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Allgemeinmedizin 18. Mai 2006

Von der Zehe bis zur Haarspitze … (Folge 42)

Ihre Ausbildung zum Facharzt für Strahlentherapie-Radioonkologie erhalten junge Mediziner in Österreich ausschließlich in Onkologie. Dieses Sonderfach stellt somit eine Besonderheit dar. Mit der Novellierung der Ausbildungsordnung sind Gegenfächer zudem nicht mehr notwendig.

Wer intensiven Patientenkontakt sucht und den Umgang mit komplizierter Technik nicht scheut, ist in diesem Fachgebiet an der richtigen Adresse. Auch Interdisziplinarität ist gefragt, denn „Krebserkrankungen werden heute nur mehr mit einem integrativen Ansatz behandelt und – immer öfter – auch geheilt“, berichtet der Vorstand der Universitätsklinik für Strahlentherapie-Radioonkologie an der Medizinischen Universität Innsbruck, Prof. Dr. Peter Lukas, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE.

Worum konkret geht es im Sonderfach Strahlentherapie-Radioonkologie?
Lukas: Die Strahlentherapie-Radioonkologie ist ein integrierter Bestandteil der onkologischen Behandlung. Wurden vor 20 Jahren Tumoren meist ausschließlich chirurgisch therapiert, stellt die Versorgung von onkologischen Patienten heute eine integrierte Behandlung dar, die Chirurgie, internistische Therapie und Strahlenbehandlung umfasst. Das bedeutet ein umfangreiches Wissen über die eingesetzten Medikamente, von der Chemo- über die hormonelle bis hin zur Gentherapie. Dazu gehört ebenso, über die Arbeit der Chirurgen Bescheid zu wissen, um daraus ableiten zu können, wie wir die Bestrahlungsfelder setzen müssen.

Wie grenzen sich das Fach von der Medizinischen Radiologie-Diagnostik ab?
Lukas: Wir brauchen die bildgebenden Verfahren, um Diagnosen ab-sichern und unsere Therapie planen zu können. Unser Bereich ist aber ausschließlich die Behandlung onkologischer Erkrankungen.

Warum haben Sie sich ursprünglich dafür entschieden, das Fach Strahlentherapie-Radioonkologie zu wählen?
Lukas: Während meiner Ausbildung als diagnostischer Radiologe durfte ich ein Jahr auf einer radioonkologischen Einrichtung verbringen. In dieser Zeit habe ich sehr von der Lebenseinstellung der Patienten profitiert. Ihre Sichtweise auf ihr eigenes Leben hat sich enorm auf meine Sicht ausgewirkt. Damals wurde mir klar, dass ich als Strahlentherapeut arbeiten will. Dazu kommt, dass ich vor meinem Medizinstudium ein Physikstudium abgeschlossen hatte, was für die Arbeit als Strahlen-therapeut eine ausgezeichnete Voraussetzung darstellt.

Was begeistert und fasziniert Sie an Ihrem Fachgebiet?
Lukas: Meine Triebfeder ist sicher der intensive Patientenkontakt. Ich möchte helfen, Krebspatienten zu heilen, und immer häufiger gelingt uns das auch. Außerdem beinhaltet mein Fach sehr viele verschiedene Facetten: Von der Technik über die Therapie bis hin zur Psychoonkologie. Wir betreuen den Menschen als Ganzes: Von der Zehe bis zur Haarspitze, vom Baby bis hin zum Greis. Es gibt kaum ein anderes Fach, das in dieser Gesamtheit mit dem Menschen befasst ist wie die Strahlentherapie-Radioonkologie.

Was waren die größten Veränderungen im Fach in den vergangenen zwei Jahrzehnten?
Lukas: Vor 20 Jahren dauerte die Berechnung eines Bestrahlungsplans mit einem Computer mindestens zwei Tage. Heute erstellen wir derartige Pläne in wenigen Minuten. Wir haben die bildgebenden Verfahren perfektioniert. Das bietet uns heute die Möglichkeit, den Tumor mit der optimalen Strahlen-dosis zu behandeln und dabei kritische Organe besser zu schützen. Dazu kommt die Interdisziplinarität. Fast alle systemischen Therapien haben einen Einfluss auf die Strahlentherapie. Eine optimale onkologische Behandlung ist heute nur mehr interdisziplinär mit Chirurgen, Internisten und Strahlentherapeuten durchführbar.

