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Allgemeinmedizin 4. Juli 2006

Adipositas: Umfassendes Therapiekozept gefordert

Fast 40 Prozent der ÖsterreicherInnen sind übergewichtig, zehn Prozent sogar adipös. Die Betroffenen unterliegen einem deutlich erhöhten Risiko von Folgeerkrankungen, wie Diabetes mellitus Typ 2 und kardiovaskulären Ereignissen. Viele Betroffene schaffen eine Gewichtsreduktion allerdings nur mit ärztlicher Hilfe und selbst bezahlten Medikamenten.

„Aufgrund der epidemiologischen Situation, des Risikos für Begleit- und Folgeerkrankungen und der volkswirtschaftlichen Dimension ist es wichtig, das Problembewusstsein für das Thema Übergewicht nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch bei den Entscheidungsträgern im Gesundheitssystem zu steigern“, betonte der Vorstand des Instituts für Sozialmedizin an der Medizinuni Wien, Prof. Dr. Michael Kunze, anlässlich einer Pressekonferenz vergangene Woche in Wien. „Wir brauchen eine umfassende Strategie-Reform im Gesundheitswesen, um dieses ‚gewichtige‘ Problem zu lösen.“

Schwerwiegende Folgen

37 Prozent der Bevölkerung in Österreich weisen einen BMI zwischen 25 und 29 auf, sind also übergewichtig. Bei rund zehn Prozent überschreitet der BMI sogar den Wert von 30; diese Menschen gelten als adipös. Auch wenn der BMI nur einen groben Richtwert darstellt, so bietet er doch einen Überblick über die gesundheitlichen Gefährdungen, denen Menschen mit einem BMI über 30 ausgesetzt sind. „Ein noch besseres Maß ist der Bauchumfang“, erläuterte der Endokrinologe und Leiter der Diabetes-Ambulanz am AKH Wien, Prof. Dr. Bernhard Ludvik. „Übersteigt der Bauchumfang bei Männern 102 cm und bei Frauen 88 cm, ist das Risiko für Folgeerkrankungen massiv erhöht.“ So sind etwa 57 Prozent der Typ-2-Diabetiker übergewichtig, 17 Prozent der herzkranken Menschen, 30 Prozent aller Patienten mit Gallenblasen-erkrankungen und 14 Prozent der Arthrosepatienten. „Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass die Therapiekosten für adipöse Patienten mit Begleit-erkrankungen zwischen fünf und acht Prozent der gesamten Gesundheitskosten betragen“, rechnete Kunze vor. „Das sind zwischen 1,15 und 1,61 Millionen Euro.“ Die langsame und konsequente Reduktion des Gewichtes ist die einzige Chance für adipöse Patienten, die Risiken für Folgeerkrankungen wirksam zu reduzieren. Dabei geht es gar nicht um massive Gewichtsabnahme: „Schon bei einer Gewichtsreduktion zwischen fünf und zehn Prozent reduziert sich das Diabetes-Risiko um 44 Prozent und das Risiko, an Krebs zu erkranken, um 37 Prozent“, berichtete Ludvik.

Behandlungsbedürftige Erkrankung

Während die WHO Adipositas längst als behandlungsbedürftige Erkrankung ansieht, die umfassender ärztlicher und medikamentöser Unterstützung bedarf, müssen Betroffene in Österreich Medikamente, die ein Ernährungs- und Bewegungsprogramm unterstützen, immer noch aus der eigenen Tasche bezahlen. „Wünschenswert wäre eine Kostenübernahme für derar-tige Medikamente durch das Gesundheitssystem, wie in der Schweiz oder in Großbritannien“, forderte Kunze. „Medikamente, die beim Abnehmen unterstützen, sind keine ‚Lifestyle-Drogen‘, sondern potente Helfer in der Behandlung einer schweren Erkrankung“, stellte Kunze klar. „In einem effektiven Behandlungskonzept haben die Umstellung der Ernährung und die Motivation zur körperlichen Aktivität einen zentralen Stellenwert“, so auch die Meinung Ludviks. „Für viele Patienten ist allerdings die medikamentöse Unterstützung sehr vorteilhaft.“ Studien zufolge ist die Erfolgschance, mit dem Sättigungsregulator Sibutramin (Reductil®) zehn Prozent des Ausgangsgewichts zu verlieren, um mehr als viermal höher als mit Ernährungsumstellung und Sport allein.

Das Herz entlasten

„Aus kardiologischer Sicht ist auch noch ein anderer Aspekt interessant“, erläuterte der Kardiologie Prof. Dr. Kurt Huber, Vorstand der 3. Medizinischen Abteilung mit Kardiologie am Wilhelminenspital in Wien. „Es gibt deutliche Hinweise, dass einige der positiven Effekte der medikamentösen Adipositastherapie unabhängig vom Gewichtsverlust sind.“ Mit Spannung werden von den ExpertInnen dazu die Ergebnisse der SCOUT-Studie erwartet, an der 300 Zentren in 16 Ländern mit 9.000 PatientInnen beteiligt sind. Sie untersucht erstmals die kardiovaskulären Auswirkungen der Gewichtsreduktion mit medikamentöser Unterstützung bei RisikopatientInnen. Klar ist, das zeigen epidemiologische Studien, dass Übergewicht und Adipositas vor allem ein Problem Einkommens-schwacher Schichten sind. „Übergewicht und Sozialstatus korrelieren negativ, der Anteil übergewichtiger Menschen ist in niedrigeren Einkommensschichten besonders hoch“, so Kunze. So ist die Hälfte aller Frauen mit Pflichtschulabschluss in Wien übergewichtig. 21 Prozent sind adipös. Bei Uniabsolventinnen sind 21 Prozent übergewichtig und sieben Prozent adipös. Das habe in Österreich allerdings bis dato keinerlei gesundheitspolitische Konsequenzen, kritisierten die Experten. Begrüßenswert sei daher das Engagement des Pharmaunternehmens Abbott, das den Preis für den Sättigungsregu-lator Reductil® ab 1. Juli 2006 auf weniger als die Hälfte senkte. Deutlich mehr Patienten werde dadurch eine medikamentöse Unterstützung beim Abnehmen ermöglicht.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 27/2006

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