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Allgemeinmedizin 11. April 2006

Reizende Verwandtschaft

Birkenpollen und Kirschen sind sich ähnlicher, als der erste Blick vermuten lässt. Ihre Verwandtschaft liegt in einzelnen Proteinbausteinen und entscheidet über das mögliche Auftreten von Kreuzallergien. Personen, die bereits an einer Inhalationsallergie, z.B. gegen Pollen, leiden, sollten daher auch deren „Familienverhältnisse“ zu Nahrungsmitteln kennen, um sich vor Kreuzreaktionen in Acht nehmen und mögliche Anzeichen richtig deuten zu können.

Zwanzig Prozent der erwachsenen Bevölkerung sind von Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten betroffen. Davon leidet allerdings nur jeder Zehnte an einer „echten“ Nahrungsmittelallergie, 40 Prozent reagieren kreuz mit anderen Allergenen. Bei 50 Prozent sind vorwiegend Fructose-, Histamin- oder Laktose-Intoleranz schuld an den Beschwerden. „Echte Nahrungsmittel-Allergien sind zwar die seltenste Form von Nahrungs-Unverträglichkeiten, haben aber parallel zu den Atemwegsallergien in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen“, erklärte Prof. Dr. Christof Ebner, Allergie-Ambulatorium am Reumannplatz, auf einer Pressekonferenz Mitte Februar in Wien. Die gegenwärtig übliche, vielfältige Ernährung führt letztendlich zu einem vermehrten Kontakt mit möglichen Allergieauslösern. Im Normalfall verschwinden die Nahrungsmittel-Allergien (mit Ausnahme von Fisch und Erdnuss) spätestens im Vorschulalter aufgrund der Immunsystemreifung spontan.

Experten empfehlen lange Stillzeit zur Vorbeugung

Ebner: „Entsprechend dem natürlichen Verlauf von Allergien beginnen diese Kinder jedoch ab diesem Zeitpunkt mit einer allergischen Erkrankung der Atemwege. Als vorbeugende Maßnahmen können eigentlich allein eine lange Stillzeit und später Kontakt mit potenziellen Allergieauslösern empfohlen werden.“ Nahrungsmittel-Allergien des Jugendlichen und Erwachsenen beruhen, wie die Experten der Pressekonferenz meinten, meistens auf einer Kreuzreaktion mit inhalativen Allergenen, vor allem Pollen: Litten vor 15 bis 20 Jahren rund 17 Prozent der Heuschnupfen-Patienten auch an Nahrungsmittelallergien, so sind es heute knapp 60 Prozent.

Entdeckung neuer Allergenfamilien ist unwahrscheinlich

„Die Ursache für diese Kreuzreaktivitäten sind identische Eiweißbausteine, die in den entsprechenden Pflanzenarten vorkommen“, erklärt der Molekularbiologe Prof. Dr. Heimo Breiteneder, Zentrum für Physiologie und Pathophysiologie, Medizinische Universität Wien. Diese Eiweiße werden in Protein-familien zusammengefasst. Eine solche Familie beinhaltet Proteine mit oft ähnlicher physiologischer Funktion und Struktur. Mitglieder derselben Proteinfamilie können deshalb auch in taxonomisch weit voneinander entfernten Arten oder Gattungen vorhanden sein, also aus unterschiedlichen Arten von Tieren oder Pflanzen stammen. So gehören etwa die Hauptallergene der Birkenpollen und der Kirsche zur gleichen Proteinfa-milie, da sie eine sehr ähnliche Molekülstruktur besitzen. Deshalb kann es bei Birkenpollenallergikern bei Genuss von Kirschen ebenfalls zu allergischen Symptomen kommen.

Zwei Großfamilien mit besonderem allergischen Potenzial

Die beiden Proteinfamilien mit der größten Anzahl an beschriebenen Allergenen sind die „Prolamine“ (36 Allergene; z.B. aus Pfirsich, Haselnuss, Paranuss) und die „Cupine“ (18 Allergene; z.B. aus Erdnuss, Soja, Walnuss). „Die Wahrscheinlichkeit des Auftretens vollkommen neuer Allergenfamilien ist eher gering, da sich seit geraumer Zeit neu entdeckte Allergene immer bereits bestehenden Allergenfamilien zuordnen lassen“, so Breiteneder. Grundsätzlich könne eine Kreuzreaktion bei sämtlichen Formen einer Al-lergie auftreten. Besonders häufig sind jedoch Reaktionen zwischen Pollen und Nahrungsmitteln oder bestimmten Nahrungsmitteln der selben Pflanzengattung. Durch den Anstieg der Pollenallergien kam es naturgemäß auch zu einer Zunahme an pollenassoziierten Kreuz-reaktionen mit Nahrungsmitteln. Zur Sicherung der Diagnose ist oft detektivische Kleinarbeit gefordert. Ebner: „Die Grundlage der Allergiediagnostik ist die Krankengeschichte. Die Befragung zielt darauf ab, die Symptome des Patienten und die Umstände des Auftretens detailliert zu erfassen.“ Hauttestungen, Blutanalysen oder Provokationstestes sollten, nun auch in Kenntnis der Ähnlichkeiten, zu einem Ergebnis führen. Erste und wichtigste Maßnahme stellt allerdings nach wie vor die Allergenvermeidung dar.

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