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Allgemeinmedizin 20. April 2006

Fachärzte für Membranen und Signale (Folge 38)

Wie funktionieren Ionenkanäle? Welche Auswirkungen haben Strahlen auf den menschlichen Organismus? Welche Schlüsselrolle nehmen Membranen ein? Mit diesen Fragen beschäftigen sich Fachärzte für medizinische Biophysik – eine Fachrichtung, die es in dieser Form nur in Österreich gibt.

Er ist eigentlich Physiologe, hat sich mit einer Arbeit in Pharmakologie habilitiert und sein Hauptarbeitsgebiet war die Elektrophysiologie: Prof. Dr. Helmut Tritthart kam über Umwege zur medizinischen Biophysik und arbeitet heute im Institut für Biophysik der Medizinischen Universität Graz. Für ihn war dieses Fach nach der Ausbildung in Österreich und Deutschland „die naheliegendste Ausrichtung für mein Interessensgebiet“. Nach einem ausbildungsbedingten Abstecher zum Atomforschungsinstitut in Karlsruhe war für Tritthart klar, dass er an der Erforschung von Signalen und Mem­branen arbeiten will: „Das führte mich kerzengerade in die medizinische Biophysik.“

Schlüsselfaktor Signal

Dieses nicht-klinische Fach beschäftigt sich mit Fragen rund um die Signalweiterleitung im menschlichen Organismus. Es erforscht Membranen, deren Aufgaben und Durchlässigkeit, ebenso wie Signale und Ionenkanäle. „Jede Bewegung im menschlichen Körper, jeder Sinneseindruck, jeder Denkprozess hängt von den Faktoren Membran und Signal ab“, erläutert Tritthart im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. Egal, ob es sich um Nerven-, Muskel- oder Organfunktionen handelt – alles ist eine Frage von Membran und Signal. Dazu gehört auch die wissenschaftliche Analyse der Auswirkungen von Strahlung auf den menschlichen Organismus. Diese Fragen betreffen alle Fachbereiche der Medizin, angefangen von der Dermatologie über die Kardiologie bis hin zur Neurologie.

Auch Physik studieren

Das ist es auch, was Tritthart an seinem Arbeitsgebiet so begeistert: „Unser Fach ist extrem breit, die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den einzelnen Fachgebieten gehört zu den wichtigsten Faktoren unserer Arbeit.“ Neben der wissenschaftlichen Forschung, die den größten Teil von Trittharts Zeit einnimmt, spielt die Lehre eine wichtige Rolle. Und: Wer Facharzt für medizinische Biophysik werden will, sollte überlegen, ob er nicht auch noch ein Physikstudium absolviert, denn „solide Physikkenntnisse sind absolut notwendig“, betont Tritthart. „Allerdings kommt es nur sehr selten vor, dass ein Jungmediziner sich auch noch ein Physikstudium ‚antut’.“ Jedenfalls führt – wann auch immer – an der intensiven Beschäftigung mit der Physik kein Weg vorbei. „Und das kann manchmal schon sehr anstrengend, vielleicht auch frustrierend sein“, warnt der Biophysiker. Für einen der Meilensteine der medizinischen Biophysik in den vergangenen 20 Jahren hält Tritthart die Entwicklung der so genannten „Patch-Clamp-Technik“, mit deren Hilfe Ionenkanäle erforscht werden können. Die „Erfinder“ dieser Technik, Erwin Neher und Bert Sakmann, wurden für ihre Entdeckung 1991 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. „Dies hat die gesamte moleku-lare Genetik, insbesondere die Krebsforschung um einen großen Schritt weitergebracht“, erläutert Tritthart. Genau dort, in der Krebsforschung nämlich und in der Erforschung der Herz-Kreislauferkrankungen, sieht der Biophysiker auch die nächsten großen Herausforderungen: „Wie können wir die Haupttodesursachen Krebs und Herz-Kreislauferkrankungen besser verstehen und wirksame Therapien entwickeln?“ Tritthart blickt diesbezüglich durchaus positiv in die Zukunft: „Wir sehen derzeit viele positive Entwicklungen.“

Keine Ausbildungsplätze

„Spannend, herausfordernd und interdisziplinär“ – so beschreibt Tritthart die medizinische Biophysik. Dementsprechend muss ein Ausbildungskandidat auch Flexibilität, ausgezeichnete Physikkenntnisse und Teamfähigkeit mitbringen. Besser gesagt, er „müsste“, denn derzeit ist die Ausbildung zum Facharzt in Österreich leider nur theoretisch möglich. „Wir können ausbilden, haben auch formal Ausbildungsplätze, bisher wurde allerdings noch keine einzige Planstelle geschaffen“, bedauert Tritthart. „Und es wird wohl kaum einen Interessenten geben, der sich eine sechsjährige Ausbildungsdauer ohne Bezahlung leisten kann.“ Ein Blick in das Ausbildungsstättenverzeichnis der Österreichischen Ärztekammer bestätigt diese Einschätzung: Nur eine approbierte Ausbildungsstelle, nämlich das Institut in Graz, und keine offene Stelle. Sechs Jahre dauert die Ausbildung zum Facharzt für medizinische Biophysik. Vier davon werden im Hauptfach absolviert, als Pflichtfach kommt ein halbes Jahr Innere Medizin dazu, 18 Monate müssen in Wahlfächern verbracht werden. Tritthart rät zu Radiologie, Nuklearmedizin, Strahlentherapie, Kardiologie und Dermatologie.

Ins Ausland ausweichen?

Es ist natürlich möglich, Teile der Ausbildung im Ausland zu absolvieren. Der Facharzt für medizinische Biophysik ist allerdings ein österreichisches Spezifikum, das mit der Novelle der Ärzteausbildungsordnung 1994 ins Leben gerufen wurde. In jedem anderen EU-Land – Ausnahme Frankreich, wo eine ähnliche Ausbildung möglich ist – wird die medizinische Biophysik ausschließlich als wissenschaftliche Fachrichtung an Universitäten, die Forscher heranzieht, geführt. Dabei wären die beruflichen Möglichkeiten fertig ausgebildeter Fachärzte für medizinische Biophysik hervorragend, weiß Biophysiker Tritthart: „Unsere Leute werden in der Strahlentherapie ebenso gebraucht wie im Bereich Kardiologie und überall dort, wo medizinische Laser zum Einsatz kommen.“ Wo Signale und Mem­branen, wo Ionenkanäle und Informationsweiterleitung im menschlichen Organismus passiert, ist der Facharzt für medizinische Bio-physik gefragt. Auch die Radiologie, die Nuklearmedizin und die Dermatologie können Fachärzte für medizinische Biophysik brauchen. „Das sind sicher Gebiete, in denen Absolventen dieser Fachrichtung sehr gute Chancen hätten“, resümiert Tritthart abschließend – wenn es denn welche gäbe.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE-WOCHE-Serie werden nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 16/2006

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