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Allgemeinmedizin 23. August 2006

Hilfe für psychisch auffällige Straftäter

Die Betreuung von Rechtsbrechern mit psychischen Krankheiten ist ein sensibles Feld. Expertisen von Fachärzten spielen dabei eine maßgebliche Rolle. Der Ausbau regionaler Einrichtungen käme sowohl der Effizienz der Betreuung als auch der notwendigen Zusammenarbeit mit Allgemeinmedizinern zugute.

In Schlagzeilen über Verbrechen ist oft die Beschreibung des Täters als „psychisch krank“ zu finden. So wird das Klischeebild der „Gefährlichkeit“ weiter genährt. „Der Prozentsatz von Menschen mit psychischen Krankheiten, die Gewaltverbrechen begehen, ist nicht wesentlich höher als in der Gesamtbevölkerung“, unterstreicht Dr. Karin Gutiérrez-Lobos. Sie ist Fachärztin für Psychiatrie mit Forschungsschwerpunkt Forensik an der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie. „Am ehesten geht es um Personen mit akuten psychotischen Störungen sowie mit speziellen Formen der Schizophrenie“, so die Fachärztin.

Zurechnungsfähig oder nicht?

Seit 1975 gibt es in Österreich für Rechtsbrecher mit psychischen Krankheiten den „Maßnahmenvollzug“. Unterschieden wird, ob der Täter zurechnungsunfähig war oder ob er zwar zurechnungsfähig, aber unter dem Einfluss psychiatrischer Symptome bzw. einer schweren Persönlichkeitsstörung stand. Erstere werden in der Justizanstalt Göllersdorf oder in forensischen Abteilungen von Spitälern auf unbestimmte Zeit angehalten; derzeit sind dies etwa 320 Personen. Die zweite Gruppe – 330 Personen – wird in der Strafvollzugsanstalt Wien-Mittersteig bzw. in Spezialabteilungen von Gefängnissen angehalten und zugleich eine zeitlich begrenzte Freiheitsstrafe verhängt. „Einige Zeit wurde überlegt, eine weitere große Anstalt für den Maßnahmenvollzug zu errichten. Aber auch im Bereich der psychiatrischen Forensik haben sich die Tendenz zur Dezentralisierung und ein Weggehen von lebenslangen Anhaltungen durchgesetzt“, erklärt Doz. Dr. Werner Schöny, Leiter der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg in Linz. Dort wurde soeben eine eigene forensische Abteilung eröffnet. „Diese hat sonst in gewisser Hinsicht den Status eines Anhängsels, das nicht die nötige ausreichende Beachtung bekommt“, so Schöny. Seit einiger Zeit wird in Österreich in Nachsorgemaßnahmen für die Zeit nach der Entlassung von Rechtsbrechern mit psychischen Symptomen investiert. In ganz Österreich existieren forensische Nachbetreuungsambulanzen mit angeschlossenen kleineren Wohngemeinschaften, in denen 400 Personen betreut werden. Kooperiert wird dabei mit Institutionen aus dem psychosozialen Bereich wie pro mente. Schöny betont, dass diese Betreuung auch ökonomisch günstiger sei als theoretisch unbegrenzte Spitalsaufenthalte. „Innerhalb der letzten fünf Jahre ist es in keiner dieser Einrichtungen zu nennenswerten Rückfällen oder neuerlichen Straftaten gekommen“, ergänzt DSA Walter Kahl, zuständiger Referent im Justizministerium. „Dieser Weg muss weiter verfolgt werden“, betont Gutiérrez-Lobos, „auch in anderen Regionen sind Einrichtungen mit forensischen Nachbetreuungs-möglichkeiten erforderlich.“

Fragwürdige Regelungen

Zugleich wäre es aber notwendig, auf anderen Ebenen anzusetzen. „Die Schwelle für eine Einweisung in den Maßnahmenvollzug liegt bei einem Strafausmaß von einem Jahr“, präzisiert die Expertin. Derzeit würde dies viele Personen betreffen, für die andere Betreuungsmaßnahmen besser wären bzw. bei denen kein wirklicher Anlass besteht, sie zeitlich unbegrenzt anzuhalten. Gutiérrez-Lobos fordert des Weiteren einen Diskussionsprozess über den Umgang mit jenen Personen, die aufgrund ihrer potenziellen Gefährlichkeit nicht mehr den Weg zurück in die Gesellschaft finden. Sie verweist auf Projekte in den Niederlanden, wo es dafür Einrichtungen mit Wohn-, Arbeits- und Freizeitmöglichkeiten gibt. Diese sind zwar gesichert, doch der Gefängnischarakter steht nicht im Vordergrund. Laut Schöny liegen dazu auch entsprechend positive Erfahrungen aus skandinavischen Ländern vor.

