zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 23. Mai 2006

Virologie wird niemals unaktuell (Folge 43)

Noch im 20. Jahrhundert starben mehr als 300 Millionen Menschen an den Pocken. Nach dem Ersten Weltkrieg tötete die Spanische Grippe 20 bis 50 Millionen Menschen. Heute müssen sich die Fachärzte für Virologie stets neuen Herausforderungen stellen, etwa HIV, SARS oder der Vogelgrippe.

Als „ungeheuer spannendes Wissensgebiet“ bezeichnet der Leiter des Instituts für Virologie an der Medizinischen Universität Wien, Prof. Dr. Franz X. Heinz, sein Fach. Der Bogen spannt sich von der Grundlagenforschung über die Virusdiagnostik bis hin zur Entwicklung neuer Impfstoffe und antiviraler Medikamente.

Warum haben Sie sich für das Fach Virologie entschieden?
Heinz: Ich habe ein riesiges Wissensgebiet gesehen, in dem die Grundlagenforschung ebenso wie die angewandte Forschung eine wesentliche Rolle spielt. Dazu kommt die immanente Bedeutung unseres Faches sowohl für die Human- als auch für die Veterinärmedizin. Dieser Spannungsbogen hat mich interessiert.

Welche Herausforderungen bietet die Virologie?
Heinz: In der Grundlagenforschung beschäftigen wir uns mit Themen wie Aufbau, Vermehrung und Veränderung von Viren sowie deren Wechselwirkung mit dem menschlichen oder tierischen Organismus. Die medizinische angewandte Forschung reicht von der Virusdiagnostik über Impfstoffentwicklung bis hin zur Erforschung antiviraler Medikamente. Ein besonders wichtiger Bereich der angewandten Virologie ist die Virusdiagnostik. Damit können wir den behandelnden Ärzten wertvolle Informationen liefern. Schließlich bilden neu auftauchende Viren, wie HIV, SARS oder auch die Vogelgrippe, immer neue Herausforderungen für unser Fach.

Was begeistert Sie an Ihrer Arbeit?
Heinz: Ich habe mich mein ganzes Berufsleben lang mit Virologie beschäftigt, und mein Interesse an diesem Fachgebiet nimmt eher zu als ab. Mein Beruf ist auch mein Hobby. Ebenso empfinden viele meiner Kollegen unsere Arbeit nicht so sehr als Routine, sondern als willkommene Herausforderung, bestimmte wissenschaftliche Fragen zu beantworten oder auch virologische Probleme in der medizinischen Praxis, wie etwa die Bedrohung durch eine Grippepandemie, zu lösen. Ein besonders angenehmer Aspekt meiner Tätigkeit im universitären Bereich ist die Auseinandersetzung mit Studenten und jungen Forschern, die in unsere Projekte integriert werden. Das gilt auch für die permanente Interaktion mit Wissenschaftskollegen in der ganzen Welt.

Was waren die größten Veränderungen in der Virologie in den vergangenen zwei Jahrzehnten?
Heinz: Es gab eine Zeit, etwa in den 60-er und 70-er Jahren, da glaubten viele, wir hätten das Problem Infektionskrankheiten im Griff und die Zeit der Seuchen sei vorbei. Doch wir wurden eines Besseren belehrt: Das Auftauchen des HI-Virus Anfang der 80-er Jahre war für uns ein wichtiger „Schuss vor den Bug“. Damals wurde vielen klar, dass wir uns nie zurücklehnen können, sondern ständig mit dem Auftauchen neuer Viren, die aus dem tierischen Reservoir auf den Menschen überspringen können, rechnen müssen. Das war bei HIV so, das vom Affen auf den Menschen übergegangen ist, das war bei SARS so, und das ist auch bei der Influenza so. Die Gefahr einer Grippepandemie ist sicher real. Wir wissen nur nicht, wann sie ausbrechen wird und ob es H5N1 sein wird, das sich so verändert, dass es von Mensch zu Mensch übertragen werden kann. Einen Meilenstein in der Viro-logie bildete die Entwicklung antiviraler Medikamente. Das Paradebeispiel dafür ist HIV. Die antivirale Therapie, die AIDS von einer akuten, lebensbedrohenden Erkrankung zu einer über lange Zeit beherrschbaren chronischen Erkrankung werden ließ, hat uns gezeigt, dass dieses Konzept funktioniert. Einen Impfstoff gegen HIV gibt es hingegen noch immer nicht, obwohl die Forscherkollegen schon 1983 behauptet haben, zwei Jahre später einen Impfstoff zu haben. Stattdessen traten die antiviralen Medikamente ihren Siegeszug an. Dieser Trend wird sich in der Zukunft fortsetzen.

