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Allgemeinmedizin 31. Mai 2006

Pflegende Angehörige haben’s schwer

Punktuell gibt es zwar gute Projekte, die pflegende Angehörige unterstützen, ein Gesamtkonzept fehlt allerdings. Dies gilt auch für die Rahmenbedingungen der Tätigkeit von Hausärzten in der Hauskrankenpflege.

In Österreich leben mehr als 540.000 Menschen mit Pflegebedarf, jede vierte Familie ist direkt betroffen. In den nächsten fünf Jahren wird diese Zahl auf etwa 800.000 ansteigen, schätzen Insider. Etwa 80 Prozent der Pflege erfolgen im familiären Umfeld. Aus einer aktuellen Studie des Österreichischen Bundesinstituts für Gesundheitswesen (ÖBIG) geht hervor, dass sich mehr als zwei Drittel der pflegenden Angehörigen bei ihrer Betreuungs- und Pflegearbeit überlastet fühlen. „In den meisten Fällen ist es ein stark herausfordernder Job rund um die Uhr, jeden Tag und das ganze Jahr – und ohne auf eine Ausbildung zurückgreifen zu können“, analysiert Mag. Monika Maier, Sprecherin der Arge Selbsthilfe Österreich. In dieser arbeiten alle Dachverbände der Selbsthilfegruppen zusammen.

Ständige (Selbst-)Überlastung

Sowohl die Erwartung von außen als auch die eigene Vorstellung, die Pflege und alles Drumherum allein bewältigen zu müssen, belasten Angehörige. Die eigenen Bedürfnisse werden faktisch völlig hintangestellt, hinzu kommt die physische Belastung – oft bis hin zum Burn-Out. „Diese Überlastung und die negativen Emotionen bekommen die zu Pflegenden unmittelbar ab“, sagt Dr. Ilse Hellemann, Ärztin für Allgemeinmedizin in Graz. „Deshalb ist die Unterstützung der pflegenden Angehörigen sehr wichtig, sowohl als Maßnahme der Qualitätssicherung als auch im Sinne der Vorsorge, dass diese nicht selbst zu Pflegefällen werden.“ „An die Dachverbände werden immer wieder Anfragen gestellt, wie eine Selbsthilfegruppe für pflegende Angehörige gegründet werden kann“, berichtet Maier. „Wir bieten dann Unterstützung an, es kommt aber oft sehr schnell die Meldung, dass die Pflegenden keinerlei Ressourcen haben, um sich wirklich zu engagieren.“ Insofern kann sie die Aussagen von Sozialministerin Haubner anlässlich eines Symposiums für pflegende Angehörige im Mai nur als „eher zynisch“ erachten. Die Ministerin meinte, die Angehörigen sollten Netzwerke knüpfen und sich für ihre Belange gemeinsam engagieren. „Das geschieht aber nicht von selbst und braucht Unterstützung, sowohl finanziell als auch in Form personeller Strukturen“, unterstreicht Maier.

Bekannte Interessenskonflikte

Aus ihrer Sicht sollte hinter einer Selbsthilfegruppe immer die Initiative der Betroffenen stehen. In Österreich bieten einige Dienstleister Stammtische für pflegende Angehörige an. „Auch wenn das eine gute Unterstützung ist, kann es dabei zu Interessenskonflikten zwischen Anbietern und zu Pflegenden bzw. deren Angehörigen kommen“, so Maier. Grundsätzlich sei wichtig, dass nicht nur Fach-informationen geboten werden, sondern auch ausreichend Raum für den gegenseitigen Erfahrungsaustausch bleibt. Teils gehen Angebote für pflegende Angehörige, z.B. Stammtische, von Hausärzten aus. „Diese investieren auch sonst sehr viel an Zeit und Energie in die Hauskrankenpflege. Angesichts der Sätze, die dafür bezahlt werden, handelt es sich eigentlich um ehrenamtliche Arbeit“, kritisiert Hellemann. „Manche gehen diese Aufgabe sehr engagiert an, andere sehen sie nur mehr als Belastung.“

Stärkung der Hausarztrolle

Hilfreich wäre, so die Allgemeinmedizinerin, eine institutionalisiert geförderte, bessere Koordination und Kooperation zwischen Ärzten und Mitarbeitern der mobilen Pflege- und Hilfsdienste. Finanziert werden müssten gemeinsame Trainings vor Ort. Dabei sollten jene Personen zusammenkommen, die in der Praxis gemeinsam Patienten betreuen. Hellemann kann sich eine Systemänderung zur Unterstützung der Ärzte auch dahingehend vorstellen, dass diese z.B. Pflegekräfte und Ergotherapeuten anstellen können und so deren Bedeutung bei der Hauskrankenpflege aufgewertet wird. „Obwohl pflegende Angehörige eine tragende Säule des Pflegesystems sind, bekommen diese zu wenig systematische Unterstützung“, betont Mag. Stefan Wallner, Generalsekretär der Caritas Österreich. Er fordert, dass bei Bewilligung oder Neueinstufung des Pflegegeldes eine weitere Sachleistung konsumiert werden kann: die individuelle Beratung durch Mitarbeiter mobiler Dienste. Themen wären die Organisation des Alltags mit dem zu Pflegenden, Pflege- und Hebetechniken, Adaptationen der Wohnung, aber auch sensible Aspekte wie der Umgang mit Demenz oder Sterbebegleitung. Dazu kämen Informationen zum Umgang mit diversen Behörden und über Unterstützungsangebote für pflegende Angehörige in der jeweiligen Region. Solche Angebote existieren bereits in einigen Regionen, basierend auf den guten Erfahrungen könnte ein weitergehendes Pilotprojekt aufgebaut werden, meint Wallner. „Es gibt viele gute Projekte, vor allem im Bereich der Tagespflege oder tagesstrukturierende Hilfen“, bestätigt Maier. Allerdings seien diese nicht immer gut vernetzt bzw. fehle das Wissen darüber oft sowohl bei Betroffenen als auch bei Multiplikatoren wie Hausärzten.

Strukturelle Mankos beheben

Aus Wallners Sicht wird bei den Bedarfs- und Entwicklungsplänen zu wenig Gewicht auf Strukturen gelegt, die zwischen der Vollzeitpflege in der Institution und der Betreuung zuhause angesiedelt sind. In vielen Regionen fehlen Unterstützungsangebote, etwa für Tages- oder Kurzzeitpflege. Mehr Gewicht sollte außerdem auf der lebensraumnahen Betreuung, beispielsweise in überschaubaren Wohngemeinschaften, liegen. Solche Strukturen seien, so die Erfahrung mit betreubarem Wohnen, wesentlich ökonomischer. Wallner sieht auch die Notwendigkeit struktureller Veränderungen bei der Gestaltung des Pflegegeldes: „Bei der Einstufung wird momentan etwa viel zu wenig Rücksicht auf die Situation von Menschen mit Demenz genommen. Dort ist der Pflegebedarf zum Teil zwar niedriger, der Betreuungsaufwand und die emotionale Belastung aber oft viel höher.“

Soziale Absicherung fehlt

Bleibt noch die soziale Absicherung für pflegende Angehörige. „Mit der Zuerkennung von Pflegegeld sollte auch ein gewisser Pensionsanspruch verbunden sein“, regt Wallner an. Vor allem für Frauen wäre diese Maßnahme wichtig, ebenso wie ein Rechtsanspruch auf Entlastungsurlaub für pflegende Angehörige. „Es gibt zwar punktuelle Unterstützung durch Gemeinden oder Länder“, so der Caritas-Generalsekretär, „aber kein dahinter liegendes verbindliches Gesamtkonzept.“

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