zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 9. Mai 2006

Konservativ und operativ autonom (Folge 41)

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich das Fach Urologie aus der Chirurgie heraus entwickelt. Immer spezialisierter wurden Abklärung und Therapie der Erkrankungen des Urogenitaltraktes bei Männern und Frauen. Trotzdem ist die Urologie ein chirurgisches Fach geblieben, wenn sich auch zunehmend konservative Methoden zur Behandlung urologischer Erkrankungen etablieren.

Auch „Technik-Freaks“ kommen in der Urologie auf ihre Kosten, erzählt der Stellvertretende Leiter der Abteilung für Urologie am SMZ-Ost, Doz. Dr. Stephan Madersbacher, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. Die Ausbildungssituation beschreibt der Urologe als „Flaschenhals“. Wer diesen aber einmal geschafft hat, findet gute Chancen auf eine erfüllende Tätigkeit im Spital oder in der niedergelassenen Praxis vor.

Welche Herausforderungen bietet die Urologie?
Madersbacher: Eine der größten Herausforderungen stellt das Prostatakarzinom dar. In den USA wird mittlerweile bei jedem 6. Mann ein Prostatakrebs diagnostiziert, in Österreich bei jedem 10. bis 12. Mann. Jeder 30. Mann stirbt an dieser Erkrankung. Die zweite Herausforderung betrifft den großen Bereich der Urogerontologie. Wir haben primär mit Erkrankungen bei älteren Menschen zu tun, etwa der benignen Prostatahyperplasie, der Harninkontinenz und der alternden Blase. Eine weitere Herausforderung bilden die technischen Entwicklungen in der operativen Urologie. Die Operationen werden zunehmend minimal-invasiv vorgenommen, die Laparoskopie hat in den vergangenen Jahren einen gewaltigen Aufschwung genommen. Heute kann nahezu der gesamte Harntrakt endoskopisch untersucht werden. Last but not least stellt die Entwicklung neuer Medikamente in der Behandlung maligner Tumoren, etwa des Nierenzellkarzinoms, eine gewaltige Herausforderung dar, nicht zuletzt auch aus ökonomischer Sicht. Die so genannten Smart Drugs sind natürlich ein großer Fortschritt, kosten aber auch eine Menge Geld.

Was begeistert Sie an Ihrem Fachgebiet?
Madersbacher: Wir behandeln ein geschlossenes Organsystem und können von der Diagnose bis zur Therapie mehr oder weniger alles selbst durchführen. Hinzu kommt die breite Ausrichtung des Faches. Von konservativer bis zu operativer Behandlung wird alles abgedeckt. Technisch interessierte Ärzte finden hier ebenso ein Be-tätigungsfeld wie wissenschaftlich interessierte Urologen.

Was waren die größten Veränderungen in der Urologie in den vergangenen 20 Jahren?
Madersbacher: Die Einführung des PSA und der radikalen Prostatektomie vor rund 20 Jahren haben wohl den größten Wandel in unserem Fach herbeigeführt. Auch wenn der PSA ein umstrittener Marker ist, gilt er trotzdem als einer der besten Tumormarker in der gesamten Medizin. Chirurgisch betrachtet, stellt die Etablierung der Laparoskopie in den vergangenen zehn Jahren einen Meilenstein dar, vor allem was den Bereich Nieren- und Nebennierenchirurgie betrifft. Die dritte maßgebliche Veränderung war die Einführung der Stoßwellenlithotrypsie, die die offene Steinchirurgie völlig ersetzt hat. Nicht zuletzt zähle ich die Entwicklung am medikamentösen Sektor zu den Meilensteinen.

Wo erwarten Sie die kommenden Herausforderungen in der Urologie?
Madersbacher: Der demographische Wandel mit der immer älter werdenden Bevölkerung stellt sicher eine wesentliche Herausforderung für die Zukunft dar. Wir müssen den präventiven Ansatz verstärken und uns über die Finanzierung der Behandlungen älterer Menschen Gedanken machen. Ist auch alles finanzierbar, was machbar ist? Diese und weitere Fragen werden in naher Zukunft zu klären sein.

