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Allgemeinmedizin 9. Mai 2006

Vorsichtiges Rühren im Reformpool

Wird das Gesundheitssystem in Zukunft noch spitalslastiger? Die Verhandlungen über Reformpool-Projekte in den Bundesländern lassen derzeit keine klare Aussage darüber zu.

In Salzburg, Niederösterreich und Oberösterreich gehen die Verhandlungen über Reformpool-Projekte zwar langsam, aber doch stetig voran (ÄRZTE WOCHE vom 4. Mai, S. 2). In den übrigen Bundesländern, über die wir diesmal berichten, mahlen die Mühlen deutlich langsamer.

Nichts Konkretes in Wien

Schweigen erntete die Anfrage der ÄRZTE WOCHE bei der Ärztekammer in Wien. Hier seien die Vorbereitungen der Projekte noch nicht weit genug gediehen, um Konkretes sagen zu können. Von Seiten der Gebietskrankenkasse (GKK) war zumindest zu erfahren, dass derzeit mehrere Projekte gemeinsam mit der Stadt Wien erarbeitet werden, von denen ein Teil auch über die Landesplattform laufen soll.

Anlaufphase im Burgenland

Nur langsam ins Rollen kommt der Reformprozess auch im Burgenland. Die Ärzte wollen Akzente für Ärztezentren setzen, gedacht ist an ein Projekt zur urologischen Versorgung im Norden. Finanziert werden soll zudem ein Wochentag-Bereitschaftsdienst, der über die Nummer 141 erreichbar ist. Dr. Christian Moder, Obmann der GKK Burgenland, denkt auch über das Thema Diabetesversorgung nach. „Bei den Reformpool-Projekten wird es vor allem um die Nahtstellen gehen“, meint Moder. „Ängste, dass damit nur die Verlagerung von Leistungen in Spitäler angestrebt wird, sind unberechtigt.“ In stark technisch orientierten Bereichen, z.B. der Radiologie, wäre die Versorgung in Spitälern wahrscheinlich sinnvoller, meint der GKK-Obmann. Dass bei allen Projekten sowohl der Spitalsbereich als auch das Land und die niedergelassenen Ärzte gleichermaßen als „Gewinner“ aussteigen, sei laut Moder nicht zu erwarten. Gründe dafür wären die begrenzten finanziellen Ressourcen und die zum Teil sehr unterschiedliche Interessenslage. Außerdem sei in den 15a-Vereinbarungen von Vorteilen für Land und Sozialversicherung und nicht der Ärzteschaft die Rede. Moder ist sich nicht sicher, ob bis zur nächsten Sitzung der Landesplattform im Juni alle Projekte fertig vorbereitet sein werden: „Die Einreichungskriterien sind sehr komplex, besonders im Hinblick auf die beizubringenden Daten und Prognosen.“

Zahlreiche Vorschläge von Ärzteseite in Vorarlberg

In Vorarlberg hat sich die Landesplattform erst vor kurzem konstituiert. Von Seiten der Ärztekammer wird es um die Themen Lehrpraxis und Versorgung von Diabetikern gehen. Aus dem Reformpool soll auch ein Projekt in Zusammenhang mit Herz-Kreislauferkrankungen und eines zur Vorsorge-Koloskopie finanziert werden. Weitere Anliegen der Ärzteschaft sind die mobile Kinderkrankenpflege, Tumornachsorge, bessere Kommunikation zwischen Pflegebedürftigen, Arzt und Angehörigen sowie ein gerontopsychiatrischer Konsiliardienst. Die GKK im Ländle „analysiert derzeit die Vorschläge der Ärzte und sucht nach Parallelen“. Sinnvoll sei jedenfalls eine gemeinsame, akkordierte Vorgangsweise.

