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Allgemeinmedizin 25. April 2006

Drogentote: Prävention kommt zu kurz

Die wieder einmal aufgeflammte Diskussion über die Zunahme der Zahl an Drogentoten und deren Hintergründe lenkt vom eigentlichen Problem ab. Nach wie vor fließt nur ein Bruchteil der Mittel in Präventionsmaßnahmen, an denen auch Ärzte großes Interesse bekunden.

Laut aktuellem Bericht des Gesundheitsministeriums ist die Zahl der Drogentoten von 189 Opfern im Jahr 2003 auf 224 im Folgejahr gestiegen. Der Anteil der unter 20-Jährigen habe sich dabei von 12 auf 21 Prozent fast verdoppelt. Zum Suchtgiftkonsum wird im Bericht auf „immer häufigere Exzesse“ verwiesen. Dr. Franz Pietsch, Bundesdrogenkoordinator im Gesundheitsministerium, ortet einen internationalen Trend in Richtung Mischkonsum: „Knapp 75 Prozent der direkt suchtgiftbezogenen Todesfälle des Jahres 2004 sind auf Misch-Intoxikationen unter Beteiligung von Opiaten zurückzuführen.“

Häufig Morphine im Spiel

Besorgniserregend ist aus seiner Sicht der stark angestiegene Anteil an Morphinen. Diese waren bei den Drogentoten im Jahr 2004 mit ca. 80 Prozent die am häufigsten nachgewiesene Substanz. „Dieses Ergebnis darf aber nicht nur als Missbrauch retardierter Morphine gesehen werden, weil auch Heroin relativ rasch zu Morphin abgebaut wird“, stellt Pietsch klar. Einen „differenzierteren Umgang mit der Zahl der Drogentoten“ fordert der Psychiater Dr. Alfred Uhl. Er ist Mitarbeiter des Ludwig-Boltzmann-Institutes für Suchtforschung in Wien. Eine Überdosierung könne ein Unfall wie auch ein versuchter Suizid sein. „Die mediale Sensationalisierung des Problems der Drogentoten bringt jedenfalls eine Stigmatisierung der Betroffenen und erschwert das konsequente sachliche Herangehen an die Optimierung der Präventions- und Hilfsangebote“, betont Uhl. In dieselbe Kerbe schlägt Christoph Lagemann, Obmann der „Arbeitsgemeinschaft Suchtvorbeugung“, in der die Suchtpräventionsstellen der Bundesländer zusammenarbeiten: „Es ist genauso problematisch, von einer höheren Zahl an Anzeigen aufgrund des Suchtmittelgesetzes auf ein verstärktes Problem bei illegalem Drogenkonsum zu schließen.“ Diese Zahlen gingen oft auf Schwerpunktaktionen der Polizei zurück. Österreich werde zudem dafür kritisiert, dass ein Großteil der Anzeigen Endverbraucher betreffe und viel weniger die organisierten Dealer. Gegen das ständige Gerede von Exzessen verwehrt sich Uhl: „Der Trend, dass öfter mit unterschiedlichen Substanzen experimentiert und dabei mehrere Stoffe, wie Alkohol, illegale Drogen, Psychopharmaka etc., kombiniert werden, ist evident. Diesen Personen fehlt meist das Wissen über deren Wirkungen und Gefahren.“ Das Zusammenspiel verschiedener Faktoren sei einer der Gründe für die genaue Differenzierung, was mit „Drogentoter“ gemeint sei. Außerdem gebe es, so Uhl, „erheblich mehr tödliche Alkohol-überdosierungen als tödlichen Missbrauch illegaler Drogen.“ Ebenso sei zu bedenken, dass „problematischer Drogenkonsum“ eine relativ überschaubare Gruppe betreffe. „Derzeit wird jeder Zehnte im Laufe seines Lebens alkoholkrank, hin-gegen entwickelt nicht einmal ein Prozent ein ernstes Drogenproblem“, nennt Uhl die Fakten. „Es wird zu viel über die Zahl der Drogentoten und zu wenig über Prävention diskutiert“, ist Lagemann überzeugt. „Nach wie vor fließt ein Großteil der verfügbaren Mittel in Repressionsmaßnahmen bzw. in den Therapiebereich. Nicht einmal zwei Prozent gehen in die Prävention.“

