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Allgemeinmedizin 3. Mai 2006

Reformprozess mit Stolpersteinen

Trotz immer wiederkehrender Erfolgsmeldungen kommt der Prozess der Gesundheitsreform nur schleppend in Gang. Die Art, wie Sozialversicherung, Länder und Ärzte dabei miteinander umgehen, sieht sehr unterschiedlich aus.

In den 15a-Vereinbarungen zwischen Bund und Ländern, die als Grundkonstrukt hinter dem Prozess der Gesundheitsreform und der Implementierung der Landesgesundheitsplattformen steht, „ist davon die Rede, dass der Prozess Vorteile für die Länder und die Sozialversicherung bringen soll“, bringt es Dr. Harald Seiss, Direktor der Salzburger Gebietskrankenkasse, auf den Punkt. Die Ärztekammern kommen also nicht wirklich vor.

Skepsis in Salzburg

„Kassen und Wirtschaftsabteilungen der Spitäler haben quasi freie Hand“, ergänzt Dr. Reiner Brettenthaler, Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK). Auch wenn er hofft, dass dies nicht überall dazu ausgenutzt wird, „den niedergelassenen Ärzten das Wirtschaften praktisch unmöglich zu machen“, stimmt ihn die gegenwärtige Situation in Salzburg skeptisch bis pessimistisch. Im diesem Bundesland hat die GKK bereits einige Projekte eingereicht, bei denen es „eher um Einlagerungen ins Spital als um Nahtstellenmanagement, geschweige denn Auslagerung geht“, so Brettenthaler. So wird hinterfragt, ob eine radiologische Versorgung im Tennengau sowohl im Spital als auch im niedergelassenen Bereich sinnvoll ist. Laborleistungen sollen in Spitälern gebündelt, präoperative Befundberichte durch dortige Anästhesisten erstellt werden. Ambulanzen sollten auch das Rezeptrecht bekommen und Menschen krankschreiben dürfen. Argumentiert wird mit dem kostengünstigeren Spitalsbereich. „Dabei werden Einzelleistungen untersucht bzw. verglichen und nicht die Kosten des Vollbetriebs berücksichtigt“, kritisiert Brettenthaler. „Dazu kommt, dass Ärzte und Mitarbeiter der Pflege schon jetzt oft durch den hohen Arbeitsaufwand überlastet sind.“ Die Ärzteschaft sei auch durch die Vergaberichtlinien für die Landesplattformen benachteiligt und es sei deshalb zu befürchten, dass ein Dialog nicht einmal gesucht werden müsse. GKK-Chef Seiss relativiert die Aussagen des ÖÄK-Präsidenten: „Wir sagen nicht, dass alles im Spital billiger ist. Oft ist aber eine neue Form der Zusammenarbeit zwischen intra- und extramural gefragt.“ Nachdenken darüber, wo Leistungen günstiger erbracht werden können, müsse erlaubt sein. Eine Verschwendung von Mitteln ortet Seiss bei technischen Fächern wie der Radiologie, „weil es Doppelt- und Dreifachstrukturen gibt“. Gerade im Tennengau sei die Versorgungssituation im Spital sehr gut und deshalb die Einbeziehung niedergelassener Radiologen zu überlegen. Im Laborbereich gehe es um die Frage, inwieweit die hohen Nutzungsfrequenzen und optimale Ausstattung ein ökonomischeres Vorgehen ermöglichen. Seiss kann auch den Widerstand gegen das Ausstellen von Rezepten und Krankschreibungen im Spital nicht nachvollziehen: „Dies würde limitierte Zeiträume betreffen und Entlastungen für Situationen, z.B. Spitalsentlassung am Freitag, bringen.“ Er erwartet sich von den Ärzten ein „kritisches Mitdenken“, eines müsse aber klar sein: „Zahler im Gesundheitswesen sind die Sozialversicherung und das Land – wer zahlt, kann auch die Richtung vorgeben.“ An einer Kooperation mit den Ärzten bestehe jedenfalls Interesse. Brettenthaler will eines gewahrt wissen: „Die Reformpool-Projekte müssen eine Verbesserung des Nahtstellenmanagements und Kooperationen zwischen intra- und extramuralen Bereich zum Zweck haben. Sie dürfen nicht als ‚Studien’ dafür herhalten, wie Leistungen am besten abgewälzt werden können.“

