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Allgemeinmedizin 30. Mai 2006

Medizin allein reicht nicht mehr (Letzte Folge)

Die Medizin der Zukunft wird neben ihrer Kernkompetenz noch stärker als bisher auf ökonomische und juristische Aspekte Acht geben müssen.

Wer heute Arzt werden will, hat eine Reihe von Hürden zu überwinden: Von den Zugangsregelungen der Universitäten über die Wartezeit bis zum Turnus- oder Facharztausbildungsplatz bis hin zur adäquaten Karriereplanung. Die Auswahl an attraktiven Sonderfächern ist groß, die Zahl der Ausbildungsplätze allerdings in fast allen Fächern stark beschränkt. Hinzu kommt, dass Mobilität und Flexibilität gefragt sind – neben Kompetenzen wie Team- und Kommunikationsfähigkeit, Belastbarkeit und Stressresistenz. Das neue Medizin-Curriculum will diesen Umständen ebenso Rechnung tragen wie die neue Ausbildungsordnung, deren Ver-abschiedung durch Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat laut Ärztekammerpräsident Dr. Reiner Brettenthaler „stündlich“ erwartet wird. Im Interview mit der ÄRZTE WOCHE spricht Brettenthaler über die Herausforderungen, vor denen junge Medizinerinnen und Mediziner heute stehen, was an der neuen Ausbildungsordnung besonders
begrüßenswert ist und welche zusätzlichen Kompetenzen Mediziner in Zukunft benötigen, um im härter gewordenen Wettbewerb erfolgreich bestehen zu können.

Welche Änderungen in der neuen Ausbildungsordnung sind besonders bemerkenswert?
Brettenthaler: Herauszuheben ist das neue Sonderfach Kinder- und Jugendpsychiatrie. Damit konnte einem dringenden Bedarf entsprochen werden. Bemerkenswert ist auch, dass die Ärztekammer in Zukunft durch die neue Ausbildungsordnung die Ausbildungsinhalte viel genauer festlegen kann, etwa was die Richtfallzahlen für einzelne Operationen betrifft.

Warum wurde der Facharzt für Allgemeinmedizin nicht in die Ausbildungsordnung aufgenommen?
Brettenthaler: Dazu wäre erstens eine Novelle des Ärztegesetzes notwendig. Zweitens hat die Ärztekammer dem Ministerium bereits vor eineinhalb Jahren entsprechende Vorschläge präsentiert, auf die allerdings nicht reagiert wurde. Erst jetzt, nach massivem Druck, ist das Ministerium bereit, eine Arbeitsgruppe einzurichten, die einen Facharzt für Allgemeinmedizin erarbeiten soll. Mit einer Umsetzung kann frühestens in zwei Jahren gerechnet werden.

Wie kann die Ausbildung in den Lehrpraxen verstärkt bzw. verbessert werden?
Brettenthaler: Die Lehrpraxen benötigen, um wirtschaftlich arbeiten zu können, unbedingt finanzielle Unterstützung. Ein junger Arzt, der im Krankenhaus mit einem akzeptablen Verdienst seinen Turnus absolviert, wird nicht in eine Lehrpraxis gehen, um dort 800 Euro im Monat zu verdienen. Die Ärztekammer hat daher Reformpoolprojekte eingereicht, um die Dotierung der Lehrpraxen verbessern zu können und sie damit attraktiver zu machen. Der Reformpool ist mit mehreren Millionen Euro ausreichend dotiert, um die Ausbildung in den Lehrpraxen finanziell attraktiv zu machen. Wir rechnen damit, dass es bereits im Herbst dieses Jahres möglich sein wird, daraus Geld für Lehrpraxen zu lukrieren.

In zahlreichen Sonderfächern sind die Ausbildungsplätze stark limitiert oder gar nicht vorhanden, z.B. Medizinische Biophysik und Sozialmedizin. Welche Konsequenzen zieht die Österreichische Ärztekammer daraus?
Brettenthaler: Die angesprochenen Fächer wurden aus hochschulrechtlichen Gründen in den 90-er Jahren des 20. Jahrhunderts geschaffen und werden so lange existieren, solange noch Kollegen diese Fächer ausüben. Wenn allerdings in einem Fach jahrelang niemand ausgebildet wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es ausläuft. Die Ärztekammer kann leider keine Ausbildungsplätze finanzieren. Ob und in welchem Umfang ausgebildet wird, entscheiden die Rechtsträger der jeweiligen Ausbildungsstellen.

Welche Auswirkungen wird das neue Medizin-Curriculum auf die Facharztausbildung haben?
Brettenthaler: Wenn das Curriculum das hält, was es verspricht, dann haben wir praktischer ausgebildete Kolleginnen und Kollegen, die sich leichter in den Ausbildungsalltag einfinden. Ob es tatsächlich so ist, wird die Praxis weisen.

Welche Maßnahmen sind zur Frauenförderung in bestimmten Sonderfächern an-gedacht, z.B. Urologie, Gynäkologie, Unfall- chirurgie und Kinderchirurgie?
Brettenthaler: Tatsache ist, dass bei der Prüfung zum Arzt für Allgemeinmedizin schon 66 Prozent aller Kandidatinnen weiblich sind. Auch die Zahl der Fachärztinnen steigt, ebenso wie die Anzahl der Kassenärztinnen. Die Verweiblichung der Medizin schreitet voran. Es handelt sich hier um einen internationalen Trend. In manchen Fächern sind heute bereits mehr Frauen als Männer tätig, etwa in der Augenheilkunde, der Dermatologie und der Anästhesie. Die Ärztekammer selbst kann keine Frauenförderungsprogramme beschließen. Wir können nur darauf achten, dass derartige Programme in Krankenhäusern und an der Universität eingehalten werden.

Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes hat zu einem Ansturm deutscher StudentInnen auf die österreichischen Medizinunis geführt. Welche Maßnahmen müssen hier in Zukunft gesetzt werden?
Brettenthaler: Die Zugangsregelungen für die Medizinunis sieht die Ärztekammer als notwendig und positiv an. Die Medizin internationalisiert sich, und Österreich kann sich diesem Trend nicht entziehen. Die Arbeitsbedingungen für Ärzte sind zudem in Österreich derzeit besser als in Deutschland, was den Standort für viele deutsche Kollegen attraktiv macht. Das soll so bleiben. Ich denke nicht, dass die Konkurrenz aus dem europäischen Ausland für die jungen Kolleginnen und Kollegen in Österreich schädlich ist.

Welche Herausforderungen kommen auf die medizinische Ausbildung in den nächsten Jahren zu?
Brettenthaler: Die wahre Herausforderung an die Medizin ist wahrscheinlich, sich gegen die Ökonomie durchzusetzen. Das ist der Megakonflikt, den wir im Hintergrund haben. Die Ökonomen sind die neuen Herren im Gesundheitswesen. Und in der Ausbildung müssen wir die Mediziner dazu bringen, dass sie mit diesen Ökonomen konkurrieren können - auch im betriebswirtschaftlichen und juridischen Bereich.

 

Sabine Fisch, Ärzte Woche 22/2006

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