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Allgemeinmedizin 23. Mai 2006

Nicht nur bei Gewitter: Den Eichen weichen

Juckende Ekzeme, Urtikaria und Asthmaanfälle können die Folge von allzu nahem Kontakt mit den Härchen der Eichenprozessionsspinnerraupe sein. Das Problem: Man sieht die winzigen Giftpfeile nicht, die sich in die Haut bohren und die Atemwege reizen. Und: Man muss dazu weder die Raupen streicheln noch in den tiefen Wald. Der Wind treibt die Brennhaare überall hin.

Zu bestimmten Tageszeiten in den Monaten Mai bis Juli sind auf Eichenbäumen wahre Prozessionen zu sehen. Von ihren Sammelplätzen oder gut getarnten Nestern aus begibt sich ein Trupp aus rund fünf Zentimeter langen, grauen, fein behaarten Raupen auf Nahrungssuche in Richtung Astspitzen. Während die jüngeren Exemplare noch einzeln hintereinander herziehen, bilden die älteren Züge von 20 bis 30 nebeneinander wandernden Larven, zuweilen sogar bis 50 Zentimeter breit und mit einer Länge von mehr als zehn Metern. Dieser lange Marsch in Richtung Mahlzeit gab den Insekten ihren Namen: Eichenprozessionsspinner (für Entomologen: Thaumetopoea processinea). Die Motten selbst, die sich ein paar Monate später aus den Larven entwickeln, sind völlig unscheinbar und leben nur wenige Tage.

Ausbreitung nach Westen

Das Hauptverbreitungsgebiet des Schmetterlings liegt in Zentral- und Südeuropa, seit 2002 vermehrt er sich besonders rasant. „Das macht die insektenfreundliche Witterung der letzten Jahre“, sagt Dipl.-Ing. Dr. Christian Tomiczek, Leiter des Instituts für Waldschutz am Bundesamt für Wald. In den Gebieten, in denen sich der Eichenprozessionsspinner am ­wohlsten fühlt – der westliche Wienerwald samt angrenzenden Grundstücken und Parkanlagen in Wien, die Bezirke Eisenstadt und Jennersdorf sowie Graz bis Leibnitz – kommt es in den letzten Jahren zu einem veritablen Massenauftreten. Zudem vergrößern sich diese Gebiete, in westlicher Richtung reicht die Plage schon bis weit über Bayern hinaus. Dass derartige Populationen der Raupe Nimmersatt ganze Wälder kahlfressen, kommt erstaunlicherweise selten vor, weil sich die Eichen schnell regenerieren. Weit mehr noch als die Flora leidet aber der Mensch.

Giftharpunen als Waffen

„Juckreiz, Hautausschläge, Atembeschwerden“, fasst Prof. Dr. Harald Maier von der Universitätsklinik für Dermatologie an der Meduni Wien die Beschwerden zusammen, die die Schmetterlingspuppe verursacht. Ihr charakteristisches Aussehen bekommen die Raupen von ihren seidigen, auf rotbraunen Warzen sitzenden Haaren. Die sind aber, so mächtig sie auch für eine Raupe aussehen mögen, völlig harmlos. Ab dem dritten von sechs Stadien, die die Raupen durchleben, bilden sie jedoch klitzekleine Härchen aus, die Harpunenspitzen ähneln und winzige Ampullen tragen, die das Eiweißgift Thaumetopoein enthalten, eine Waffe gegen ihre natürlichen Feinde. Mit diesen Härchen piesaken die Larven die menschliche Haut auf zweierlei Art: mechanisch und biochemisch. „Das Tückische ist“, so der Hautarzt zur ÄRZTE WOCHE, „man sieht die Gifthärchen nicht. Aber einmal auf der Haut, bohren sie sich durch ihre Widerhaken bei jeder Bewegung tiefer hinein, brechen ab, und das Gift entleert sich.“ Die Diagnose kann sich schwierig gestalten, denn die entstehenden Ausschläge sind nicht typisch. So können sich die Patienten mit streifigen Rötungen präsentieren, mit Kratzspuren wie bei einer toxischen Dermatitis. Selten, eher bei Kindern, kommt es zu einer kleinflächigen Urtikaria. Am häufigsten entstehen bei der so genannten Raupendermatitis größere rote Knötchen, die längere Zeit bestehen bleiben und für den Betroffenen recht lästig sind. Das Leitsymptom ist jedenfalls starker Juckreiz. Bei manchen, vor allem bei vorbelasteten Menschen, kommt es auch zu regelrechten Asthmaanfällen, ein Zeichen dafür, dass die Härchen bzw. ihre Giftstoffe auch in die Atemwege vordringen. Und noch weiter: Auch ein Schwindelgefühl und leichte Übelkeit werden von den Spinner-Opfern beschrieben. Wie es genau zu diesen Reaktionen kommt, ist noch nicht ganz klar. Es gibt Berichte darüber, dass es sich dabei um eine Allergie handelt, aber auch eine Pseudo­allergie wird diskutiert. Die Arbeitsgruppe des Dermatologen Maier sieht eher die direkte Giftwirkung im Vordergrund, zumal, anders als bei Allergien, ein Gewöhnungseffekt beobachtet wurde, die Reaktionen mit den Jahren also abnehmen können. Um den Eichenprozessionsspinner als Ursache eindeutig festzumachen, reicht laut Maier die Blickdiagnose nicht. Vielmehr ist es wichtig, darauf zu hören, ob der Patient von einem Ausflug oder Spaziergang in letzter Zeit spricht. „Bei unklaren Ausschlägen um diese Jahreszeit sollte man immer an den Eichenprozessionsspinner denken“, so der Hautarzt. Was die Therapie anlangt, so reichen meist Antihistaminika und topische Kortisonzubereitungen. Weit schwieriger als die Behandlung ist es, die Ursache auszuschalten. Denn der Kontakt mit den Tieren muss gar nicht unmittelbar erfolgen. Auf ihren Märschen in Richtung Grünfutter lassen die Raupen permanent Haare, die vom Wind verweht werden. Und: Das Gift bleibt auch in abgefallenen, auf dem Boden liegenden Härchen über mehrere Jahre aktiv. Das wurde etwa für ein Ehepaar mit Haus und Garten nahe dem Wienerwald prekär. „Sie mussten das Grundstück verkaufen“, erzählt Maier, „der Boden des Gartens war total kontaminiert, keine Chance, die Raupenhaare wegzubekommen.“

Nicht selbst auf die Jagd gehen

Bei vom Eichenprozessionsspinner befallenen Bäumen auf dem eigenen Grundstück die Nester selbst zu entfernen ist keine gute Idee. Durch die Manipulation – auch durch den Luftzug beim Verbrennen – können die Härchen erst recht in der Gegend herumgewirbelt werden. „Dazu gibt es die Feuerwehr oder aber Schädlingsbekämpfer“, empfiehlt Waldschützer Tomiczek. Der Rat des Dermatologen vor allem an Schulärzte: In den Schulen darüber aufklären, dass von Mai bis Schulschluss besser keine Ausflüge in Eichenwälder unternommen werden. Vor allem bei windigem Wetter können dort die Brennhärchen wie Giftpfeile herumschwirren. „Auch ein Picknick unter einem Eichenbaum im Park ist nicht empfehlenswert.“

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