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Allgemeinmedizin 25. April 2006

Spezialisten für gesundes Reisen (Folge 39)

Neben der Diagnostik und Therapie tropischer Infektionskrankheiten arbeiten Fachärzte für spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin auch „prophylaktisch“. Sie bringen ihr Know-how bei der Entwicklung neuer Impfstoffe ein und erfassen impfpräventable Infektionskrankheiten, wie etwa Rotaviren und Pertussis, in einem österreichweiten Register.

„Unsere Forschungsarbeit über Tropenerkrankungen kommt nicht nur Reisenden zugute, sondern auch der Bevölkerung der betroffenen Länder“, erläutert der Facharzt für spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin, Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. Er ist am Institut für spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin am Zentrum für Physiologie und Pathophysiologie der Medizinischen Universität Wien tätig.

Warum haben Sie sich ursprünglich für dieses Fach entschieden?
Kollaritsch: Ich war während des Studiums – wie viele andere Medizinstudenten auch – finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet und wollte mir etwas dazu ver-dienen. Deshalb habe ich mich am Institut für spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin für ein Forschungsprojekt beworben und dort Immunfluoreszenz-Untersuchungen durchgeführt. Dann bin ich für den Rest meines Studiums als wissenschaftliche Hilfskraft am Institut „hängen geblieben“, was damals nicht viel mehr war als ein „Dodel für alles“. Aber die Faszination war da. Und so bin ich nach der Promotion für ein Jahr an das Kaiser-Franz-Joseph-Spital in die Infektionsabteilung gegangen und habe danach als Assistent wieder ans Institut für spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin gewechselt. Interessiert hat mich das Fach „in seiner ganzen Exotik“. Mir war damals auch klar, dass in diesem Bereich unglaublich viel Neues entsteht. Nicht zuletzt habe ich hier ein hervorragendes Arbeitsklima vorgefunden, was auch eine Rolle bei der Entscheidung für diesen Weg gespielt hat.

Was begeistert und fasziniert Sie an Ihrem Arbeitsgebiet?
Kollaritsch: Es ist ein äußerst umfassendes Fach. Wir diagnostizieren und behandeln exotische Infek-tionen, die ein Arzt, der nur in Österreich arbeitet, üblicherweise nicht sieht. Ein wichtiges Arbeitsgebiet ist natürlich auch die Prävention. Wir verstehen uns hier als versierte Instanz für Infektionserkrankungen, die weltweit vorkommen. Als Tropenmediziner kann ich sowohl theoretisch als auch klinisch arbeiten. Dazu kommt, dass unser Fach extrem forschungsintensiv ist. Wer Facharzt für spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin werden will, muss auch wissenschaftlich arbeiten wollen.

Was waren die größten Veränderungen in der spezifischen Prophylaxe und Tropen-medizin in den vergangenen 25 Jahren?
Kollaritsch: Durch die immer stär-kere Mobilität der Menschen wurden wir zunehmend mit dem völlig neuen Bereich der „Reisemedizin“ konfrontiert. Daraus hat sich eine Fülle von neuen Aufgaben ergeben. Insbesondere die spezifische Prophylaxe bei Fernreisen sowie Diagnostik und Therapie von reiseassoziierten Infektionskrankheiten bilden hier einen enorm wichtigen Aufgabenbereich für uns. Immerhin fährt jährlich eine halbe Million Österreicher in Länder, in denen ganz andere infektionsepidemiologische Voraussetzungen herrschen als bei uns. Meilensteine waren in den vergangenen 25 Jahren sicher auch eine ganze Reihe von erstklassigen Impfstoffen, etwa die Hepatitisvakzinen, die uns heute eine effektive Präventionsarbeit ermög-lichen. Und wir wurden mit über 40 neuen Erregern von Infektionskrankheiten konfrontiert, darunter HIV, die die Welt verändert und uns vor ganz neue Herausforderungen gestellt haben. Ganz aktuelle Beispiele für die Arbeit als Facharzt für spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin sind natürlich das SARS, die Vogelgrippe und die Möglichkeit einer Grippepandemie. Diese Entwicklungen berühren unser Fachgebiet, weil wir uns als Infektionsmediziner und Infektionsepidemiologen verstehen.

