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Allgemeinmedizin 29. August 2006

Mankos in der pädiatrischen Versorgung

Vor allem in Wien wird der Ruf nach hochspezialisierten Einheiten wieder lauter, dem Ansturm auf Ambulanzen müsste gegengesteuert werden. Niedergelassene Fachärzte für Kinder- und Jugendheilkunde fordern Honoraranpassungen für aufwändige Leistungen.

Vor drei Jahren wirbelte ein Buch viel Staub auf. In „Weggelegt – Kinder ohne Medizin“ wiesen zwölf Fachärzte für Pädiatrie auf schwerwiegende Strukturmängel der pädiatrischen Versorgung in Österreich und vor allem in Wien hin. Die Reaktion darauf waren keine konstruktiven Diskussionen, sondern Disziplinar- und Gerichtsverfahren gegen einen der Autoren. Der Endokrinologe Prof. Dr. Franz Waldhauser von der Wiener Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde wurde vom AKH bzw. dem Krankenanstaltenverbund der Gemeinde Wien geklagt und von der Universität mit Redeverbot belegt.
Im Herbst 2005 kam es zu einem Vergleich zwischen Stadt Wien und Waldhauser, das Disziplinarverfahren wurde eingestellt. Das damals erteilte Versprechen, die Autoren in eine Neukonzeption der pädiatrischen Versorgung Wiens einzubeziehen, ist laut Waldhauser bis heute nicht eingelöst.

Vor allem in Wien fehlen hochspezialisierte Einheiten

Im März dieses Jahres meldete sich der Kritiker wieder zu Wort. Anlass dafür waren die drohende Zwangsversetzung auf eine interne Abteilung sowie die personelle Ausdünnung der Kinderklinik. „Nach wie vor sind viele Probleme, die unser Buch aufzeigt, ungelöst“, kritisiert Waldhauser, dessen Versetzung momentan nicht zur Diskussion steht. Vor allem in Wien sei die Situation problematisch, weil es hier keine ausreichend ausgestatteten Spezialabteilungen für seltene Erkrankungen, wie aus dem Bereich der Endokrinologie, des Stoffwechsels, der Kinderherzchirurgie usw., gebe.
„Es geht nicht darum, dass z.B. Blinddarmoperationen bei Kindern nur mehr speziellen Häusern vorbehalten sind, sondern um Einheiten für spezielle und kleine Patientengruppen, die genauso ein Recht auf adäquate Betreuung haben“, präzisiert Waldhauser. Ein positives Beispiel ist aus seiner Sicht das Herzzentrum für Kinder an der Linzer Kinderklinik. „Nur wenn eine gewisse Zahl von Patienten versorgt wird, entsteht das nötige Expertenwissen. Außerdem wäre unsinnig, überall teure Spezialausrüstungen anzuschaffen“, so Waldhauser.
Solche Mankos ortet auch Dr. Erwin Pokorny, Stellvertretender Obmann der Fachgruppe der Wiener Pädiater: „Es reicht sicher nicht, in die Neonatologie zu investieren. Gerade an der Wiener Universitätskinderklinik müsste es spezialisierte Einheiten, z.B. für Kindergastroenterologie bzw. für seltene Stoffwechselerkrankungen, geben.“
Ein bedenklicher, österreichweiter Trend bereitet Prim. Dr. Olaf Arne Jürgenssen, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendabteilung am Krankenhaus Wiener Neustadt, Kopfzerbrechen: „Ambulanzen, beispielsweise jene im AKH bzw. im St. Anna-Kinderspital, werden zunehmend für banale Kinderkrankheiten gebraucht oder eigentlich fast missbraucht.“ Dadurch würden einerseits immer mehr Ressourcen gebunden, andererseits werde „zu wenig in die universitäre Forschung investiert, die aber eine wichtige Voraussetzung für die Tätigkeit hochspezialisierter Abteilungen bzw. Ärzte ist“, so Jürgenssen.