Welche Eigenschaften zeichnen einen guten Facharzt für Urologie aus?
Madersbacher: Wer allgemein-urologisch tätig sein will, sollte schon eine gewisse Liebe zu älteren Menschen haben: Das Durchschnittsalter der Patienten liegt jenseits der 70. Ein gewisses Maß an technischem Verständnis ist wichtig, weil wir sehr viel mit Endoskopen, Laparoskopen und Laser arbeiten. Unser Fach wandelt sich sehr schnell. Das bedeutet ein hohes Maß an Fortbildungsbereitschaft, um dem Patienten immer den letzten Stand des medizinischen Wissens anbieten zu können.

Wie hoch ist der Frauenanteil in der Urologie?
Madersbacher: Acht bis zehn Prozent der urologischen Ärzteschaft sind Frauen. Die meisten spezialisieren sich auf Kinderurologie und Urogynäkologie. Es ist durchaus nicht von der Hand zu weisen, dass Frauen beispielsweise lieber mit einer Frau über Inkontinenzprobleme reden. Männer gehen mit diesen Problemen wahrscheinlich lieber zu einem Mann.

Wann und in welcher Form sollte sich ein Facharzt für Urologie spezialisieren?
Madersbacher: Ich glaube, es ist sinnvoll, nicht zu früh mit der Spezialisierung zu beginnen. Ich plädiere für eine Spezialisierung nach der Facharztausbildung. Das Angebot dafür ist mannigfaltig: Von der Andrologie und Onkologie über die Kinderurologie, die Steinbehandlung, die Inkontinenztherapie und die Neurourologie bis hin zur Urogynäkologie.

Was ist am Fach als besonders „anstrengend“ oder „herausfordernd“ zu bezeichnen?
Madersbacher: Niedergelassene Urologen sehen bis zu 100 Patienten am Tag. Der permanente Zeitdruck, gepaart mit den zum Teil schwierigen Krankheitsbildern, stellt zweifelsohne eine große Belastung dar. Im Krankenhaus sind die Nachtdienste oft belastend, ebenso können chirurgische Großeingriffe, die viele Stunden dauern, die Ärzte stark fordern.

Wie gestaltet sich die Ausbildung und welche Gegenfächer sind zu absolvieren?
Madersbacher: Die Ausbildung dauert sechs Jahre. Vier Jahre werden die Kandidaten in der Urologie ausgebildet, zwei Jahre Gegenfächer sind vorgeschrieben. 15 Monate müssen auf einer Chirurgie, drei Monate auf der Gynäkologie, sechs Monate auf einer internen Station verbracht werden. Drei Monate sind Wahlfächer zu absolvieren. Eine Spezialität unseres Faches ist die EU-weit gültige Facharztprüfung. Diese Facharztprüfung wird von der Europäischen Gesellschaft für Urologie organisiert. Das Facharztdiplom ist in der ganzen EU anerkannt.

Wie viele Ausbildungsplätze sind verfügbar?
Madersbacher: Derzeit stehen etwa 60 bis 65 Urologen in Österreich in Ausbildung. Das ist der Flaschenhals: Wir haben rund zehnmal mehr Anfragen als Plätze. Eine große Anzahl von Ausbildungsplätzen ist nur an den Universitätskliniken in Wien, Graz und Innsbruck zu finden.

Muss der Turnus sein?
Madersbacher: Nein. Es wird allerdings von vielen Abteilungsvorständen gewünscht, dass vor der Facharztausbildung bereits die Gegenfächer absolviert werden.

Wo ist die Ausbildung am besten?
Madersbacher: Dort, wo ein großes Patientenaufkommen herrscht und die Relation zwischen Auszubildenden und Ausbildern vernünftig ist. Auch der „Geist“, der in der Abteilung herrscht, spielt eine wichtige Rolle: Man muss gewillt sein, junge Leute auszubilden. Die Europäische Gesellschaft für Urologie bietet ein Zertifizierungsprogramm für die Ausbildung, dem wir uns im SMZ-Ost kürzlich erfolgreich unterzogen haben.

Wie stehen die Chancen für fertig ausgebildete Fachärzte für Urologie?
Madersbacher: Die Zukunftsaussichten sind gut. Natürlich ist die Wartezeit auf eine Kassenstelle, vor allem in den Ballungszentren, lang. Viele Kollegen eröffnen jetzt Wahlarztordinationen, was sicher eine gute Möglichkeit ist. Zunehmend werden Kollegen jetzt auch nach Deutschland oder in andere Länder abgeworben, wo vielfach Ärztemangel herrscht. Ich kenne jedenfalls keinen arbeitslosen Urologen.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE-WOCHE-Serie werden nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 19/2006

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben