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Allgemeinmedizin 3. Mai 2006

Lang ist der Weg und steinig … (Folge 40)

Handwerkliches Geschick, emotionale Stärke, Führungsqualität und Durchsetzungsvermögen sind von jenen gefordert, die das Fach Unfallchirurgie wählen. Wer Herausforderungen schätzt, den Umgang mit technischen Neuerungen nicht scheut und Akutsituationen, in denen schnelle Entscheidungen gefordert sind, liebt, bringt die richtigen Voraussetzungen mit.

Frauen haben in der Unfallchir-urgie immer noch Seltenheitswert. „Das ist auch eine Frage der körperlichen Eignung“, erläutert der Ärztliche Direktor des Lorenz-Böhler-Unfallkrankenhauses in Wien, Prof. Dr. Harald Hertz, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. „Die Unfallchirurgie erfordert immer noch sehr viel körperliche Kraft. Sie ist jedenfalls ein Fach für eher robuste Menschen.“

Warum haben Sie sich ursprünglich für dieses Fach entschieden?
Hertz: Ich habe bereits in der vierten Volksschulklasse einen Aufsatz geschrieben, in dem stand: „Ich möchte Chirurg werden.“ Die Unfallchirurgie wurde es dann deshalb, weil das für mich damals spannend war, weil es viele Akutfälle gab. Da war viel los, das hat mir gefallen.

Was fasziniert Sie an Ihrem Fachgebiet?
Hertz: Wir haben es in der Unfallchirurgie eher mit jungen Menschen zu tun, mit Unfallopfern, die wenige Begleiterkrankungen haben und mit einem operativen Eingriff relativ rasch geheilt werden können. Das ist ungeheuer befriedigend. Dabei ist das Operieren gar nicht das Entscheidende, auch wenn alle jungen Fachärzte davon am meisten fasziniert sind. Viel wichtiger ist die Planung: Denken Sie an ein Unfallopfer mit Polytrauma. Hier müssen wir voraus denken: Welche Operation, in welcher Reihenfolge? Wie kann das ganze Team Optimales für den Patienten leisten? Das finde ich nach wie vor faszinierend.

Was waren die größten Veränderungen in der Unfallchirurgie in den vergangenen zwei Jahrzehnten?
Hertz: Die größten Veränderungen fanden sicher im Bereich der technischen Entwicklung statt. Wir verfügen heute über digitales Röntgen, hoch auflösenden Ultraschall, Computertomographie und Magnetresonanz, was uns das rasche Screening von Unfallopfern sehr erleichtert. Wir können heute aufgrund feinerer Instrumente und der Computertechnologie viel genauer arbeiten. Wir haben Implantate aus Titan mit deutlich besseren Materialeigenschaften. Wir haben kanülierte Schrauben, die sich quasi von selbst in den Knochen einfügen, was die Stabilisierung von Frakturen erheblich erleichtert hat. Wir verfügen heute über Maschinen, die uns den Markraum für Prothesen ausfräsen. Früher mussten wir da mit Hammer und Raspel arbeiten. Oder denken Sie an die Kreuzbandplastik: Durch die Navigation in diesem und anderen Bereichen können wir heute auf Zehntelmillimeter genau arbeiten.

Mit welchen großen Herausforderungen rechnen Sie in den kommenden Jahren?
Hertz: Die Lebenserwartung steigt. Ein Mensch mit 70 ist heute nicht alt, geht seinen Freizeitaktivitäten nach. Hier werden die Verletzungen sicher ansteigen. Das bedeutet, dass wir enger mit Medizinern anderer Fachrichtungen zusammenarbeiten werden müssen, um ältere Unfallopfer mit Begleiterkrankungen optimal versorgen zu können. Die technischen Voraussetzungen werden sich ebenso weiter verbessern wie die Genauigkeit, mit der wir arbeiten können.

