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Allgemeinmedizin 25. April 2006

Geht es der Mutter gut, profitieren auch die Kinder

Sind Mütter depressiv, beugt eine therapeutische Behandlung auch Depressionen, Verhaltens­auffälligkeiten und Angststörungen ihrer Kinder vor. Diesen Zusammenhang haben US-Forscher nun erstmals in einer Studie gezeigt.

Die Untersuchung hatte zwar nur einen kleinen Umfang, dennoch halten die Wissenschaftler das Resultat für überzeugend. Es veranschaulicht, wie wichtig das Wohl der Eltern für ein Kind ist. „Es ist ein sehr deutliches und bedeutendes Ergebnis“, sagt der an der Studie beteiligte Psychiater Dr. John Rush von der Universität von Texas. Depressionen treten in manchen Familien gehäuft auf. Die Erkrankung hat zwar oft eine genetische Komponente, kann aber auch durch Umweltfaktoren ausgelöst werden. Für ein Kind kann ein solcher Auslöser eine Depression der Mutter sein. Daher kann eine effektive Behandlung der Mutter ihr Kind vor psychischen Problemen schützen. „Depressive Eltern sollten mit Nachdruck behandelt werden“, resümiert Untersuchungsleiterin Prof. Dr. Myrna Weissman von der Columbia Universität in New York. „Das hilft nicht nur ihnen, sondern auch ihren Kindern.“ 114 depressive Frauen mit ihren Kindern waren in die im JAMA (2006; 295: 1389–1398) veröffentlichte Studie eingeschlossen. Die im Durchschnitt elf bis zwölf Jahre alten Kinder wurden vor und nach der dreimonatigen Therapie ihrer Mütter untersucht. Bei einem Drittel derjenigen Kinder, die bereits zu Studienbeginn psychiatrische Probleme aufwiesen, verschwanden die Beschwerden, wenn die Mutter sich bei der Behandlung erholte. Schlug die Therapie bei den Müttern nicht an, wurde dagegen nur jedes achte Kind beschwerdefrei.

Bei Vätern ähnliche Resultate

Von den Kindern, die anfangs keine psychiatrischen Probleme zeigten, blieben alle unauffällig, sofern die Behandlung den Müttern half. Blieben die Mütter jedoch depressiv, traten nach den drei Monaten bei jedem siebten Kind psychische Beschwerden wie Depressionen, Angststörungen oder Verhaltensprobleme auf. Weissman vermutet, dass eine Studie mit Vätern zu ähnlichen Resultaten käme. Ein Blick in die Statistik zeigt die gesellschaftliche Relevanz des Problems: In den USA wird bei jeder achten Frau im Verlauf ihres Lebens mindestens einmal eine Depression diagnostiziert, wobei die Krankheit bei Frauen im Alter zwischen 25 und 44 Jahren überproportional häufig auftritt. Nicht einmal die Hälfte der betroffenen Frauen begibt sich in Behandlung. „Die Studie ist ein guter Grund für Mütter, sich zuerst um sich selbst zu kümmern“, sagt Prof. Nada Stotland, Vizepräsidentin der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung. „Das ist ein wenig, wie wenn man sich im Flugzeug bei einem Druckabfall zuerst selbst die Sauerstoffmaske aufsetzt. Wenn man selbst nicht atmen kann, kann man auch niemandem helfen.“ Das Studienergebnis entspricht auch der Erfahrung des Kinder- und Jugendpsychiaters Peter Robbins aus Fairfax im US-Staat Virginia, und zwar nicht nur in Bezug auf Depressionen. Demnach haben etwa auch Kinder mit der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oft kranke Eltern. Werden die Eltern, der Vater oder die Mutter mit Erfolg behandelt, bessert sich laut Robbins meist auch die Symptomatik der Kinder. Das Fazit des Experten: „Sich um ein Kind kümmern heißt, sich um die ganze Familie zu kümmern.“

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