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Allgemeinmedizin 28. Juni 2006

Doping ist kein Kavaliersdelikt

Auch das neue Dopinggesetz wird nicht alle Probleme dieser Schattenseite der Sportwelt lösen. Ärzte sind vor allem in der Beratung und Begleitung von Sport treibenden Menschen gefordert. Über dem Leistungsgedanken sollte immer die Erhaltung der Gesundheit stehen.

„Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, und der Leistungssport ist ihr Spiegelbild“, meint Dr. Kurt Moosburger, Sport- und Ernährungsmediziner in Hall in Tirol. Für ihn sind Ereignisse wie die Dopingaffäre um das österreichische Team in Turin nur die Spitze eines Eisberges. „Im heutigen Spitzensport wird flächendeckend gedopt. Wer das in Frage stellt, ist blauäugig oder ein Heuchler“, meint Moosburger.

Ein Milliardengeschäft

Wer hier konkurrenzfähig bleiben will, wäre praktisch gezwungen „unterstützende“ Mittel zu nehmen. „Hochleistungssport ist ein Milliardengeschäft: Zuschauer, Medien, Sponsoren erwarten Topleistungen“, gibt der Sportmediziner zu bedenken. Er ist zudem der Überzeugung, dass auch im Breitensport Dopingmittel „alles andere als ein Tabu sind“. Im Vordergrund stehe oft nicht die Leistung, sondern nur der „optische Aspekt“ des eigenen Körpers im Sinne des Adonis-Komplexes. Unter jungen Männern sei übersteigerter Narzissmus und Muskeldysmorphophobie als Grundlage des „Bodybuilding“ weiter verbreitet als von der All-gemeinheit angenommen. Diese Tatsache werde aber vielfach noch tabuisiert oder bagatellisiert. Dieser Sichtweise Moosburgers kann sich Prof. Dr. Norbert Bachl, Leiter des Wiener Zentrums für Sportwissenschaft und Präsident der Europäischen Gesellschaft für Sportmedizin, nur teilweise anschließen: „Im Breitensport ist Doping nicht so sehr ein Thema, eher beim Krafttraining oder Bodybuilding.“ Teilweise würden Muskel aufbauende Anabolika aus illegalen Importen unter dem Tisch angeboten. Aus Bachls Sicht bringt das soeben erlassene Antidopinggesetz durchaus Fortschritte im Kampf gegen Doping. Als positiv wertet er, dass es zu keiner Kriminalisierung der Athleten kommt und Doping nicht mit dem Konsum von Suchtmitteln gleichgestellt ist. „Das Gesetz bringt allerdings für nieder-gelassene Allgemein- und Sportmediziner auch eine gewisse Problematik“, meint Bachl. „Es muss nun bei der Verabreichung von Medikamenten darauf geachtet werden, ob jemand im Spitzensport tätig ist.“ Dabei müssten nicht nur Sportler die Ärzte informieren, sondern diese auch gezielt nachfragen. „In einigen Fällen kann der Kontakt zum jeweiligen Verbandsarzt nötig sein, um abzuklären, ob bestimmte Substanzen für diese Sportart auf den Verbotslisten aufscheinen“, präzisiert Bachl. Immer wieder wird an Ärzte der Wunsch herangetragen, bei der sportlichen Aktivität – sei es Spitzen- oder Breitensport – „besser“ sein zu wollen. „Für jede Gabe von Medikamenten ist eine Indikation erforderlich“, betont Bachl. „Deshalb können und sollen Hausärzte solche Ansinnen ganz klar zurückweisen, denn Doping ist kein Kavaliersdelikt!“. Dem stimmt auch Prof. DDr. Josef Niebauer, Ärztlicher Leiter des Universitätsinstituts für Sportmedizin in Salzburg, zu: „Ziel wäre eine kontinuierliche medizinische Betreuung von Sportlern, die auf Nachhaltigkeit ausgelegt ist.“ Hausärzte könnten viel dazu beitragen, dass nicht nur der Leistungsgedanke, sondern auch die Gesundheit im Vordergrund steht.

Einmalige Untersuchungen sind der falsche Weg

Niebauer legt den niedergelas-senen Ärzten die Kooperation mit sportmedizinischen Einrichtungen nahe: „Sinnvoll ist, nicht nur eine einmalige Untersuchung zu machen, sondern die gesamte körperliche Entwicklung des Sportlers zu begleiten und sich im Bereich Leistungssteuerung entsprechend des Trainingsverlaufs durch regelmäßige Tests und Untersuchungen einzubringen. Damit ist für ein gesundes Training und Nachhaltigkeit gesorgt.“ Wichtig seien auch konkrete Empfehlungen für die Gestaltung des Trainings. Niebauer wünscht sich eine engere Kooperation zwischen Ärzten und Trainern: „Trainer tragen eine große Verantwortung, wenn es um das sensible Thema Doping geht.“ Bachl plädiert dafür, das Thema Sucht generell sowohl im schulischen Bereich als auch in Sportvereinen zu behandeln: „Das Suchtverhalten in der Gesellschaft ist immer stärker ausgeprägt. Das zeigt sich unter anderem im Umgang mit Mode- und Lebensstildrogen wie Kokain.“ Im Sinne der Prävention seien niedergelassene Ärzte besonders wichtige Akteure.

Nahrungsergänzungsmittel kritisch beurteilen

Informationsvermittlung durch Ärzte ist auch hinsichtlich Nahrungsergänzungsmittel gefragt, auf die viele Sportler zur Leistungssteigerung setzen. Aktuelle Studien zeigen aber, dass zumindest 15 Prozent der am Markt befindlichen Produkte mit anabol-androgenen Steroiden kontaminiert sind. Das IOC-Dopinglabor Seibersdorf hat gemeinsam mit anderen Partnern die Aktion „Saubere Nahrungsergänzungsmittel“ gestartet. Hersteller und Vertreiber sollen motiviert werden, Informationen zu ihren Produkten, insbesondere über Rohstoffe, Herstellung, Abfüllung etc., zur Verfügung zu stellen.
Vor diesem Hintergrund hält Bachl die profunde Information von Sport treibenden Menschen durch Ärzte für besonders wichtig: „Um bestimmte Trainings- und Leistungsziele zu erreichen, ist auch bei der Ernährung anzusetzen.“ Moosburger ist hingegen überzeugt, „dass es keiner Supplemente bedarf – nicht einmal im Leistungssport –, sondern das Augenmerk auf eine entsprechend ausgewogene Ernährung zu legen ist.“

Zu wenig Kontrollen

Eng verknüpft mit dem Thema Doping ist auch die Frage, wie oft und wie intensiv Kontrollen erfolgen sollten. „Hätten Dopingtests einen hundertprozentigen Erfolg, dann würde das heutige Leistungsniveau im Spitzensport auf jenes der 60-er Jahre absinken“, formuliert Moosburger seine provokante These. „Das stimmt“, meint Niebauer. „Es gibt im Sport Bereiche, wo viele Unterstellungen laut werden, aber niemand genau nachsieht.“ Ein Beispiel dafür sei der Radsport, wo es zwar immer wieder spektakuläre Enthüllungen gebe, die Breite der Kontrolle aber oft nicht intensiv genug sei.

Allein gelassene „Sünder“

„In diesen Bereichen ist man es den ehrlichen Athleten schuldig, zu prüfen, wer wirklich dopt“, so Niebauer. „Wird hier nur etwas unterstellt oder ist tatsächlich etwas dran an den Anschuldi-gungen?“ Sollte ein Sportler des Dopings überführt werden, besteht das Problem meist darin, dass der Athlet als alleiniger Sünder da steht und nicht das Umfeld, zu dem oft Ärzte und Trainer gehören. Immerhin verlasse sich der Sportler auf die Empfehlungen seiner Betreuer. „Vor allem Blut-doping kann ein Athlet nicht alleine still und heimlich im Hinterzimmer machen“, nennt Niebauer ein Beispiel. Dahinter verberge sich ein ganzes Team. Die Experten sind sich grundsätzlich einig, dass Doping viel stärker zum Thema gemacht werden müsste. Außerdem sollte es mehr finanzielle Mittel für regelmäßige und flächendeckende Kontrollen geben.

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