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Allgemeinmedizin 4. Juli 2006

Zores mit der EU-Versicherungskarte

Niedergelassene Ärzte müssen Urlauber aus den EU-Staaten zu den Konditionen der Gebietskrankenkassen medizinisch versorgen. Das ist nicht nur wirtschaftlich gesehen problematisch, sondern auch bürokratisch ein aufwändiges Procedere.

Seit Juni 2004 gibt es die Europäische Krankenversicherungskarte. Eigentlich ist die Einzahl hier nicht angebracht, da diese EU-Karte im Erscheinungsbild sehr unterschiedlich aussehen kann. Eine erste Hürde für den im Urlaubs-Krankheitsfall behandelnden Arzt ist also, die Karten aller EU-Länder zu identifizieren. Die Auswirkungen dieser Karte(n) werden für viele Ärzte immer stärker spürbar. „Sie hat dieselbe Wirkung wie eine normale e-Card, Urlaubsgäste mit der Europäischen Krankenversicherungskarte müssen also nach den Sätzen der Gebietskrankenkasse (GKK) behandelt werden“, erklärt Dr. Felix Wallner, Kammeramtsdirektor der oberösterreichischen Ärztekammer.

Oft unvollständige Daten

Damit schließlich auch die Krankenkasse zu ihrem Geld kommt, braucht sie vom Arzt die Daten der erbrachten Leistungen. Dafür wurde ein eigener Erhebungsbogen entwickelt, der in verschiedenen Sprachen verfügbar ist. „Nach wie vor gibt es verhältnismäßig viele Fälle, bei denen keine oder nur unvollständig ausgefüllte Bögen abgeliefert wurden“, berichtet Wallner von Erfahrungen aus seinem Bundesland. „Wir konnten die oberösterreichische GKK zwar überzeugen, diese Kassenärzte nachträglich nicht zu belasten, in Zukunft wird dies aber nicht mehr möglich sein.“ Wallner appelliert daher an alle Ärzte in ganz Österreich, im eigenen Interesse beim Ausfüllen konsequent und genau zu sein. Zumindest im Land ob der Enns müsste die Motivation dafür eigentlich etwas höher sein, denn für die Behandlung von Patienten mit Europäischer Versicherungskarte konnte mit der GKK ein etwas höherer, aber dennoch EU-konformer Satz ausgehandelt werden. Laut Recherchen der ÄRZTE WOCHE trifft dies auf die anderen Bundesländer derzeit nicht zu. In Wien beispielsweise wurde das Thema von den Verhandlungen bisher ausgespart, gilt aber noch als zu lösendes Problem. In den oberösterreichischen Ordinationen hält sich die Zahl der Patienten mit Europäischer Versicherungskarte in Grenzen. „In vielen Tourismusregionen, vor allem im alpinen Bereich, haben Ärzte aber sehr viel in Personal und Infrastruktur investiert, um Touristen, z.B. nach Unfällen, behandeln zu können“, unterstreicht Wallner. Dies wäre einerseits ein wichtiger Beitrag zur Spitalsentlastung, andererseits profitiert in abgelegenen Regionen auch die einheimische Bevölkerung davon, weil die Entfernung zur nächstgelegenen Arztpraxis gering bleibt.

Eine pure Katastrophe

„Die Europäische Versicherungskarte bringt einen enormen Verwaltungsaufwand. Die Anweisungen, wie mit den entsprechenden Formularen umzugehen ist, sind sehr nebulos“, kritisiert Dr. Franz Eiter, Arzt für Allgemeinmedizin in Jerzens (Tirol). „Für die Ärzte in den Tourismusgemeinden ist die aktuelle Situation eine Katastrophe!“ Das beginnt damit, dass es mindestens 15 Minuten dauert, um alle relevanten Daten aufzunehmen. Besonders schwierig kann dies mit anderssprachigen Patienten sein. „Viele sehen die Notwendigkeit des umständlichen Procedere nicht ein“, betont Eiter. Außerdem haben viele Patienten überhaupt keine Unterlagen mit oder können nur handgeschriebene Zettel bzw. unleserliche Faxe vorweisen. „Wir haben von der Krankenkasse die Weisung bekommen, solche Unterlagen nicht zu akzeptieren“, berichtet Eiter. Damit werden die Patienten zu Privatkonditionen abgerechnet, was wiederum großen Unmut hervorruft, da sich die Urlauber versichert glauben. Die Regelung der EU ist hier aber ziemlich eindeutig: Wer die Europäische Versicherungskarte zu Hause vergisst, ist selbst schuld und muss zunächst zahlen. Refundiert wird dann meist nur der Kassenanteil.

