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Allgemeinmedizin 18. Juli 2006

Geht’s auch ohne Chefarzt und ABS?

Seit einem halben Jahr sind die oberösterreichischen Ärzte für einen großen Teil ihrer Patienten auch deren Chefarzt. Die bisherigen, von den Initiatoren durchwegs als positiv gewerteten Erfahrungen ersparen den Kassenärzten des Bundeslandes den Einsatz des Arzneimittel-Bewilligungs-Service, kurz ABS.

Aus anderen Bundesländern gab es teils heftige Kritik am oberösterreichischen Weg, aber „das erste halbe Jahr zeigt deutlich, dass unsere Vorgangsweise durchaus auch anderswo sinnvoll umsetzbar wäre und eigentlich ein Vorbild ist“, lautet die Analyse von Dr. Oskar Schweninger, Vorsitzender der Kurie der niedergelassenen Ärzte in Oberösterreich. Bekanntlich schloss dieses Bundesland als einziges eine Zielvereinbarung mit der Kasse ab und machte so – für alle Patienten der Gebietskrankenkasse – jeden niedergelassenen Arzt auch zum Chefarzt.

Konstante Verordnungszahlen

„Am Anfang gab es viele Anfragen bei der eigens von Kammer und Kasse eingerichteten Clearingstelle, erstaunlicherweise vor allem zum Greenbox-Bereich“, berichtet Schweninger, „aber das hat sich schon nach kurzer Zeit eingespielt.“ Jedenfalls habe sich nach aktuellen Analysen die Zahl der Verordnungen in keinem Bereich signifikant verändert, auch nicht in der No-Box und der Redbox. „Wir haben mehr Eigenverantwortlichkeit gefordert und diese auch bekommen“, freut sich der Kurienobmann. „Die Ärzte in Ober­österreich kommen – allen Unkenrufen zum Trotz – gut damit zurecht.“ Die Zielvereinbarung würde auch keinerlei Eingriff in die Therapiefreiheit der Ärzte bringen. „Wo eine Dauerverordnung, ungewöhnliche Dosierung oder Ähnliches nötig ist, wird dies von den Ärzten im Patientenblatt dokumentiert und eigenständig umgesetzt“, ergänzt Schweninger. Die Erfahrungen könnten somit bei den kleinen Kassen genauso umgesetzt werden. Unberechtigt gewesen seien demnach auch Ängste vor der in der Zielvereinbarung fixierten Individualhaftung der Ärzte für eine ordnungsgemäße Verschreibung. „Die klaren Spielregeln, die insbesondere bei Medikamenten aus der No- und der Red-Box regelmäßig aktualisiert werden, geben einerseits den therapeutischen Spielraum, den wir zum Arbeiten brauchen, und bringen auch die Sicherheit, dass nur tatsächlich notwendige Medikamente zum Einsatz kommen“, meint Schweninger. Im ersten Halbjahr dieser Regelung gab es nur vier Fälle, wo es z.B. wegen der Verordnung eines Potenzmittels zu einem Gespräch mit den betreffenden Ärzten kam.

Ökonomisch im Plan

Somit läuft die Aktion aus Sicht der Standesvertretung zur Zufriedenheit aller Beteiligten. Bei der Frage nach ökonomischen Vorteilen steht Zurückhaltung im Vordergrund. Die Heilmittelkosten sind österreichweit im 1. Quartal 2006 um 11,26 Prozent gestiegen, in OÖ um 11,07 Prozent. Einen deutlicheren Unterschied gibt es bei der Anzahl der verordneten Rezepte: Diese hat in Österreich um 4,64 Prozent zugenommen, in OÖ nur um 2,89 Prozent. „Eine mögliche Interpre-tation ist, dass weniger Rezepte mehr Kosten verursachen“, meint dazu Dr. Erich Laminger, Vorstandsvorsitzender des Hauptverbandes. „Letztlich ist es zu früh, um über den in Oberösterreich eingeschlagenen Weg ein abschließendes Urteil auszusprechen.“ Für Schweninger steht allerdings fest: „Die Erfahrungen zeigen, dass Ärzte auch gut ohne Chefarzt und ABS wirtschaften können und nicht an der kurzen Leine gehalten werden müssen.“ Laminger kann diese Sicht nicht teilen: „Eine Versicherung, in der die profunde Fachkenntnis von Sachverständigen, wie es die Chefärzte sind, fehlt, ist nicht vorstellbar. Es gibt auch in Oberösterreich einige Bereiche, wo deren Kontrollfunktion weiter eingesetzt wird.“ Er kann sich allerdings gut vorstellen, dass die dortigen Erfahrungen Grundlage für Veränderungen beim Ablauf chefärztlicher Bewilligungen in ganz Österreich sein können.

