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Allgemeinmedizin 20. Juni 2006

Mankos in der Neuro-Rehabilitation

Für die Neuro-Rehabilitation sollen mehr Spitalsbetten und ambulante Plätze geschaffen werden. Dieser Ansatz allein greift aber zu kurz, wie Erfahrungen aus der Praxis zeigen.

Neuro-Rehabilitation ist für Patienten aus folgenden Indikationsgruppen wichtig: zerebrovaskuläre Erkrankungen, neurologische Traumen bzw. Schädel-Hirn- und spinale Traumen sowie sonstige neurologische Erkrankungen. Laut Daten vom Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) geht es um etwa 50.000 Personen. Nach einem Vierparteien-Antrag an das Gesundheitsministerium beschloss der Gesundheitsausschuss kürzlich den Ausbau der stationären und ambulanten Neuro-Rehabilitation. Festgestellt wurde ein Fehlbedarf von rund 700 Betten und 1.600 ambulanten Plätzen.

Bekannte Schwächen

„In bestehenden Konzepten stehen eher einzeltherapeutische Maßnahmen im Vordergrund und nicht das interdisziplinäre Vorgehen, das über die Schnittstellen von stationärem und niedergelassenem Bereich hinausgeht“, kritisiert Heinz Hierzer, Geschäftsführer der Schädel-Hirn-Trauma-Lobby. „So positiv die Pläne für einen Ausbau der Neuro-Rehabilitation sind, greift dieser Ansatz leider in vielen Aspekten zu kurz.“ Erforderlich wäre zunächst ein qualifiziertes System, um Patienten mit Bedarf an Neuro-Rehabilitation besser klassifizieren und damit auch die konkreten Bedürfnisse feststellen zu können. Standardisierte Programme greifen oft zu kurz, insbesondere wenn es um Personen mit Schädel-Hirn-Trauma geht. „Für diesen Bereich müsste es eine eigens entwickelte Klassifikation auf ICF-Basis (Anm.d.Red.: Internationale Klassifikation der WHO für Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit) geben“, ist sich Hierzer sicher.

Lücken im stationären Angebot

„Im stationären Bereich gibt es grundsätzlich eine gut ausgebaute Struktur. Ausnahmen sind Wien und Niederösterreich, wo sicher Plätze fehlen. Die Zahl von 700 fehlenden Betten scheint mir zu hoch gegriffen“, kommentiert Prim. Dr. Peter Grieshofer, Ärztlicher Leiter der Rehaklinik Judendorf (Steiermark) und des vor kurzem eröffneten Rehazentrums in Wilhering (Oberösterreich). Allerdings ortet die ÖBIG-Studie gerade in Oberösterreich „weiße Flecken“ in der Versorgung. „Verglichen mit anderen Ländern, wie etwa den USA oder Großbritannien, steht Österreich in der Neuro-Rehabilitation sicher gut da“, sagt Grieshofer. „Auch die Verweildauer im stationären Bereich ist vergleichsweise lange genug möglich.“ Der Neurologe warnt davor, die Situation in Österreich mit jener in Deutschland zu vergleichen. Dort seien viele Einrichtungen nicht aus medizinischen Gründen entstanden, sondern waren auf Gewinnmaximierung mit zu wenig Rücksicht auf Qualität ausgerichtet. Mankos ortet Grieshofer vor allem bei der tagesambulanten Therapie. Sowohl im stationären, ambulanten als auch mobilen Bereich würden zudem Logopäden fehlen. Für diese gebe es zu wenig Ausbildungs- und Praktikumsplätze. Die Reha-Klinik Judenburg ist einer der wenigen Orte, an denen auch Neuro-Rehabilitation für Kinder und Jugendliche umgesetzt wird. „In Österreich fehlen zumindest 30 stationäre Betten“, meint Grieshofer, der auch strukturelle Maßnahmen für Wachkoma-Patienten einfordert.

