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Allgemeinmedizin 31. Mai 2006

Kriminalisierung der Ärzte?

„Kriminalisierung der Ärzte“ und „Untergrabung des Arzt-Patienten-Verhältnisses“ waren einige der Vorwürfe, die seit Bekanntwerden des Entwurfs zur neuen Suchtgift-Verordnung des Bundesministeriums für Gesundheit und Frauen (BMGF) Anfang 2006 von vielen Ärzten laut geworden sind. Am 16. Mai wurde Pro und Kontra noch einmal heftig diskutiert.

Namhafte Kritiker nutzten die Gelegenheit, ihre Einwände in einer öffentlichen Podiumsdiskussion in Wien direkt mit dem Nationalen Drogenkoordinator Dr. Franz Pietsch, BMGF, sowie Prof. Dr. Reinhard Haller, Leiter des Vorarlberger Suchtbehandlungszentrums Maria Ebene, zu diskutieren. Auf Seiten der Kritiker standen Prof. Dr. Alfred Springer (Ludwig-Boltzmann-Institut für Suchtforschung am Anton Proksch-Institut Wien), Dr. Hans Haltmayer (Leiter des Wiener Ambulatorium Ganslwirt) und Dr. Ekkehard Madlung (Leitender Oberarzt an der Drogenstation im Psychiatrischen Krankenhaus in Hall in Tirol). In Österreich sind etwa 25.000 bis 30.000 Personen von illegalen Drogen, vorwiegend Opiaten, abhängig. Rund ein Drittel davon steht in Substitutionstherapie und erhält – neben umfassender psychosozialer und gesundheitlicher Betreuung – orale Ersatzdrogen auf ärztliches Rezept: vor allem Methadon, Buprenorphin und retardierte Morphine.

Gründe für die Novelle

Die Rechtslage der Substitutionstherapie war seit 1998 auf dem Erlassweg geregelt. Die jetzige Novelle zum Suchtgiftgesetz sei nicht wegen der retardierten Morphine gemacht worden, betonte Pietsch, der auf Beamtenebene für die Verordnung verantwortlich ist, sondern Folge einer über eineinhalbjährigen Evaluierung der Suchttherapie durch ein Gremium namhafter Experten. Dennoch hätten viele Neuerungen (siehe Kasten) etwas damit zu tun, dass den retardierten Morphinen offensichtlich ein besonderes Missbrauchs-potenzial zu Eigen sei. „Im Substititutionserlass 1998 wurde Methadon als Mittel der ersten Wahl angeführt und die Verordnung von retardierten Morphinen nur in ausgewählten Fällen vorgesehen“, betonte Haller. Diese „Ausnahmefälle“ hätten sich so entwickelt, dass plötzlich 70 Prozent der Patienten retardierte Morphine erhielten. Dabei gebe es für deren Wirkung in dieser Indikation keinen wissenschaftlichen Beweis.

Missbrauch von Morphinen versus Stigmatisierung

Mit retardierten Morphinen werde enormer Missbrauch betrieben, so Haller. Aktuelle Untersuchungen an der Innsbrucker Gerichtsmedizinischen Universitätsklinik hätten klar belegt, dass die Zahl der Todesfälle infolge Morphins steil angestiegen sei. Für Haller ist es daher selbstverständliche Pflicht der Behörde, einzuschreiten und auch für eine erhöhte Abgabesicherheit von Substitutionsmitteln zu sorgen. „Drogenabhängigkeit hat etwas mit Erkrankung, aber auch viel mit Stigmatisierung und Vorverurteilung zu tun“, betonte Haltmayer: „Diese Verordnung trägt den Geist der Stigmatisierung über weite Strecken in sich und dehnt sie sogar auf die Ärzte und auf Arzneimittel aus. Es gibt gute und böse Arzneimittel. Ärzten wird die Kompetenz abgesprochen, medizinische Entscheidungen wie die Auswahl von Medikamenten zu treffen. Das wird über das Suchtgiftgesetz und damit strafrechtlich geregelt.“ Ärzte würden zur Ausbildung verpflichtet, weil sich einige ihrer Patienten nicht gesellschaftlich gewünschten Verhaltensweisen anpassten, kritisierte Haltmayer. „Missbrauch von Arzneimitteln ist ein Symptom der Suchterkrankung, und Symptome lassen sich nicht verbieten, wohl aber behandeln. Drogenabhängige werden weniger als Kranke, sondern vielmehr als Asoziale mit gewissem kriminellem Potenzial betrachtet.“ Früher sei man der Ansicht gewesen, das Ziel der Substitutionstherapie sei Abstinenz, ergänzte Springer: „Das war ein Fehler. Manche Patienten sind davon abhängig, lange Zeit ein Substitutionsmittel zu erhalten, während für andere tatsächlich die Abstinenz zur besseren Lebensqualität führt. Für uns Ärzte muss die Lebensqualität unserer Patienten an erster Stelle stehen und nicht ein vorgegebenes, noch dazu politisches Therapieziel.“ Die Verbesserung von Qualitätskriterien und Abgabesicherheit sei richtig. Aber den Zugang zur Therapie zu erschweren, sei der falsche Weg, kritisierte Springer. Die Behandlungsplätze und -möglichkeiten müssten vielmehr ausgebaut werden, um noch mehr Drogen-abhängige in Therapie zu bringen. Wichtig sei vielfältiges Angebot von unterschiedlichen Behand-lungen, Medikamenten und Applikationswegen.

Was hilft, das zählt

„Um mehr Patienten in Behandlung zu bringen, sind für die Patienten attraktive Medikamente notwendig“, betonte Springer. Wenn jemand komme, der retardierte Morphine haben wolle, weil er von verschiedenen Vorteilen gehört habe, dann sei das eine Anbindung. Denn nur ein Drogenabhängiger, der in Behandlung komme, könne geschult, aufgeklärt und medizinisch behandelt werden. „Nicht die Menschen, die mit retardierten Morphinen behandelt werden, sterben daran, sondern jene Personen, die diese Substanzen missbräuchlich, eben nicht ärztlich verordnet, verwendet haben“, unterstrich Madlung. Morphin sei pharmakologisch eine der sichersten Substanzen, auch weitaus sicherer als Methadon. „Drogensucht hat eine Krankheits-immanente hohe Mortalität. Diese können wir am besten durch Behandlung senken“, so Madlung weiter. „Wenn es uns gelingt, mehr als derzeit 25 bis 30 Prozent der Suchtkranken in Substitutionsbehandlung zu bekommen, wäre dies ein Riesenfortschritt. Und das gelingt am besten mit retardierten Morphinen.“

 Novelle des Suchtgift-Gesetzes

 Podiumsdiskussion

Podiumsdiskussion „Drogentherapie“ (v.l.n.r.): Prof. Dr. Alfred Springer (Ludwig-Boltzmann-Institut für Suchtforschung am Anton Proksch-Institut Wien), Prof. Dr. Reinhard Haller (Leiter des Vorarlberger Suchtbehandlungszentrums Maria Ebene), Ronald Barazon (Moderator), Dr. Hans Haltmayer (Leiter des Wiener Ambulatorium Ganslwirt), Dr. Ekkehard Madlung (Leitender Oberarzt an der Drogenstation im Psychiatrischen Krankenhaus in Hall in Tirol), Dr. Franz Pietsch, Nationaler Drogenkoordinator.

Foto: Klaus Huber

Aktuelle Infos zu dem Thema unter der neuen Internetplattform:
www.drogensubstitution.at

Dr. Klaus Huber, Ärzte Woche 22/2006

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