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Allgemeinmedizin 23. Mai 2006

Landärzte: Dauerstress statt Idylle

Im ländlichen Raum übernehmen Ärzte, insbesondere jene für Allgemeinmedizin, eine große Bandbreite der medizinischen Versorgung. Die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit sind mittlerweile aber meist alles andere als unterstützend.

Die Ärztekammer für Tirol hat kürzlich die Einrichtung eines „Referats für Landärzte“ beschlossen. „Hauptauslöser waren die neuen restriktiven Regelungen für das Betreiben von Röntgenanlagen bei Allgemeinmedizinern sowie die Konsequenzen der Europäischen Krankenversicherungskarte. Durch diese müssen nun praktisch alle Urlaubsgäste zu Konditionen der Gebietskrankenkasse behandelt werden“, erklärt Dr. Bruno Bletzacher, „Landarzt“ in Alpbach. In Tirol gibt es etwa 200 Hausärzte, die Patienten in abgelegenen Regionen versorgen, 154 davon haben ein eigenes Röntgen. „Wir versorgen Alpin- oder Schiunfälle von der Befundung an, viele Patienten kommen überhaupt nicht ins Spital“, betont Bletzacher.

Überzogene EU-Richtlinien

Österreich hat es offenbar verabsäumt, praktikable Wege für die Umsetzung von Richtlinien der EU bezüglich Strahlenschutz zu finden. Vorgesehen ist nun nicht nur eine regelmäßige Prüfung der Röntgengeräte, sondern auch der Filmverarbeitung. „Es ist nicht einsehbar, dass für uns nicht die selben Rahmenbedingungen wie für Zahnärzte gelten, wo eine Überprüfung zweimal im Jahr ausreicht“, betont Bletzacher. In einer Umfrage haben jedenfalls mehr als die Hälfte der Tiroler Landärzte angegeben, dass sie ihre Röntgenanlage schließen müssen, falls die Verordnung wie geplant umgesetzt wird. Für Bletzacher geht es aber um mehr: „Wir Landärzte übernehmen eine große Bandbreite an Leistungen auch im Bereich der Versorgung akuter Verletzungen und Erkrankungen.“ Doch für viele Leistungen fehlen Abrechnungsposten in den Honorarordnungen: Bei Behandlung von Hypertonie ist eine 24-Stunden-Blutdruckmessung Standard, darf aber nicht verschrieben werden. Bei Nierenproblemen ist oft ein Ultraschall erforderlich. „Auch hier sind uns die Hände gebunden“, ärgert sich Bletzacher. Da es also um Fragen der Honorarkataloge oder das Dauerthema Bereitschaftsdienst geht, würden vom Engagement der Landärzte alle Ärzte profitieren.

Unterschiede Stadt – Land

Auch in Oberösterreich gibt es mit Dr. Silvester Hutgrabner seit der letzten Wahl einen Landärzte-Referenten: „Ich bin in alle Entscheidungen der Kurie der niedergelassenen Ärzte sowie in die Verhandlungen mit den Kassen eingebunden.“ Unterschiede zum Stadtarzt sieht er zunächst darin, „dass die Patienten fast immer zuerst zu ihrem Hausarzt und dann erst zum Facharzt oder ins Spital gehen“. In akuten Fällen, etwa einer Verletzung des Auges durch einen Fremdkörper, ist der Weg zum nächsten Spital oft zu weit. „Auch in vielen anderen Situationen sind wir bei der medizinischen Betreuung sehr stark auf uns selbst gestellt“, betont der Landärzte-Referent. Die Patienten würden sich diese Rundum-Versorgung durch „ihren Doktor“ auch erwarten. Deshalb hätten sie auch eher Verständnis dafür, wenn die Wartezeiten einmal länger ausfallen.