Übliche Rehazeiten sind für viele Patienten zu kurz

„Eine mit 28 Tagen limitierte Neuro-Rehabilitation ist für viele Patienten sehr positiv, reicht aber andererseits für viele nicht aus“, ergänzt Prim. Dr. Andreas Winkler. Er ist Leiter der neuen Abteilung für neurologische Geriatrie und Rehabilitation am Haus der Barmherzigkeit in Wien 16. „Hier setzen wir sowohl einen multidisziplinären Ansatz als auch längerfristige Begleitung und Betreuung um.“ Dies ist allerdings nur über Spenden möglich, da für diesen eigentlich wichtigen Ansatz weder von Trägern noch der Gesundheitspolitik Mittel vorgesehen sind. Winkler ist sich sicher, dass das Rehabilitationspotenzial vieler Patienten unterschätzt oder nicht ausreichend gefördert wird. Aus Winklers Sicht beginnt das Problem aber schon, bevor jemand überhaupt einen Platz in der Neuro-Rehabilitation bekommt. Für die Aufnahme wird meist eine bestimmte medizinische Stabilität des Patienten vorausgesetzt. Oft kommen diese dann in ein Alters- und Pflegeheim, wo in den meisten Fällen keine Maßnahmen zur Neuro-Rehabilitation mehr gesetzt werden. „Diese Personengruppe braucht einen intermediären Bereich“, betont Winkler. Er und Hierzer sind zudem der Meinung, dass die Versorgungskette nach einer stationären Neuro-Rehabilitation oft abreißt. Beide halten „neben stationären und ambulanten Angeboten eine Aufwertung des mobilen Bereichs“ für unbedingt notwendig. Dabei sei auch auf die Unterstützung der Angehörigen bzw. die Förderung der Betroffenen hinsichtlich Lebensqualität und – wenn möglich – einer schrittweisen Rückkehr in den Arbeitsmarkt zu achten. „Es reicht nicht aus, wenn durch eine optimale Erstversorgung etwa nach Schlaganfall viele Leben gerettet werden. Die Betreuung muss auch danach weitergehen“, fordert Winkler. Gemeinsam mit Hierzer verweist er auf ein leider nicht umgesetztes, aber vorbildliches Konzept der mobilen Neuro-Rehabilitation in Oberösterreich. Die Assista wollte in Kooperation mit verschiedenen Institutionen, niedergelassenen Ärzten und Therapeuten nicht nur eine Tagesklinik, sondern auch mobile Rehateams anbieten. Dessen Mitglieder wären aus den Bereichen Medizin, Ergo- und Physio­therapie, Logopädie, Psychologie, Sozialarbeit, Pflege, Sport- und Psychotherapie gekommen. So hätten medizinische und soziale Rehabilitation zusammengeführt und als gemeinsamer Prozess betrachtet werden können.

Effizientes Case-Management

Vorgesehen war in diesem Konzept ein fallbezogenes Case-Management, also eine Koordination von Anfang an. „Da es in der Neuro-Rehabilitation um eine individuelle Vorgangsweise geht, ist das besonders wichtig“, sagt Hierzer. Die Schädel-Hirn-Trauma-Lobby entwickelt derzeit ein Konzept, in dem die Prozessbegleitung durch speziell geschulte Personen einen zentralen Part innehat.
„Der Hausarzt allein wäre mit dieser Koordinationstätigkeit überfordert, spielt aber eine wichtige Rolle im Netzwerk der Versorgung und kann wichtige Aufgaben im Schnittstellen-Management übernehmen“, ist Hierzer überzeugt. Das sieht Grieshofer ähnlich: „Allgemeinmediziner können Veränderungen in der Entwicklung von Betroffenen wahrnehmen und sie etwa bei erneuten Anträgen auf Rehabilitation unterstützen.“ Verstärkte Fortbildung von Ärzten zu diesem Themenfeld täte gut, sagt der Neurologe, denn „es gibt laufend neue Erkenntnisse und damit neue Möglichkeiten in Diagnose, Therapie und Rehabilitation“.

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