In sozialpsychiatrische Grundversorgung investieren

„Die Patientenzahl in der psy­chiatrischen Forensik ist im Steigen“, unterstreicht Schöny. So war die Linzer forensische Abteilung zunächst mit zwölf Betten konzipiert, nun sind es 52. Auch in anderen Bundesländern werde in Primärversorgung und Nachsorge investiert. „Es gab eine Entscheidung für einen Weg, bei dem viel Wert auf die Persönlichkeitsrechte gelegt wird, was es schwieriger macht, Personen gegen ihren Willen zu behandeln“, resümiert Schöny. Gleichzeitig gebe es aber zu wenige Maßnahmen für den Ausbau dezentraler sozialpsychiatrischer Versorgung, zu der auch Allgemeinmediziner wesentlich beitragen können. Für Kahl ist die Bedeutung des sozialen Umfeldes in Bezug auf die Wahrscheinlichkeit eines Verbrechens mit psychiatrischem Hintergrund genauso relevant: „Je besser die dezentrale Versorgung, desto geringer die Wahrscheinlichkeit.“ Diese Sicht bestätigt Gutiérrez-Lobos: „Wir brauchen nachgehende, mobile sozialpsychiatrische Dienste, die in Akutsituationen intervenieren und Eskalationen verhindern können.“ Anders als oft dargestellt, haben Verbrechen mit psychiatrischem Hintergrund eine lange Vorgeschichte. Gutiérrez-Lobos leitete bei den diesjährigen Ärztetagen in Grado einen Workshop über Notfallpsychiatrie, „der von Allgemeinmedizinern geradezu überlaufen wurde“. Diese seien oft die erste Anlaufstelle für Menschen in psychiatrischen Krisen. „Allgemeinmediziner können zwar die Betreuung nicht allein übernehmen, aber“, so Gutiérrez-Lobos, „bei langfristiger Begleitung und der Vermittlung psychosozialer und psychotherapeutischer Angebote einen maßgeblichen Beitrag leisten.“ Leider, bedauert auch Schöny, gebe es hier nach wie vor zu viele Lücken, vor allem in ländlichen Regionen.

Stellenwert von Gutachten

Laut Kahl wird bei vielen Gerichtsverfahren die Frage eines psychiatrischen Hintergrunds nicht thematisiert, so dass „viele nicht die nötige Unterstützung bekommen, die sie eigentlich bräuchten“. Deshalb kommt in der psychiatrischen Forensik Gutachtern eine zentrale Rolle zu. Sie liefern die Fakten, anhand derer Richter über den Zeitpunkt der Entlassung von Verbrechern mit psychischen Krankheiten sowie über das Ausmaß der Nachsorge entscheiden. Schöny betont, „dass diese Gutachter nach wie vor deutlich weniger verdienen als zum Beispiel jemand für die Abschätzung von Brandschäden“. Gleichzeitig gebe es aber hohe Erwartungen, vor allem in Bezug auf die Abschätzung der Wahrscheinlichkeit der Gewalttätigkeit oder weiterer Sexualstraftaten.

Unterstützung für Richter

Gutiérrez-Lobos fordert deshalb, dass mehr Mittel in die Aus- und Fortbildung von Gutachtern investiert werden. Außerdem sei es wichtig, „Richter zu informieren, wann ein psychiatrischer Gutachter beigezogen werden bzw. welche Kriterien ein vollständiges Gutachten erfüllen sollte“. Schöny betont, „dass psychiatrische Gutachten nicht nebenbei erledigt werden können. Ein Grund für die Gründung der forensischen Abteilung in Linz war, dass es nun mehr Spezialisten gibt, die sich mit dieser sensiblen Thematik intensiv auseinandersetzen – sowohl in juristischer als auch medizinischer Hinsicht.“ Deshalb wären forensische Spezialambulanzen auch in anderen Spitälern sinnvoll.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 30/2006

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