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Allgemeinmedizin 28. Juni 2006

Sternhagelvoll im Teenieclub

Neuer Trend oder altes Phänomen, das neuerdings bloß vermehrt wahrgenommen wird? Kaum den Kinderschuhen entwachsen, saufen Buben und Mädchen bis zum Umfallen, so mancher landet auf der Intensivstation. Mit einer bundesweiten Aktion will der Fonds Gesundes Österreich nun den Jungtrinkern den Gusto auf Wein, Bier und Caipirinha vermiesen.

Die Besatzungen von fünf Rettungen, ein Notarzt und ein Allgemeinmediziner mussten Ende Mai in Engelhartszell ausrücken, um in einem Großeinsatz die Passagiere der „MS Stadt Linz“ medizinisch zu versorgen. Nicht in einem Tsunami auf der Donau, sondern in einer Woge aus Alkohol war ein Großteil der 800 Studenten regelrecht abgesoffen. Als eine Orgie wie bei den alten Römern beschrieb der Kopfinger Gemeindearzt Dr. Franz Berger das Bild, das sich ihm bot.

Zehn Flaschen Alk für jeden innerhalb einer Woche

Maturareisen in Charterseglern, bei denen pro Passagier auch zehn Flaschen Alkohol an Bord kommen, Schulpartys, auf denen Wodkaflaschen kreisen, die Cocktailbar als Location für Geburtstagsfeste von 15-Jährigen: Für so manchen jungen Schluckspecht enden die Sauftouren aufgrund mangelnder Einschätzung der eigenen Trinkfestigkeit im Spital. 144 landeten etwa im Vorjahr in der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde, wo deren Vorstand Prof. Dr. Wilhelm Müller seit 1990 eine Statistik der in seiner Abteilung wegen Alkoholabusus eingelieferten Minderjährigen führt (siehe Grafik): Der jüngste Patient war 12, der älteste 18, das Geschlechterverhältnis ist ziemlich ausgewogen.

Nicht nur in Österreich

Auf Österreich beschränkt ist das Phänomen des Saufens bis zum Umfallen nicht. Tony Blair verpasste dem „Binge drinking“ unter Jugendlichen vor zwei Jahren die Zusatzbezeichnung „neue englische Krankheit“. Wie in England haben die ernüchternden Zahlen über die Jungzecher nun auch in Österreich die Gesundheitsbehörden auf den Plan gerufen. So startete der Fonds Gesundes Österreich Ende Mai eine bundesweite Kampagne mit dem Titel „Mehr Spaß mit Maß“. Mit dieser anlässlich einer Pressekonferenz vorgestellten Informationsoffensive will der Fonds Jugendliche für einen maßvolleren Umgang mit Alkohol sensibilisieren. Hauptelement sind vier – bereits laufende – TV-Spots, die auch im Kino zu sehen sind. Gleichzeitig machen Inserate in Jugend-Print- und Onlinemedien auf das Thema aufmerksam. Aufgebaut ist die Kampagne auf dem Konzept des seit Herbst 2004 in Vorarlberg laufenden Präventionsprojekts, dessen Träger die Stiftung Maria Ebene, das Vorarlberger Zentrum für Suchtarbeit, ist.

Vorarlberger Modell

„Eine Botschaft, mit der sich Jugendliche identifizieren können, ist eine Botschaft, die zum Nachdenken und zur Verhaltensänderung anregt“, so Maria-Ebene-Projektmanagementleiter Martin Hefel. Denn unter den vielen Funktionen des Alkohols sind für Jugendliche besonders seine Bedeutung als Statussymbol, als Ausdruck der Stärke und des Erwachsenseins und als Gleit- und Schmiermittel in der Kommunikation relevant. Auch Grenzen werden mit dem Konsum von Alkohol ausgelotet – und überschritten. Um den Aufmerksamkeitswert bei der Zielgruppe zu steigern, wurden die Spots von Vorarlberger Jugendlichen selbst gestaltet. Aber nicht nur die jungen Alkoholkonsumenten werden angesprochen. Ebenso in das Projekt eingebunden sind die Gastronomie und der Handel. Denn etliche Gastwirte und Supermarktkassiere nehmen es mit dem Jugendschutz gar nicht genau. So ergab etwa eine Mystery-Shopping-Tour im oberösterreichischen Innviertel unlängst, dass 60 Prozent der zu Alkoholkäufen ausgeschwärmten 13- bis 14-Jährigen die Spirituosen problemlos ausgehändigt bekamen. In Vorarlberg hat sich laut Hefel die Situation durch Schulungen des Verkaufspersonals im Zuge des Projekts bereits gebessert.