Keine Vorbefunde verfügbar

Ein weiteres Problem spricht der Allgemeinmediziner Dr. Harald Spatzenegger, Bezirksärztevertreter im Pinzgau, an: „Vor allem wenn es um internistische Probleme geht, wäre es für eine Akutbehandlung eigentlich wichtig, über die Vorgeschichte der Krankheit, bereits durchgeführte medizinische Eingriffe und die derzeit eingenom-menen Medikamente Bescheid zu wissen.“ Wer im Urlaub sei, habe aber in den seltensten Fällen Befunde dabei. Auch die Compliance bei der Medikamentenmit- bzw. -einnahme sei in der Urlaubszeit meist geringer. „Das bedeutet dann“, so Spatzenegger, „dass ich mit dem Patienten, der seinen Urlaub so rasch wie möglich wieder fortsetzen will, alles mühsam erheben muss –und das zu Konditionen der Gebietskrankenkasse.“ Wenn die Urlaubssaison anbricht – sowohl im Winter als auch im Sommer –, bleiben die Telefone in Ordinationen wie jenen von Spatzenegger und Eiter nicht still. „Wir bekommen zu jeder Tages- und Nachtzeit Anfragen aus den Hotels und sollen Feuerwehr spielen, egal ob wir Dienst haben oder nicht“, so Eiter. „Auf jeden Fall können wir jetzt deutlich weniger Patienten zu Privatkonditionen behandeln, auch wenn einige Zusatzversicherungen durch Automobilklubs, Kreditkartenunternehmen oder den Reiseveranstalter haben“, ergänzt Spatzenegger. Dem stimmt auch Eiter zu: „Viele Kollegen haben hohe Summen in eine hochwertige Ausstattung und Personal investiert und sorgen so dafür, dass Touristen vor Ort schnell und umfassend behandelt werden können.“

Röntgen bei Allgemeinmedizinern gefährdet

Enormen wirtschaftlichen Druck sieht Eiter nicht nur durch die immer stärker spürbaren Auswirkungen der Europäischen Versicherungskarte. In Tirol sorgt auch die im Raum stehende strenge, zeit- und kostenaufwändige Kontrolle von bestehenden Röntgenanlagen bei niedergelassenen Ärzten für ernsthafte Probleme. „Einige Kollegen überlegen bereits aufzuhören, bei uns ist die nächste Röntgenstation aber 40 Kilometer entfernt“, betont Eiter. Diese Belastungen würden auch verhindern, dass die von Ärzten besonders in Tourismusregionen angestrebten Gruppenpraxen Realität werden: „Ich habe im Winter jede zweite Nacht Dienst und jeden Tag – 120 Tage lang – durchgehend“, berichtet Spatzenegger. Es gebe aber genügend Kollegen, die Arbeit bräuchten.

Zusatzversicherung vor Ort

Eiter fordert einen Zuschlag, z.B. auf Liftkarten oder zur Kurtaxe, „damit alle Touristen automatisch eine private Zusatzversicherung haben“. Die erforderlichen Zuschläge würden angesichts der großen Zahl von Touristen vergleichsweise klein ausfallen, aber einen wichtigen Bereich der medizinischen Notversorgung im „Urlaubsland Österreich“ gewährleisten. Zu den Konditionen der GKK könne insbesondere die Versorgung von Unfällen vor Ort durch niedergelassene Ärzte nicht aufrechterhalten werden, sind sich Eiter und Spatzenegger einig.

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