Prävention statt Repression

Lagemann spricht in der Präventionsarbeit den Allgemeinmedizinern eine große Bedeutung zu: „Sie nehmen oft als Erste frühe Anzeichen von psychosozialen Problemen, von Schwierigkeiten in Schule oder Ausbildung bzw. im Familiensystem wahr.“ Oft gebe es dann aber Unsicherheiten, an wen betroffene Jugendliche weiterverwiesen werden können. „Wer psychische oder soziale Schwierigkeiten, aber noch kein Drogenproblem hat, für den gibt es zu wenige, leicht zugängliche Hilfsangebote“, bestätigt Uhl. Er unterstreicht die Forderung nach dem Ausbau von Strukturen, z.B. des schulpsychologischen Dienstes, und von niederschwelligen Beratungsangeboten bzw. nach einem leichteren Zugang zu psychotherapeutischen Angeboten.

Mehr Fortbildung statt Verbote

„Der Substitutionsbehandlung kommt bei Drogenproblemen ein hoher Stellenwert zu“, sind sich Lagemann und Uhl einig. Diese trage dazu bei, dass Situationen nicht eskalieren bzw. eine Normalisierung gefördert wird. „Es steht außer Frage, dass Ärzte, die im Substitutionsbereich tätig sind, eine gute Aus-bildung haben bzw. den aktiven Erfahrungsaustausch in Qualitätszirkeln suchen sollten“, betont Dr. Bernhard Spitzer. Der Psychiater ist Leiter der Drogenentzugstation im Landesklinikum Mostviertel und Suchtbeauftragter des Landes Niederösterreich. Es sei allerdings kontraproduktiv, „gesetzlich vorzuschreiben, welche Substanzen in welchen Dosierungen zum Einsatz kommen sollen“, kommentiert Spitzer die geplante Verordnung des Gesundheitsministeriums in Bezug auf die Substitutionsbehandlung.

Kriterien für Substitution

Im Vordergrund der Substitutionstherapie stehe das individuelle Vorgehen. „Ein wichtiges Qualitätskriterium ist die Therapievereinbarung“, sagt Spitzer. „Es kann nicht sein, dass Substanzen einfach so verschrieben werden.“ Dazu komme der interdisziplinäre Aspekt, die Kooperation mit Sozialarbeitern, Psychologen oder Psychotherapeuten. Die Arzneimittelsicherheit sei in der kommenden Verordnung zur Substitutionstherapie besonders wichtig, betont Pietsch: „Bei keinem anderen Medikament ist der Missbrauch so stark wie bei retardierten Morphinen. Es kommt häufig zu Fehlverschreibungen oder zu unerwünschten Kombinationswirkungen mit anderen verordneten Medikamenten.“ Es gehe um die Mittel der ersten Wahl in der Substitution. Methadon beispielsweise wäre deutlich besser als sein Ruf in Österreich; das würde auch auf EU-Ebene bzw. von der WHO so beurteilt.

Internationale Standards

Mit der geplanten Verordnung solle jedenfalls die Qualitätssicherung bei der Substitutionstherapie abgesichert werden. Pietsch: „Es geht nicht um einen Eingriff in die ärztliche Therapiefreiheit, sondern um die Orientierung an international anerkannten Standards.“ Derzeit laufe eine Studie, die alle in der Substitution eingesetzten Stoffe eingehend untersucht. Die Ergebnisse erwartet Pietsch in etwa eineinhalb Jahren. Bis dahin dürfen retardierte Morphine weiter eingesetzt werden. Allerdings gibt es Supervisionspflicht, unter anderen bei Schwangeren sowie Jugendlichen und HIV-Infizierten.

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