Mit welchen Herausforderungen rechnen Sie in den kommenden Jahren?
Kollaritsch: Die Entwicklung neuer Impfstoffe ist nach wie vor eine essenzielle Herausforderung für uns. Derzeit arbeiten wir gerade an einer Phase-III-Studie mit einem Impfstoff gegen japanische Enzephalitis mit. Dringend gebraucht wird auch ein Impfstoff gegen das Dengue-Fieber, an dem ebenfalls intensiv geforscht wird. Eine Herausforderung sind auch unsere Forschungstätigkeiten in Ländern wie Thailand, wo wir uns derzeit in einer eigenen Forschungsstation mit dem Resistenzverhalten von Malariaerregern befassen. Das kommt nicht nur unserer Arbeit zugute, sondern letztlich auch der von dieser Erkrankung betroffenen Bevöl-kerung in Thailand.

Welche Eigenschaften zeichnen einen guten Facharzt für spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin aus?
Kollaritsch: Wir sind sehr oft mit Menschen anderer Ethnien und Religionsbekenntnisse konfrontiert. Das erfordert ein hohes Maß an Sensibilität und Toleranz. Auch eine gewisse Behutsamkeit wird von unseren Ärzten gefordert, vor allem dann, wenn wir vor Ort in einem Dritteweltland arbeiten. Wir müssen die kulturellen Eigenheiten und Lebens-umstände der Menschen in der Dritten Welt respektieren und dürfen nicht „mit der Dampfwalze drüber fahren“.

Macht es Sinn, den Turnus zu absolvieren?
Kollaritsch: Medizinisch ist eine umfassende Ausbildung das Um und Auf. Dazu gehört auch das Wissen über internistische Erkrankungen, um Differenzialdiagnosen stellen zu können. Den Turnus halte ich schon aus diesem Grund vor der Facharztausbildung für sehr wichtig. Reisebereitschaft schadet auch nicht. Zuletzt ist die Freude am wissenschaftlichen Arbeiten eine Voraussetzung für die Tätigkeit in unserem Fach. Wir arbeiten intensiv auf der theoretischen Ebene. So sind wir heute die einzige Institution, die die Zahlen bestimmter impfpräventabler Infektionserkrankungen, wie etwa Rotaviren oder Pertussis, erfasst und engagieren uns intensiv in der Grundlagenforschung der Vakzinologie und molekularen Parasitologie.

Was ist am Fach besonders anstrengend?
Kollaritsch: Persönlich ist mir der Job noch nie zu stressig gewesen, die Arbeit macht mir immer noch viel Spaß. Es kann allerdings frustrierend sein, wenn wir bei der Anlaufdiagnose Status febrilis – und das ist bei uns die wichtigste Anlaufdiagnose – nicht herausfinden können, was dahinter steckt. Und die Quote liegt hier bei zehn bis 20 Prozent.

Wie lange dauert die Ausbildung und wie ist sie aufgebaut?
Kollaritsch: Vier Jahre sind im Hauptfach zu absolvieren. Als Gegenfach ist ein Jahr Interne vorgeschrieben und ein Jahr Hygiene. Am Zentrum für Reisemedizin besteht zudem – das ist einzigartig in Österreich – eine Lehrpraxis, in der ein Jahr der Ausbildung durchlaufen werden kann.

Wo ist eine Ausbildung zum Facharzt möglich?
Kollaritsch: Das Institut für spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin in Wien ist die einzige approbierte Ausbildungsstelle in Österreich. Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht, Facharztkandidaten über Drittmittel zu finanzieren. Die beiden letzten Fachärzte, welche die Ausbildung durchlaufen haben, konnten über wissenschaftliche Grants finanziert werden.

Wie beurteilen Sie die Chancen fertig ausgebildeter Fachärzte für spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin?
Kollaritsch: Im universitären Bereich halte ich die Chancen für ausgezeichnet. Die Tropenmedizin ist ein lebendiges Forschungsgebiet, und Spezialisten auf diesem Gebiet sind durchaus gesucht. Unser In­stitut gehört zu den forschungsintensivsten innerhalb der Medizinischen Universität Wien. In der freien Praxis allerdings halte ich die Tropenmedizin für eine ziemlich brotlose Kunst. Hier kann man lediglich eventuell mit der Reisemedizin ein wenig punkten.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE-WOCHE-Serie werden nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 17/2006

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