Tiroler Grundsatzdebatten

In Tirol wurde bei der konstituierenden Sitzung der Landesplattform beschlossen, die Vergaberichtlinien nochmals zu durchleuchten. „Diskutiert wird, wer Projekte einreichen kann“, berichtet Dr. Arthur Wechselberger, Präsident der Ärztekammer für Tirol. „Wir sind der Meinung, dass dies bei Land, GKK oder Ärztekammer bleiben soll, da es sonst zu einer Inflation an Projekten kommen würde.“ Die Stimmung beim ersten Treffen sei sehr gut gewesen. „Es ist aber zu merken“, so Wechselberger, „dass jene, die früher für den Landeskrankenanstaltenfonds zuständig waren, Schwierigkeiten haben, auch die Perspektive des niedergelassenen Bereichs einzunehmen bzw. dessen spezielle Situation entsprechend objektiv zu sehen.“ Die Ärzte wollen mehr Mittel für die präoperative Vorbereitung sowie einen Bereitschaftsdienst unter der Woche. Auch in Tirol soll der Gedanke der Gemeinschafts­praxen mit Hilfe von Mitteln aus dem Reformpool mehr Gewicht und vor allem Tempo bei der Umsetzung bekommen. Angedacht werden zudem die bessere Versorgung von Menschen mit psychischen Krankheiten sowie Investitionen im Bereich der Nachsorge von Tumorpatienten. „Konkret eingereicht haben wir noch nichts“, sagt der Tiroler Kammer-Präsident, „wir wollen erst abwarten, wie die Einreichung ablaufen wird bzw. im Vorfeld klären, ob von Kasse und Land eine Verhandlungsbereitschaft zu erwarten ist.“ Ansonsten sei der große Aufwand für die Vorbereitungen nicht sinnvoll.

Vorsichtiger Optimismus im südlichen Österreich

Kärntens Ärztekammerpräsident Dr. Othmar Haas kommentiert die aktuelle Situation im Bundesland mit einer Portion Optimismus: „Wir haben einen neuen Gesundheitsreferenten in der Regierung. Ich habe nicht den Eindruck, dass sein Ziel die Einlagerung von Leistungen in den Spitalsbereich ist.“ Von verschiedenen Seiten ortet er aber durchaus Begehrlichkeiten in diese Richtung. Die Ärzte in Kärnten wollen aus dem Reformpool Mittel für die operative Vorbereitung. „Von Patienten wird bei der Aufnahme oft verlangt, dass sie Befunde und aktuelle Laborwerte mitbringen“, berichtet Haas. Diese müssen von niedergelassenen Ärzten erhoben werden. „Durch die Honorarlimits bedeutet dies aber immer stärker, dass diese Leistung quasi ehrenamtlich erbracht wird“, schränkt der Kammer-Präsident ein. Zusätzliche Mittel wären für Qualitätssicherung erforderlich, vor allem weil es hier um ein Problemfeld der Nahtstellen gehe. Auch das Thema Bereitschaftsdienste wird in Kärnten ins Rennen gehen. Von Ärzteseite wird vor allem der Aufbau von personell und mit Geräten entsprechend ausgestatteten Notfallordinationen im Vorfeld der Ambulanzen und außerhalb der Ordinationszeiten angeregt. Von GKK Kärnten waren keine Details zu geplanten Projekten zu erfahren. Haas hofft auf einen konstruktiven Dialog in der Gesundheitsplattform und erinnert daran, „dass alle Beschlüsse im Konsens gefasst werden müssen“. Die Komplexität der Kriterien für die Einreichung sind auch ihm ein Dorn im Auge: „Es besteht die Gefahr, dass kleine Projekte keine Chance haben, behandelt zu werden bzw. nur Projekte zum Zug kommen, hinter denen größere Institutionen, etwa Spitäler, stehen, die auch in die Forschung mehr investieren können.“

Steiermark: Impulse für Nahtstellen-Management

In der Steiermark wird die Ärztekammer ein Pilotprojekt für ein Ärztezentrum einreichen. Mit Mitteln aus dem Reformpool soll auch die Verlängerung des erfolgreichen Diabetesschulungsprojekts auf unbegrenzte Zeit ermöglicht werden. Von der „Ebene der ewigen Diskussionen“ wegbewegen soll sich weiters die Finanzierung eines Wochen-Bereitschaftsdienstes. „Dieser spielt ja eine wesentliche Rolle bei der Entlastung der Ambulanzen“, betont der steirische Ärztekammerpräsident, Dr. Dietmar Bayer. Direkt an den Nahtstellen ansetzen würde ein Pilotprojekt zur Hauskrankenpflege im Bezirk Hartberg; alle beteiligten Berufsgruppen und Institutionen sollten hier an einem Strang ziehen. „Von Seiten der Ärzteschaft wird es jedenfalls massive Widerstände gegen Projekte geben, die hauptsächlich auf eine Verlagerung von Leistungen in den Spitalsbereich abzielen“, betont Bayer. Die GKK Steiermark begnügt sich mit der kryptischen Aussage, dass „intensiv an Projekten für den Landesgesundheitsfonds gearbeitet wird“.

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