Grundversorgung überwiegt

Seiner Meinung nach „wird das AKH von der Wiener Gesundheitspolitik viel zu sehr als Grundversorgungsspital positioniert, das für alle ganz leicht und schnell erreichbar ist“. Gerade hier müssten aber aufgrund der universitären Möglichkeiten Spezialbereiche, die für eine hochqualifizierte Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit seltenen Krankheiten sorgen, stärker gefördert werden. Im St. Anna-Kinderspital liege der Schwerpunkt in der Kinderonkologie; es wäre „der falsche Ort für Eltern, die wegen banaler Infekte von Kindern mitten in der Nacht kommen.“
Der Ansturm auf die Ambulanzen der bekannten Wiener Kinderspitäler hat mehrere Ursachen. Zum einen entspricht es dem österreichweiten Trend, dass Eltern heute mobiler sind und ein Problem damit haben, mit eigentlich banalen Erkrankungen umzugehen. Dazu kommen gerade in Ballungszentren Kinder von Migrantinnen, die im Krankheitsfall vor allem in Ambulanzen gebracht werden. „Ein Problem dabei ist sicher“, so Jürgenssen, „dass Ärzte im Bereitschaftsdienst meist zuwenig oder keine pädiatrische Erfahrung haben und deshalb Eltern lieber gleich den Weg in die Ambulanz empfehlen.“

Druck auf Ärzte in den Ambulanzen steigt

Das Problem der Spitäler liegt in den Finanzierungsmodalitäten, sagt Jürgenssen: „Es gibt einen Pauschalbetrag für das ganze Haus, egal ob wir auf der Kinderambulanz einen oder tausende Patienten behandeln.“ Dem verstärkten Zulauf von Patienten in den Ambulanzen stünden jedenfalls keine Personalaufstockung oder entsprechende Umschichtungen gegenüber. So steige der Druck auf die behandelnden Ärzte, der auch zu vermeidbaren Fehlern führe.
„Der Zugang zu den Ambulanzen wird Eltern zu einfach gemacht“, meint Fachgruppen-Vertreter Pokorny: „Eigentlich entspricht die Zahl der Eltern, die mit ihren Kindern an Wochenenden in Ambulanzen kommen, der Zahl jener, die an einem Wochentag in die Praxis kommen.“ Die Ambulanzen hätten allerdings zu wenig Personal.

Informationsdefizite bei Eltern abbauen

Eine Zunahme der Patientenzahlen verzeichnet auch der niedergelassene Bereich. Pokorny regt deshalb an, „Eltern stärker zu motivieren, sich grundlegende Informationen zum Umgang mit Krankheiten anzueignen“. Diesbezügliche Angebote gebe es durchaus, etwa im Rahmen der Geburtsvorbereitung.
In Wien haben Ärztekammer und Gebietskrankenkasse seit Anfang Juli mit Mitteln aus dem Reformpool eine kinderfachärztliche Notdienst-Ordination an der Kinderklinik des AKH umgesetzt; an Wochenenden von Freitag 19 Uhr bis Montag 7 Uhr. Dazu ­Wiens Ärztekammerpräsident MR Dr. Walter Dorner: „Wir haben alle Wiener Kinderfachärzte kontaktiert und ein sehr gutes Echo erhalten. Es wird wahrscheinlich kein Problem sein, jedes Wochenende genügend niedergelassene Pädiater für die Dienste zu finden.“ Diese sollen eine Filterfunktion erfüllen und Krankheiten entweder gleich selbst behandeln oder an ein Gemeindespital weiter verweisen.

Eine pädiatrische Notdienst-Ordination ist zu wenig

Jürgenssen befürchtet allerdings, dass der Ansturm ins AKH dadurch noch stärker werde und viele dort „hängen bleiben“, obwohl sie auch in Gemeindespitälern betreut werden könnten. „Notfallordinationen müsste es in ganz Wien geben“, fordert Jürgenssen. Auch Pokorny hält die AKH-Lösung nicht für optimal: „Neutralere Standorte wären sinnvoller, ähnlich wie jene für die Notdienste der niedergelassenen Allgemeinmediziner in Wien.“
Pokornys Wünsche zur Optimierung der pädiatrischen Versorgung - nicht nur in Wien – gelten auch für die Kassentarife: „In vielen Bereichen gelten für niedergelassene Pädiater zu geringe Honorarsätze, die den teils hohen Aufwand bei weitem nicht abdecken.“ Dies treffe insbesondere für die zunehmend auftretenden Verhaltensstörungen zu. Deren adäquate Diagnose und Behandlung erfordere ausreichend Zeit und deshalb auch eine adäquate Honorierung.

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