Bürokratieabbau forcieren

„Wenn dem so ist, dann soll der Hauptverband möglichst schnell in entsprechende Verhandlungen mit der Ärztekammer auf Bundesebene treten“, meint dazu Dr. Reiner Brettenthaler, Präsident der Österreichischen Ärztekammer. Denn alle Schritte, die zum Bürokratieabbau beitragen können, seien gezielt zu forcieren. Dass die Lösung im Land ob der Enns nicht überall möglich war, beruht aus Brettenthalers Sicht zum einen auf dem guten Verhältnis zwischen Ärztekammer und Gebietskrankenkasse in diesem Bundesland. Ein weiterer, schwerwiegender Grund war die Uneinigkeit zu diesem Ansatz in der Bundeskurie der niedergelassenen Ärzte. Dazu deren Obmann Dr. Günther Wawrowsky: „Aus Sicht vieler Ärzte ist es unethisch, so behandeln zu müssen, dass möglichst geringe Kosten anfallen, also durch den Einsatz billiger Medikamente in entsprechend geringer Zahl.“

Fast 4.000 Ärzte nutzen ABS

Der oberösterreichische Weg erübrigt in Folge jedenfalls die Anwendung des viel kritisierten Arzneimittel-Bewilligungs-Service (ABS) bei Patienten der Gebietskrankenkassen. Laminger betont in diesem Zusammenhang, dass „das ABS eigentlich seit April steht und über 3.700 Ärzte daran freiwillig teilnehmen“. Die Antwortzeiten würden auch in den Randzeiten der Öffnungszeiten von Ordinationen, „wo häufig viele Patienten gleichzeitig kommen, jeweils unter 10 Minuten liegen“. Das ABS sei ein komfortables und zeitgemäßes System, von dem vor allem die Patienten profitierten. Die Zahl der am ABS teilnehmenden Ärzte sei trotz aller Boykottankündigungen konstant im Steigen. „Das eigentliche Problem am ABS ist die Heilmittelverordnung und der Erstattungskodex“, hält Wawrowsky vor. Dem stimmt auch Brettenthaler zu: „Bei der Genehmigung gibt es äußerst unterschiedliche Vorgangsweisen, die oft auch von der Tageszeit, zu der angefragt wird, abhängig sind.“ Er fordert unter anderem „sortenreine Boxen“. Schwierigkeiten gebe es außerdem bei Langzeitverordnungen und beim Umgang mit Verschreibungen, die Patienten aus einem Spital mitbringen. Zu allen Punkten, so Brettenthaler, laufen derzeit intensive Verhandlungen mit dem Hauptverband, bei denen es vermutlich auch um die Erfahrungen aus Oberösterreich gehen wird.

Gründe für Kostensteigerung

„Dass trotz aller administrativen Auflagen und bürokratischen Einengung der Ärzte die Kosten für die Kassen weiter steigen werden“, davon geht Wawrowsky aus. Es müsse zur Kenntnis genommen werden, dass medizinische Betreuung ein Bereich sei, in dem es eben kontinuierliche Steigerungen gebe. Die Kostenentwicklung bei Medikamenten gehe unter anderem auf die vermehrte Inanspruchnahme der Vorsorgemedizin zurück. Dadurch würden mehr Risikofälle heraus-gefiltert, die oft nicht ohne medikamentöse Unterstützung aus-kommen.

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