Konstruktives Niederösterreich

Dass der Reformprozess auch anders laufen kann, zeigt sich in Niederösterreich. Viele eingereichte Projekte waren schon im Vorfeld gut abgestimmt, die Ergebnisse der ersten Arbeitssitzung wurden gemeinsam von Ärzten, GKK und Gesundheitslandesrat Mag. Wolfgang Sobotka stolz bei einer Pressekonferenz präsentiert. „Die gemeinsame Finanzierung von Spitälern und niedergelassenen Ärzten macht eine verstärkte Abstimmung und Kooperation möglich“, sagte Sobotka, „und damit eine weitere Steigerung der Qualität der medizinischen Versorgung.“ Schon bei der ersten Sitzung der Gesundheitsplattform in NÖ wurden sieben Projekte ausgewählt, von denen einige in der Modellregion Waldviertel ablaufen werden. Dort soll das Management von Patienten mit Herzschwäche verbessert und deren Krankenhaus­aufenthalte reduziert werden. Weiters geht es um die Verbesserung der onkologischen Versorgung im Nahtstellenbereich. Ein anderes Projekt soll Impulse zur Verbesserung des Aufnahme- und Entlassungsmanagements für Spitäler bringen, vor allem durch besser abgestimmte Kommunikation. Weitere Ziele sind besseres Diabetesmanagement, ein Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung, Zahnbehandlung in Narkose sowie die Einrichtung einer interdisziplinären Aufnahmestation in Horn.Dr. Lothar Fiedler, Präsident der Ärztekammer für Niederösterreich, ist besonders stolz auf das Projekt „www.aerzteausbildung.at“, das ebenfalls bei der erwähnten Pressekonferenz vorgestellt wurde. „Das ist ein offenes Forum für alle Ärzte und auch Patienten. Vorschläge aller Art, aber auch Kritik sind willkommen“, so Fiedler. Er sieht dieses Vorhaben, das zu einer Verbesserung der Ausbildung beitragen soll, als wesentlichen Baustein in den Bemühungen um Qualitätsmanagement.

Gute Stimmung in OÖ

Im Land ob der Enns gab es zwar bereits ein erstes Arbeitstreffen, ein Vorsitzender wurde aber noch nicht gewählt. „Ich hoffe auf eine Gesundheitspartnerschaft vergleichbar jener der Sozialpartner, um gemeinsam mit den Vertretern des Landes und der Sozialversicherungen beste Projekte für die Patienten zu entwickeln“, erklärt Ärztekammerpräsident Dr. Peter Niedermoser. „Das entspricht auch dem bis jetzt sehr guten Verhandlungsklima in Oberösterreich.“ Die Ärztekammer wird für Grieskirchen das Projekt „Ärztliches sozialpädiatrisches Zentrum“ in die Landesplattform einbringen. Dieses Ärztezentrum ist als „missing link“ zwischen Spital, Ordinationen, Therapeuten, Psychologen, Sozialarbeitern und diversen Institutionen konzipiert. Vielen kleinen Patienten soll dadurch ein Spitalsaufenthalt erspart bleiben. Ein Ambulatorium für neuropädiatrische und eines für psychosomatische Versorgung sowie ein Therapiezentrum sollen in diese Einrichtung integriert werden. Im Reformpool haben auch Projekte für Ärzteaus- und -fortbildung Platz. In OÖ wird die Finanzierung einer „erweiterten Lehrpraxis“ beantragt, was Auswirkungen auf die Ärzteausbildung auf Bundesebene haben soll. Ein weiteres gemeinsames Projekt von Ärzten und Kasse betrifft die „integrierte Schlaganfallversorgung“.

Hinweis der Redaktion: In der nächsten Ausgabe der ÄRZTE WOCHE berichten wir über die Entwicklung in den anderen Bundesländern.

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