Welche Voraussetzungen sollte ein fertig ausgebildeter Arzt für dieses Fachgebiet mitbringen?
Hertz: Ich empfehle jedem, der Unfallchirurg werden möchte, dass er sich eine Bohrmaschine kauft und übt, einen Dübel so in einer schwachen Wand zu platzieren, dass er auch hält. Jemand, der eine Bohrmaschine in die Hand nimmt und nicht weiß, wo Vor- und Rücklauf ist, hat in der Unfallchirurgie nichts verloren; dem fehlt das technische Verständnis. Besonders wichtig ist auch ein dreidimensionales Vorstellungsvermögen, weil wir immer nur zweidimensionale Bilder vor uns haben. Das kann nicht jeder. Ein Unfallchirurg muss dazu entscheidungskräftig sein. Für Hin- und Hergrübeln: Was könnte das sein? Was machen wir jetzt? ist keine Zeit – da ist der Patient schon tot. Der Unfallchirurg muss rasch einen Entschluss fassen, sich eine Meinung über den Zustand des Patienten bilden und dann auch Handlungen setzen. Es kann schon einmal sein, dass eine Handlung falsch ist, aber besser eine falsche als gar keine. Ein Unfallchirurg muss ein robuster Mensch sein. Ein zierlicher Typ, der bei jedem Schnupfen daheim bleibt, ist nichts für dieses Fach. Teamfähigkeit kombiniert mit Führungsqualität ist eine weitere wichtige Eigenschaft. Der Unfallchirurg führt das Team und muss die Entscheidungen treffen.

Warum ist die Unfallchirurgie immer noch ein von Männern dominiertes Fach?
Hertz: Das liegt am Fach selbst: Es ist stressbeladen und fordernd. Es ist körperlich anstrengend, obwohl wir jetzt schon viele Hilfsmittel haben. Wenn man mit den Fingern eine Fraktur zusammenhalten muss, strengt das sehr an. Diese Kraft besitzen eben kleine zierliche Frauen nicht. Es gibt aber sicher Frauen, die das ganz gut machen. Derzeit gibt es allerdings keine einzige Frau als Primarärztin in der Unfallchirurgie. Ich denke nicht, dass sich in absehbarer Zeit daran sehr viel ändern wird. Ich habe schon einige Kolleginnen in meiner Abteilung, keine davon ist aber an vorderster Front tätig. Sie suchen sich Nischenbereiche, wie Handchirurgie oder plastische Chirurgie. Ich möchte keinesfalls auf Frauen in der Unfallchirurgie verzichten, weil sie beispielsweise eine Station besser leiten als viele Männer, weil sie genauer sind und einfühlsamer. Es gibt schon viele Punkte, die eine Frau besser kann als ein Mann. Als Erster an der Front ist der Mann in der Unfallchirurgie aber besser geeignet, glaube ich.

Wie lange dauert die Ausbildung, wie ist sie aufgebaut?
Hertz: Die Ausbildung dauert sechs Jahre. Drei Jahre Hauptfach Unfallchirurgie, eineinhalb Jahre Gegenfach Allgemeinchirurgie. Dann ein halbes Jahr Neurochirurgie, drei Monate plastische Chirurgie, drei Monate Gefäßchirurgie, drei Monate Anästhesie und drei Monate Pathologie. Nach der sechsjährigen Facharzt­ausbildung ist allerdings niemand ein versierter Unfallchirurg; dazu gehören noch Routine und Erfahrung. Bis man wirklich sagen kann: „Ich bin ein Unfallchirurg, der sich universell auskennt“, ziehen noch einmal sechs Jahre ins Land.

Wie ist die Ausbildungssituation?
Hertz: Wir haben genügend Ausbildungsplätze. Der Andrang ist groß. Meine Warteliste umfasst ungefähr 80 Kandidaten. Wir haben acht Ausbildungsplätze. Das macht es uns möglich, nur die besten Kandidaten auszuwählen. Gute Chancen habe jene, die bei uns famulieren, ihren Turnus absolvieren und dann ein halbes Jahr zur Probezeit in die Facharztausbildung kommen.

Wie beurteilen Sie die beruflichen Chancen fertig ausgebildeter Fachärzte für Unfallchirurgie?
Hertz: Wer die Ausbildung schafft, wird in der Regel eine Oberarztstelle anstreben und in dieser Funktion tätig sein. Viele Unfallchirurgen eröffnen zusätzlich zu ihrer Tätigkeit im Krankenhaus eine Privatpraxis. Einige wenige gehen in die Forschung und nur ein minimaler Prozentsatz kann ausschließlich von der Tätigkeit in freier Praxis leben, weil es für Unfallchirurgen keine Kassenstellen gibt. Insgesamt beurteile ich die Chancen für gut ausgebildete Unfallchirurgen positiv. Die Unfallchirurgie wird sicher nicht aussterben.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE-WOCHE-Serie werden nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

 

Sabine Fisch, Ärzte Woche 18/2006

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