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Allgemeinmedizin 14. Juni 2006

Halbherzige Anti-Rauchen-Kampagnen

Sowohl in die Präventionsarbeit als auch in Behandlungsprogramme für Raucher wird vergleichsweise wenig investiert. Kaum thematisiert wird die Sucht nach Nikotin. Bei finanziellen Mitteln für Forschung und Werbung wird gegeizt.

Etwa 1,2 Millionen Männer und 1,1 Millionen Frauen greifen in Österreich täglich zur Zigarette. Als „Anregung“ zum Abgewöhnen gibt es immer wieder Kampagnen und Aufrufe. So forderte die Österreichische Ärztekammer kürzlich eine strenge Umsetzung des Rauchverbots in Lokalen. „Mit den Kampagnen wird zwar vermittelt, dass Rauchen körperliche Erkrankungen verursachen kann. Das Faktum, dass Nikotin eine vielfach unterschätzte und heruntergespielte Suchterkrankung verursacht, wird aber viel zu wenig thematisiert“, kritisiert Prim. Dr. Felix Fischer, Facharzt für Psychiatrie und Leiter des Therapiezentrums Traun. „Oft ist wenig Wissen über die Inhaltsstoffe der Zigarette vorhanden, etwa über das Kohlenmonoxid“, ergänzt Mag. Patricia Göttersdorfer. Die klinische Psychologin und Psychotherapeutin arbeitet an der Landesklinik Hochegg.

Hohe Anforderungen

Die in einigen Kassenambulatorien angebotenen kostenlosen Angebote zur Raucherentwöhnung würden viel zu kurz greifen. „Es geht um eine massive Veränderung des Lebensstils, um die Bewältigung von Stress, die Freizeitgestaltung, das Selbstwertgefühl usw. Dazu kommen können dahinter liegende Probleme wie etwa Depressionen. Und es geht um den Umgang mit der Abhängigkeit von einer Suchtsubstanz“, so Göttersdorfer. In Hochegg wird eine langfristige und damit meist wirksame Raucherentwöhnung angeboten. Es dauert in etwa drei Monate, bis ein Ex-Raucher ein neues, „rauchfreies“ Verhalten gefunden hat. „An-gesichts von Raucherkarrieren mit 20 oder 30 Lebensjahren ist das ein überschaubarer Zeitraum“, betont Göttersdorfer. Bis auf Programme in einigen Spitalszentren werden solche Angebote nicht von der Kasse finanziert. „Es ist ein gesundheitspolitischer Skandal, dass die Kasse Raucherentwöhnung im niedergelassenen Bereich nicht bezahlt, obwohl Nikotinsucht längst eine nach ICD 10 anerkannte Krankheit ist“, ärgert sich Prim. Dr. Kurt Aigner. Er ist Leiter der Lungenabteilung am Krankenhaus der Elisabethinen in Linz und Präsident der „Initiative Ärzte gegen Raucherschäden“ (www.aerzteinitiative.at).

Langfristige Angebote gefragt

Aigner weist darauf hin, dass „Rauchen eine sozial akzeptierte Sucht ist. Gerade deswegen brauchen Raucher eine langfristige Begleitung, denn eine Entwöhnung kann man sich nicht einfach im Supermarkt kaufen.“ Das sieht auch Fischer so: „Der Hausarzt ist eine zentrale Anlaufstelle für das Problem, hat aber – auch weil es kein adäquates Honorar gibt – zu wenig Zeit für ein ausführliches Gespräch, geschweige denn eine langfristige Nikotinentwöhnung. Ganz zu schweigen von den Kosten für manchmal nötige Medikamente.“ Mangels Finanzierung kommt auch keine Kooperation mit Psychologen oder Psychotherapeuten zustande; auch diese Entwöhnung muss aus der eigenen Tasche bezahlt werden. „Es ist schlicht eine Unverschämtheit, dass es für diese sehr große, suchtkranke Bevölkerungsgruppe keine wirklich adäquaten Angebote gibt“, unterstreicht Fischer.

