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Allgemeinmedizin 14. Juni 2006

Onkologen wollen Prävention forcieren

Zur Prävention von Krebserkrankungen ist ein suffizientes, schnell anwendbares Bündel von Maßnahmen verfügbar. Diese gelten zwar als medizinisches Allgemeingut, werden aber trotzdem zu selten spezifisch verordnet. Onkologen wollen daher Hochrisikopatienten genauer definieren, um sie prophylaktisch zu behandeln. Ansonsten droht bis 2020 die Verdoppelung von Krebsneuerkrankungen.

„Internationalen Schätzungen zufolge wird Krebs in zehn bis fünfzehn Jahren an erster Stelle der Todesursachen stehen. 2020 werden wir jährlich mit 15 Millionen Neuerkrankungen weltweit gegenüber heute sieben bis acht Millionen nahezu eine Verdoppelung der Neuerkrankungsrate erreicht haben“, erklärte Dr. Günther Linemayr, Facharzt für Innere Medizin und Onkologie, in seiner Funktion als Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Psychoonkologie (ÖGPO) in einer Aussendung. Daher fand Anfang Mai in Bad Ischl der ÖGPO-Kongress unter dem Motto „Gibt es eine Krebsprävention?“ statt. Onkologen verweisen im Vergleich zu anderen Disziplinen auf die mangelnde Schlagkraft der präventiven onkologischen Maßnahmen. So konnte in den letzten Jahren bei kardiologischen Erkrankungen die Mortalität spürbar gesenkt werden, während die Krebssterblichkeit trotz verbesserter Therapien konstant blieb.

Potenter Ansatz: Lebensstilmodifikation

Anscheinend ist die modern-westliche Lebenswelt mit einer hohen Dichte von psychosozialen Belastungen verknüpft. Dies ist laut Linemayr ein wichtiger Ansatzpunkt in der Krebsprävention, denn „wer anfällig ist für Stress, Angst und Depressionen, ist auch gefährdeter, an Krebs zu erkranken“. Nachteilige psychogene Einflüsse, so vermuten Wissenschaftler bereits lange, bewirken einen Effizienzverlust des Immunsystems, das in weiterer Folge seine Fähigkeit verliert, maligne Zellen aufzuspüren und unschädlich zu machen. Darüber hinaus, so Linemayr, steigere der Stress die typischen Krebs fördernden Lebensstilfaktoren wie Nikotinkonsum, Alkoholabusus und ungesunde Ernährung. Der Onkologe verwies auf eine norwegische Meta-Studie mit über 60.000 Teilnehmern, die eine deutliche Relevanz von hohen Angst-Scores hinsichtlich einer onkologischen Erkrankung beschrieb: „Menschen mit diesen Ängsten haben eine 25 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit prämaligne Veränderungen zu erfahren.“ Daher liegen die wichtigsten Gegenmaßnahmen auf dem präventiven Gebiet der Lebensstilmodifikation. Dazu gehören nicht nur der Verzicht bzw. die Reduzierung diverser Genussmittel, sondern auch eine Forcierung gesunder Ernährung sowie der persönlichen Fitness. So präsentiert sich das Brustkrebsrisiko bei Frauen, die vier Mal pro Woche vierzig Minuten lang Sport treiben, um die Hälfte reduziert.

Gezielte körperliche Aktivität

Jedoch führt nicht jeder Sport zur gewünschten Wirkung, wie Prof. Dr. Paul Haber, Leiter der Abteilung Sport- und Leistungsmedizin an der Wiener Universitätsklinik für Innere Medizin IV, ausführte: „Es geht um regelmäßiges Ausdauertraining, das in der Lage ist, organische Wachstumsprozesse auszulösen, so dass die funktionelle Kapazität von Organen und Stoffwechselprozessen verbessert wird.“ Als besonders geeignet gelten zyklische Sportarten, bei denen mehr als ein Fünftel der Muskelmasse in den Bewegungsablauf integriert wird. Dazu zählen etwa Radfahren, Wandern, Joggen, Rudern, Nordic Walken und Schwimmen. Dabei sollte eine Herzfrequenz eingehalten werden, die im Rahmen einer individuellen leistungsmedizinischen Untersuchung festgelegt wird.

Iatrogene Prävention

Neben der Eigenverantwortung des Patienten für seine Gesundheit kann freilich auch der Arzt präventiv eingreifen. Linemayr: „Die regelmäßige Einnahme von Aspirin senkt das Darmkrebsrisiko um bis zu 25 Prozent. Auch andere nicht-steroidale Antirheumatika und COX-2-Hemmer haben, ebenso wie Kalzium, Vitamin D und Folsäure, einen schützenden Effekt gegen Kolonkarzinome.“ Bei onkologischen Erkrankungen mit infektiösem Hintergrund werden mittlerweile suffiziente Präventionstherapien angeboten: HPV-Impfung gegen Uterushalskrebs, Hepatitisvakzination gegen Leberkarzinome oder Antibiotikatherapie zur Vorbeugung von durch Helicobacter pylori ausgelösten Magenkrebs. Auch der Einfluss einer Krebserkrankung auf das sexuelle Befinden stand in Bad Ischl zur Diskussion. „Ein großer Teil der Patienten klagt auch nach erfolgreicher Behandlung über sexuelle Beeinträchtigungen“, erklärte Dr. Christine Centurioni, Leiterin der Psychoonkologischen Abteilung am Krankenhaus St. Vinzenz in Zams. Die Hälfte der Männer verliert bei operativen Eingriffen infolge eines Prostatakarzinoms ihre Potenz. Eine Brustkrebs-OP hat zwar keinen direkten Einfluss auf die sexuelle Aktivität der Frauen, hinterlässt jedoch im emotionalen Bereich tiefe Gräben. Centurioni: „Frauen reagieren häufig mit Lustlosigkeit, Erregungsstörungen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr und Orgasmusschwierigkeiten. Männer leiden unter mangelnder Lust, Erektionsschwäche, Schmerzen und vorzeitiger oder ausbleibender Ejakulation.“ Daher empfiehlt Centurioni dringend sexuelle Beratungen, schließlich ließe sich ein Großteil dieser Störungen beheben. Dabei tut vor allem Aufklärung Not, dem steht aber weiterhin die Verdrängung sexueller Themen in den Tabubereich entgegen.

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 24/2006

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