Bessere Ausstattung muss sein

Die Tätigkeit als Landarzt ist – gerade durch Visiten – oft zeitaufwändiger, eine bessere Ausstattung der Ordination erforderlich. „Wir bekommen aber die selben Tarife und Rahmenbedingungen wie alle anderen Ärzten“, kritisiert Hutgrabner. Das sieht Bletzacher genauso: „Viele Kollegen stellen zusätzliches Personal ein, um die größere Zahl von Patienten bzw. den Aufwand beispielsweise für die Behandlung eines Beinbruches besser in den Griff zu bekommen.“ Politische Bekenntnisse zu den niedergelassenen Ärzten seien meist nicht mehr als Lippenbekenntnisse. Dem kann Dr. Josef Lohninger, Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte in Salzburg, nur beipflichten: „Wir sollen ein breites, oft Spital ersetzendes Angebot auch in den entlegensten Regionen aufrechterhalten, und dies unter schwierigsten Rahmenbedingungen.“ Als zusätzliche Belastung wäre die überbordende Bürokratie rund um e-Card, ABS, Qualitäts-sicherung usw. zu bewältigen. Gleichzeitig werde erwartet, dass Ärzte regelmäßig Zeit und Geld in Weiterbildung investieren. „Damit sich die Tätigkeit als Landarzt überhaupt rechnet, wären eigentlich spezielle Positionen in der Abrechnung notwendig“, sagt Lohninger.

Kassenstellen bleiben übrig

Aus all diesen Mankos resultiert die zunehmende Schwierigkeit, frei werdende Kassenstellen in entlegenen Regionen zu besetzen, obwohl fast 130 Ärzte auf der Warteliste stehen. Das hängt laut Lohninger auch damit zusammen, dass in diesen Regionen das Bildungsangebot für Ärztekinder bzw. die verfügbare Freizeitpalette begrenzt sei. Auch Hutgrabner kennt diese Vorbehalte und befürchtet eine „Ausdünnung der hausärztlichen Versorgung in dezentralen Regionen“.

Unruhe wegen Hausapotheken

Diesen Trend verstärkt die neue Regelung für Hausapotheken. „Nach den nunmehr gültigen gesetzlichen Vorgaben kann das Recht auf eine Hausapotheke nicht einfach an einen Nachfolger weitergegeben werden“, gibt Lohninger zu bedenken. Außerdem könnten sich öffentliche Apotheken wesentlich leichter in unmittel-bare Nähe ansiedeln. „Und dies in Regionen, in denen Menschen es jahrzehntelang gewohnt waren, auch ihre Medikamente direkt beim Arzt ihres Vertrauens zu bekommen“, ergänzt Hutgrabner. Diese Bedenken der Landärzte-Vertreter untermauern über 160.000 Unterschriften, die ohne jegliche mediale Unterstützung in sehr kurzer Zeit für den Erhalt der ärztlichen Hausapotheke gesammelt wurden. „Die ländliche Bevölkerung wünscht sich den Erhalt der jetzigen Strukturen“, so Lohninger.

Abschied von der Idylle

„Vom Idyll des Landarztes ist sehr wenig geblieben“, resümiert der Salzburger Kurienobmann. „Ärztinnen und Ärzte sind Vertrauens- und Respektspersonen in der Gemeinde und bekommen für ihre Arbeit auch Anerkennung. Immer mehr Landärzte leben aber nicht mehr in dem Ort, in dem sie arbeiten“. Damit würde dieser Faktor der Integration wegfallen. Ein „idyllisches“ Landarztleben kann auch der oberösterreichische Landärzte-Referent Hutgrabner, der selbst seit 20 Jahren am Land ordiniert, nicht mehr wahrnehmen. Einer der Gründe dafür sei die zunehmende Spezialisierung und Technisierung des Gesundheitswesens, meint er. Als Lösungsansatz für dezentrale Regionen denkt Lohninger an Gruppenpraxen: „Dafür müsste es aber deutlich merkbare Änderungen in den Honorarkatalogen sowie den bürokratischen Anforderungen für Landärzte geben.“

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