Spitzenplatz im Konsum von Bier, Wein und Schnaps

Allerdings, darüber sind sich die Leiter der Initiative durchaus im Klaren, herrscht in Österreich insgesamt eine alkoholerlaubende Kultur. Schon seit hundert Jahren nimmt die Alpenrepublik auf der Weltrangliste des Pro-Kopf-Verbrauchs einen vorderen Platz ein (wenngleich der Konsum in den letzten Jahren rückläufig ist). Ob es sich bei den Besäufnissen unter Jugendlichen um ein brandneues Phänomen handelt, kann jedoch nicht mit Gewissheit gesagt werden. Und auch die in der Presse kolportierten „alamierenden Zuwachszahlen“ hinsichtlich der Trinkgewohnheiten der jungen Generation sind besser mit einem Körnchen Salz zu nehmen. „Einzel­eindrücke hängen immer auch mit dem Stellenwert zusammen, dem man einem Thema gibt“, relativiert Dr. Alfred Uhl, Leiter der Alkoholkoordinations- und Informationsstelle AKIS des Anton-Proksch-Instituts, und verweist auf Feuerwehrfeste und Kirtage, auf denen in Österreich der Rausch traditionsgemäß Programm war, aber nicht weiter thematisiert wurde. Auch ist Uhl bei der Interpretation der Spitalsentlassungszahlen mit der Diagnose „Alkoholintoxikation“ vorsichtig. Es gebe zwar seit 1992 einen Anstieg in ganz Österreich, doch sei die Erstellung der Diagnosen über den Beobachtungszeitraum unter unterschiedlichen Rahmenbedingungen erfolgt. Möglicherweise sei die Zunahme auch damit zu begründen, dass sich die Konsumorte verstärkt in öffentlichere Bereiche verlagert haben, wo unbeteiligte Dritte dann eher die Rettung rufen, wenn ein Jungtrinker w.o. gibt. Ein anderer Grund mag darin liegen, dass infolge der Sensibilisierung für das Thema „Jugend und Alkohol“ und dem steigenden Bewusstsein, dass Alkoholvergiftungen auch letal ausgehen können, die Anwesenden eher professionelle Hilfe suchen. Die in das Vorarlberger Präventions-Projekt eingebundenen Ärzte sehen jedenfalls, dass rund zwei Drittel der mit Alkoholintoxikation ins Spital eingelieferten Jugendlichen „über die Stränge geschlagen haben. Die anderen haben ein Problem. Sie müssen öfters aus demselben Grund aufgenommen werden, etliche sind aufgrund ihrer Lebenssituation wahrscheinlich schon in jungen Jahren Entlastungstrinker“, so Hefel. Einer der Trends, die man aus den verschiedenen Erhebungen jedenfalls herauslesen könne, sei, dass Kinder immer früher erste relevante Erfahrungen mit Alkohol machen, was damit zusammenhängt, dass Kinder heute früher in die Pubertät kommen („Akzeleration“ nennen Psychologen und Soziologen dieses Phänomen). Zudem erfasst die Emanzipation auch die jungen Mädchen: Damit gleichen sich auch die Alkohol- und Rauchgewohnheiten der Geschlechter an, und zwar im negativen Sinn. Und, so Hefel: Je früher die jungen Menschen mit legalen Drogen wie Alkohol Erfahrungen machen, desto eher neigen sie dazu, sich auch illegalen Drogen zuzuwenden.

Alkohol macht gewalttätig

Abgesehen von den gesundheitsschädlichen Wirkungen, die Alkohol direkt auf den Körper haben kann und von den psychischen Erkrankungen, die mit Alkoholmissbrauch in Zusammenhang gebracht werden, zeigt sich in den Erhebungen noch etwas anderes: Während nur fünf Prozent der Burschen, die nie Alkohol trinken, in drei oder mehr Raufereien pro Jahr verwickelt werden, sind es 22 Prozent derjenigen, die wöchentlich, und 65 Prozent derjenigen, die täglich Alkohol trinken.

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