Mit welchen Herausforderungen rechnen Sie in den kommenden Jahren?
Lukas: In den nächsten Jahren werden wir die Kombinationstherapie hinsichtlich Wirksamkeit und Nebenwirkungsarmut weiter optimieren. Die Hochpräzisionstherapien werden weiter ausgebaut werden müssen. Herausforderungen werden zudem Radiochirurgie, Stereotaxie und intensitätsmodulierte Radiotherapie bieten. Unser Ziel ist, Tumoren mit immer höheren Dosen bestrahlen zu können und das gesunde Gewebe dabei immer weniger belasten zu müssen.

Welche Eigenschaften zeichnen einen guten Facharzt für Strahlentherapie-Radioonkologie aus?
Lukas: Unser Fach fordert sowohl technisches Verständnis als auch Empathie für die Patienten. Ein Facharzt für Strahlentherapie-Radioonkologie muss interdisziplinär denken und viel Wissen aus den anderen Bereichen der Onkologie aufweisen. Wichtig ist auch ein gutes dreidimensionales Vorstellungsvermögen. Wir müssen uns in den Körper „hinein denken“, uns die Wege des Strahls vorstellen können und wissen, wie bei einer Bestrahlung die verschiedenen Organe belastet werden.

Was ist am Fach als besonders anstrengend oder herausfordernd zu bezeichnen?
Lukas: Die Begleitung todkranker Tumorpatienten stellt sicher eine große Herausforderung dar. Ein Strahlentherapeut muss psychisch sehr stabil sein und sich mit Tod und Sterben auseinandergesetzt haben. An unserer Abteilung sind zwei Psychoonkologen tätig, die nicht nur die Patienten betreuen, sondern auch für Gespräche mit dem medizinischen Personal zur Verfügung stehen. Das wird auch in Anspruch genommen.

Wie lange dauert die Ausbildung, wie ist sie aufgebaut?
Lukas: Mit der Verabschiedung der Ausbildungsnovelle, die unmittelbar bevor steht, beträgt die Ausbildungsdauer sechs Jahre. Diese werden ausschließlich in der Onkologie absolviert. Das stellt eine Besonderheit dar, denn diese Konzentration besteht in anderen Fächern nicht. Der internistische Onkologie absolviert nach der Facharztprüfung Innere Medizin eine zweijähriger Zusatzausbildung in Hämatologie und internistischer Onkologie, viele andere Fächer haben noch keine besonders ausgewiesene onkologische Ausbildung Nur die Fachärzte für Strahlentherapie-Radioonkologie werden ausschließlich onkologisch ausgebildet. Der Turnus ist keine Voraussetzung für unser Fach.

Welche Zusatzausbildungen erweisen sich für Ihr Fachgebiet als günstig?
Lukas: Radiologische Diagnostik, Chirurgie und Innere Medizin bilden für die Strahlentherapie gute Ergänzungen.

Wie ist derzeit die Ausbildungssituation?
Lukas: Die Ausbildungssituation ist schlecht, weil der Schlüssel, nachdem Ausbildungsplätze vergeben werden, nicht stimmt. Pro Facharzt in einer Abteilung darf nur ein Ausbildungsassistent angenommen werden. Ich hätte die hiesige Klinik gar nicht aufbauen können, wäre damals dieser 1:1-Schlüssel bereits in Kraft gewesen. Das kann so nicht belassen werden. Für die Mangelfächer ist dies eine Katastrophe.

Wo sind die Chancen auf einen Ausbildungsplatz am besten?
Lukas: An den Universitätskliniken sind die meisten Ausbildungsstellen vorhanden. Es ist günstig, vor der Bewerbung ein Praktikum zu absolvieren. Dies ermöglicht den Kandidaten, festzustellen, ob das Fach ihren Erwartungen entspricht. Es bietet aber auch den Ausbildnern Gelegenheit, sich ein Bild über den potenziellen Assistenten zu machen.

Wie beurteilen Sie die beruflichen Chancen fertig ausgebildeter Fachärzte für Strahlentherapie-Radioonkologie?
Lukas: Die sind exzellent, wenn man europäisch denkt. Fachärzte für Strahlentherapie-Radioonkologie werden europaweit gesucht. Wer bereit ist, über den österreichischen „Tellerrand“ zu sehen, findet unter Garantie eine Arbeitsstelle.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE-WOCHE-Serie werden nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

 

Sabine Fisch, Ärzte Woche 20/2006

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