphylokokken wirkt, mit Polymyxin B, welches gramnegative Keime effektiv bekämpft, sinnvoll. Gleichzeitig werde dank der unterschiedlichen Wirkmechanismen eine Resistenzentwicklung erschwert. Einer vergleichenden niederländischen Untersuchung (Van Balen et al., BMJ 2003) zufolge kann die Otitis externa mit Steroiden allein erfolgreich behandelt werden. Zusätzliche Antibiotika (untersucht wurde Neomycin plus Polymyxin B) brachten keinen Vorteil. Im Allgemeinen reicht eine Medikation über sieben Tage aus.

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