Zu wenig Mittel für Forschung und Werbemaßnahmen

Außerdem fordert er mehr Mittel für die Forschung: Zahlen zu Rauchern und deren konkreten Verhalten würden nach wie vor zu stark auf Schätzungen beruhen. Aigner wiederum urgiert deutlich mehr Mittel für die Forschung hinsichtlich Prävention: „Hier müsste viel stärker angesetzt werden, das Einstiegsalter von Zigarettenrauchern wird immer niedriger.“ Es gebe zwar Programme für Kinder und Jugendliche, aber wie bei den Erwachsenen würde viel zu zaghaft und eben mit zu wenig Mitteln vorgegangen werden. Die oft kurzfristigen Anti-Rauchen-Kampagnen stehen einer langfristigen Werbestrategie der Tabakkonzerne gegenüber: „Kleine Handzettel müssen sich mit riesigen Plakaten messen, die das ganze Jahr über an den besten Plätzen zu sehen sind“, analysiert Fischer. Dass für die Werbung für das Nichtrauchen nicht mehr Geld zur Verfügung steht, führt der Psychiater auf das Lobbying von Tabakkonzernen bzw. unter anderen von Gastronomen zurück. Auch Aigner kritisiert die vergleichsweise geringen Mittel, die für Kampagnen gegen das Rauchen zur Verfügung stehen: „In anderen Ländern wird die Tabaksteuer zweckgebunden in diesen Bereich investiert.“ Laut aktuellen Untersuchungen sei Österreich im Europavergleich Schlusslicht in Bezug auf restriktive Maßnahmen gegen das Rauchen.

Schutz für Passivraucher

Die derzeitige Lösung in Gastronomiebetrieben bezeichnet Aigner als „gesundheitspolitisches Feigenblatt“. Anders als oft dargestellt, gebe es keine Nichtraucher-, sondern höchstens Passivraucherzonen. Außerdem werde das dort tätige Personal in den Diskussionen oft „übersehen“. „Passivrauchen wird trotz zahlreicher aktueller Befunde zu dessen Schädlichkeit heruntergespielt“, kritisiert Aigner. Fast drei Viertel aller Kinder wachsen in Haushalten auf, in denen über längere Zeiträume geraucht wird. „Dass auch die ‚schnelle Zigarette’ am Balkon ein Problem für die Innenraumluft und damit die Gesundheit aller Bewohner darstellt, wird überhaupt nicht thematisiert“, beklagt der Lungenfacharzt. Nach dem Rauchen brauche es mindestens zwei Minuten, bis die Atemwege frei von den Inhaltsstoffen der Zigarette seien. Problematisch wäre vor allem die Häufigkeit, mit der sowohl der berühmte „letzte Zug“ und die in der Lunge verbliebenen Schadstoffe in die Wohnung oder an den Arbeitsplatz getragen werden.

Argumente für striktes Verbot

Aigner befürwortet das generelle Rauchverbot in Lokalen in Ländern wie Italien, Irland und Frankreich: „Berechnungen aus den USA, wo dies noch länger Tradition hat, zeigen, dass rauchfreie Gastronomiebetriebe mehr Umsatz machen.“ Die Besucher konsumierten mehr, unter anderem weil das Essen ohne Rauch besser schmecke. „Es wird so getan, als ob es die freie Entscheidung eines Rauchers sei, sich an ‚empfohlenen Verboten’ zu orientieren“, sagt Göttersdorfer. „So wird der Suchtcharakter des Problems völlig ausgeblendet.“ Sie plädiert für „klare Verbote, die auch sanktioniert werden“.

Sinnvolles Rauchertelefon

Alle Gesprächspartner begrüßen die neue Initiative des Rauchertelefons (0810/810-013). Aigner weiß von entsprechend guten Erfahrungen mit einem vergleichbaren niederschwelligen Angebot in Deutschland. Trotzdem bleibt die Frage, wie dieses Angebot publik gemacht und wie lange von politischer Seite dafür Geld in die Hand genommen wird. „Es darf nicht sein, dass Raucher stundenlang verschiedene Verzeichnisse durchsuchen müssen, um Beratungsangebote zu finden“, kritisiert Fischer. Initiativen wie dem „Rauchertelefon“ müssten deshalb ähnliche Werbemittel und Werbeflächen zur Verfügung stehen wie Tabakprodukten.

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