Mit welchen neuen Herausforderungen rechnen Sie in den kommenden Jahren?
Heinz: Neu auftauchende Viren werden uns zweifellos weiter beschäftigen. Aktuell bleibt auch die Intensivierung der bisher weitgehend erfolglosen Versuche zur Entwicklung von Impfstoffen gegen HIV oder Hepatitis C. Bei vielen Virusinfektionen gibt es nach wie vor keine Möglichkeit der spezifischen Behandlung. Um neue antivirale Medikamente zu entwickeln, bedarf es großer Anstrengungen. Die Anwendung solcher Medikamente schafft aber auch wieder neue Probleme, weil es zu Resistenzen kommt, die neue Entwicklungen am Medikamentensektor wie auch in der Diagnostik notwendig machen. Die Diagnostik hat sich durch den Einsatz molekularbiologischer Methoden ungeheuer weiter entwickelt, sie ist schneller und spezifischer geworden. Dieser Trend wird weiter anhalten. Die neuen diagnostischen Methoden ermöglichen es dem Kliniker, immer rascher festzustellen, woran ein Patient leidet, was sowohl für die Behandlung als auch die Prognose von enormer Bedeutung ist.

Welche Tätigkeiten führt ein Virologe in seiner täglichen Arbeit aus?
Heinz: Ich kann diese Frage nur für die spezifische Situation an unserem Institut beantworten, wo Virologen in verschiedenen Arbeitsbereichen eingesetzt sind. Entsprechend unseren primären universitären Aufgaben sind das in erster Linie Forschung und Lehre. Die Forschungstätigkeiten reichen dabei von der reinen Grundlagenforschung bis zu den anwendungsorientierten Bereichen wie Virusepidemiologie, Impfwesen und vor allem Virusdiagnostik. Vor allem in den letzten Bereichen steht die intensive Zusammenarbeit und Kommunikation mit behandelnden Ärzten im niedergelassenen Bereich und in Spitälern im Vordergrund.

Welche Eigenschaften zeichnen einen guten Facharzt für Virologie aus?
Heinz: Abgesehen vom hoffentlich großen Interesse für das Fach, ist eine Neigung für experimentelle Arbeit wichtig. Die Virologen müssen viel Laborarbeit leisten, neue Tests entwickeln und anwenden. Besonders wichtig ist auch die Fähigkeit zur Kommunikation: Wir arbeiten sehr eng mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen und mit den Klinikern zusammen. Genauigkeit fällt mir noch ein und eine hohe Frustrationstoleranz, weil in unserer Arbeit viele Rückschläge zu verkraften sind.

Wie ist die Ausbildung aufgebaut?
Heinz: Vier Jahre wird im Fach Virologie ausgebildet, ein Jahr ist auf einer Abteilung für Hygiene und Mikrobiologie und ein Jahr auf einer internen Station zu absolvieren. Der Turnus muss nicht sein, die Ausbildung in den Gegenfächern reicht völlig aus.

Welche Möglichkeiten der Spezialisierung bestehen im Fach?
Heinz: Da gibt es mehrere: Virusdiagnostik, Epidemiologie, Virusimmunologie, Vakzinologie und antivirale Therapie.

Wie gestaltet sich die Ausbildungssituation?
Heinz: Genügend Ausbildungsplätze wird es nie geben. Auf unserem Institut sind derzeit vier Ärztinnen in der Facharztausbildung für Virologie.

Wie beurteilen Sie die Chancen fertig ausgebildeter Fachärzte für Virologie?
Heinz: Arbeitsbereiche gibt es genug: In der WHO arbeiten ebenso Virologen wie in den nationalen Gesundheitseinrichtungen. Auch in Infektionsabteilungen sind Fachärzte für Virologie gefragt.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE-WOCHE-Serie werden nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

 

Sabine Fisch, Ärzte Woche 21/2006

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben