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Allgemeinmedizin 16. Mai 2006

Frauen-Wünsche an die Medizin

Abgesehen von Geschlechter-spezifischen Aspekten der medizinischen Betreuung, wünschen sich Frauen mehr Zeit für die Kommunikation mit ihren TherapeutInnen. Auch die Beachtung der konkreten Lebenssituation ist ihnen wichtig, wissen Frauengesundheitszentren aus ihrer Erfahrung zu berichten.

Dass Frauen und Männer eine differenzierte Begleitung und Behandlung sowohl in der Vorsorge als auch der medizinischen Betreuung brauchen, ist theoretisch keine Frage mehr. „Allerdings wird Gesundheit gerade bei Frauen noch immer zu wenig als Querschnittsbereich gesehen; sie ist von vielen Faktoren abhängig“, betont die Medizinsoziologin Mag. Sylvia Groth für das Netzwerk der Frauengesundheitszentren (Fgz) Österreich (www.fgz.co.at/netz.htm). Sie selbst leitet das Fgz in Graz. „In der Forschung zu Frauengesundheit hat sich zwar schon einiges getan“, betont Groth, „dennoch werden Frauen auch heute noch massiv aus vielen Studien und Gesundheitsstatistiken systematisch ausgeschlossen bzw. Ergebnisse oft nicht geschlechter-spezifisch ausgewertet.“ Mankos gebe es ebenso bei der Umsetzung in die Praxis. Die Folge davon seien sowohl Unter- als auch Über- und Fehlversorgung.

Frauen-spezifische Risiken noch zu wenig beachtet

Prof. Dr. Anita Rieder vom Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien kennt solche Mankos: „Nach wie vor ist zu wenig bekannt, dass Frauen genauso wie Männer Risikopatientinnen für Herzkrankheiten oder einen Schlaganfall sein können. Nur tritt er durchschnittlich zehn Jahre später auf.“ Besonders zu achten sei auf Frauen mit Diabetes, die eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit für einen Herzinfarkt aufweisen. Unerfreuliche Beispiele sind für Groth die „vorsorgliche“ Entfernung von Gebärmutter oder Eierstöcken sowie die Tatsache, dass Frauen deutlich öfter Psychopharmaka verschrieben bzw. zum Psychiater verwiesen werden als Männer. „Wenn Männer und Frauen mit denselben Symptomen, etwa einer Grippe, zum Arzt gehen, liegt bei den Frauen der Schwerpunkt von Diagnose und Behandlung eher auf der psychischen Ebene“, verweist die Medizinsoziologin auf Studienergebnisse. Ein Grund dafür dürfte darin liegen, dass Patientinnen eher Faktoren wie ständige Überlastung, Dauerstress und generell psychosomatische Symptome ansprechen. Außerdem stehe die medikamentöse Therapie oft im Vordergrund bzw. werde der Zugang zu psychosozialer bzw. psychotherapeutischer Betreuung vom System viel zu wenig gefördert.

Behandlung ohne Zeitdruck

„Frauen ist es sehr wichtig, dass der Fokus nicht nur auf den Symptomen liegt. Sie wollen vom Arzt oder im Spital als ganze Person wahrgenommen werden“, betont Dr. Walter Fiala, Arzt für Allgemeinmedizin in Graz. „Und sie haben den Wunsch nach guter Behandlung in einer angenehmen Atmosphäre ohne Zeitdruck.“ Der Allgemeinmediziner stellt auch fest, dass Frauen ihren Gesundheitszustand subjektiv schlechter beschreiben als Männer. „Bei den berechtigten Bedürfnissen der Frauen ist vor allem der Hausarzt gefordert“, sagt Fiala. „Dessen Belastung wird durch die überbordende Bürokratie aber immer stärker.“ In Gruppenpraxen könnten Ärzte mehr Zeit für Patientengespräche erübrigen, was auch der Gesundheitsförderung und Behandlung von Frauen zugute käme.

Doppelbelastung von Frauen schadet oft der Gesundheit

Dass Frauen mehr Psychopharmaka verordnet werden, hat für Fiala durchaus einen Zusammenhang mit der ständigen Doppelbelastung in deren Alltag. Auch Rieder bestätigt die höhere Prävalenz von Depressionen bei Frauen, sieht hier aber zugleich einen Nachholbedarf in der Forschung bei Männern. Generell ist der Sozialmedizinerin wichtig, dass sich Ärztinnen und Ärzte von Klischees in Dia-gnostik und Behandlung lösen. Aussagen wie „So etwas hat doch eine Frau nicht“ oder „Das ist typisch für eine Frau“ seien in der Medizin fehl am Platz. Die Schwächen der geschlechter-spezifischen Medizin in der Praxis wurzeln oft schon in der Ausbildung. Ein Beispiel dafür ist laut Groth die Ausbildung des medizinischen und pflegerischen Personals für die Wahrnehmung der Folgen von körperlicher Gewalt: „Diese dürften nicht erst dann sichtbar werden, wenn es schon zur Eskalation in Form einer Wegweisung des Täters kommt.“ Vor allem Hausärzte oder diensthabende Turnusärzte sollten als erste Anlaufstellen Hinweise auf Gewalt auch im Hinblick auf psychosomatische Konsequenzen erkennen. Eine Über- bzw. Fehlversorgung ortet Groth bei der Behandlung von Beschwerden im Zuge der Wechseljahre. „Die kritischen Studien bezüglich der zu raschen und häufigen Verordnung von Hormonen werden zu wenig ernst genommen“, meint die Medizinsoziologin. Dass ein „differenziertes Vorgehen“ angebracht ist, stellt auch Fiala außer Frage, es bestehe allerdings kein Grund, Hormontherapie grundsätzlich abzulehnen. Die Steirische Akademie für Allgemeinmedizin habe dazu vor knapp zwei Jahren Leitlinien für Allgemeinärzte herausgegeben.

Zu wenig Geld für Aktivitäten

Abgesehen von medizinischen Aspekten geht es beim Thema Frauengesundheit auch ums Geld. Groth möchte nicht nur in jedem Bundesland ein Frauengesundheitszen­trum, sondern auch die langfristige finanzielle Absicherung von deren Aktivitäten: „Diese Zentren spielen eine wesentliche Rolle in der Gesundheitsförderung, weil sie zu Schnittstellen zwischen Arbeit, sozialem Umfeld, Familie und persönlicher Gesundheit gezielte und individuelle Angebote initiieren oder selbst anbieten können. Leider mussten in Tirol und Vorarlberg Zentren wieder schließen, weil die Mittel gestrichen wurden.“ Auch Fiala und Rieder halten Frauengesundheitszentren für unverzichtbare Einrichtungen. Diese könnten auch Akzente für Randgruppen, wie Frauen aus sozial schwachen Schichten oder Migrantinnen, setzen. „In Wien ist ein langfristiges und strukturiertes Vorgehen zu aktuellen Schwerpunkten möglich“, berichtet Rieder, „weil es hier einen Frauengesundheitsplan und eine Frauengesundheitsbeauftragte gibt.“ Dieses Konzept könnte auch in anderen Bundesländern umgesetzt werden.

Mehr Frauen in der Medizin

Die Zukunftsaussichten für die Beachtung frauenspezifischer Anliegen in der Medizin stehen wahrscheinlich nicht schlecht. „Inzwischen macht der Frauenanteil beim Medizinstudium etwa zwei Drittel aus“, berichtet Fiala. Im niedergelassenen Bereich sei das Verhältnis inzwischen ausgeglichen. „Frauen gehen anders an die Medizin heran als Männer“, ist der Allgemeinmediziner überzeugt. Dadurch würden sich neue Akzente für den Bereich der Frauengesundheit ergeben.

Webtipp: www.bmgf.gv.at (Langfassung des aktuellen Frauengesundheitsberichtes und Beispiele aus der praktischen Arbeit).

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