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Allgemeinmedizin 11. April 2006

Gourmetsüppchen aus der Giftküche

Das einst als „Knofelspinat“ geschmähte Armeleuteessen hat sich zur Fein­schmecker-Zutat gemausert. Trauriger Höhepunkt der Bärlauchsaison sind jedes Jahr etliche Vergiftungen – manche davon mit tödlichem Ausgang. Die Blätter des Lauchgewächses sehen jenen von Maiglöckchen und vor allem von Herbstzeitlosen täuschend ähnlich.

In den Giftnotrufzentralen häufen sich immer zur Frühlingszeit Meldungen von Colchicinvergiftungen. Schuld sind die Blätter der Herbstzeitlose (Colchicum autumnale), die dem als Salat- oder Suppenzutat beliebten Bärlauch (Allium ursinum) zum Verwechseln ähnlich sehen. Das mitosehemmende Colchicin findet medizinisch Verwendung in der Behandlung der Gicht und des familiären Mittelmeerfiebers. Im Bereich der Tagesmaximaldosis von acht Milligramm entwickeln 80 Prozent der Patienten Übelkeit, Erbrechen und Durchfall als Ausdruck einer Schädigung der Enterozyten.

Dosisabhängiger Verlauf

Der Verlauf einer Colchicinvergiftung ist abhängig von der aufgenommenen Dosis: Symptome der Knochenmarkstoxizität können ab einer Einnahmemenge von 0,5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht auftreten. Nach Aufnahme von mehr als 0,8 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht wurde eine Letalität von 100 Prozent beschrieben. Blätter der Herbstzeitlose enthalten 0,075 bis 0,2 Prozent Colchicin. In einer Portion Salat aus 60 Gramm Blättern stecken 45 bis 120 Milligramm. Bezogen auf einen 80 Kilo schweren Erwachsenen entspricht das einer Colchicinmenge von 0,6 bis 1,5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht und kann damit im Bereich der Letaldosis liegen.

So wirkt Colchicin

Colchicin bindet an das intrazelluläre Protein Tubulin und hemmt dessen Polymerisation zu Mikrotubuli. Dies resultiert in einer gestörten Proteinzusammensetzung im Golgiapparat, einer herabgesetzten Endozytose, einer veränderten Zellform, reduzierter Zellmotilität und einem Stopp der Mitose im frühen Zellzyklus (Metaphyse). Körperzellen mit hoher Teilungsrate wie das Knochenmark und die epithelialen Zellen des Gastrointestinaltrakts sind besonders empfindlich. Dieser Wirkmechanismus spiegelt sich im Vergiftungsbild wider, das phasenhaft verläuft (siehe Kasten). Bei einigen der leicht vergifteten Patienten treten leichte Leberwert- und CK-Erhöhungen innerhalb von 24 Stunden auf. Demnach dürfte bereits in der ersten Phase der Vergiftung eine direkte Schädigung von Hepatozyten sowie Muskelzellen erfolgen. Nur Patienten mit schwerer oder letal verlaufender Vergiftung bildeten eine ZNS-Symptomatik wie Koma oder Delir aus. Die neurotoxische Wirkung von Colchicin ist möglicherweise die Folge einer Störung des axoplasmatischen Transports. Im Gegensatz zur relativ raschen Resorption von Colchicin als Medikament erfolgt die Resorption von Colchicin aus Pflanzenteilen der Herbstzeitlose vermutlich verzögert, verlängert und je nach Zubereitung nicht vollständig: Aus klein gehackten Blättern ist eine höhere Resorptionsrate zu erwarten.

Ältere erkranken schwerer

Bei den meisten der 32 Patienten einer Studie der Vergiftungs-Informations-Zentrale Freiburg und des Giftnotrufs München ließ sich die genaue Einnahmemenge nicht mehr ermitteln. Nach Erhitzen der vermeintlichen Bärlauchblätter erkrankten prozentual mehr Patienten mittelschwer, schwer oder letal als nach Verspeisen der Blätter in unerhitztem Zustand (64 vs. 33 Prozent). Möglicherweise fördert Erhitzen die Freisetzung von Colchicin oder es wurde von den gekochten Blättern mehr verspeist. Je schwerer die Vergiftungen, desto kürzer war die Latenzzeit bis zur Ausbildung erster Symptome. Allerdings ist die Vorhersagekraft für den einzelnen Patienten gering: Sowohl leicht als auch letal Vergiftete zeigten in der deutschen Studie innerhalb von bis zu fünf Stunden erste Symptome. Andererseits entwickelte kein Patient eine schwere oder mittelschwere Symptomatik, wenn erste Symptome erst nach mehr als neun Stunden auftraten. Auffallenderweise waren Ältere schwerer erkrankt als unter 66-Jährige. Möglicherweise hat der im Alter nachlassende Geruchs- und Geschmackssinn dazu geführt, dass Ältere größere Mengen des vermeintlichen Bärlauchs verspeisten. Es wurde berichtet, dass Herbstzeitlosenblätter bitter schmecken oder dass das Fehlen des für den Bärlauch typischen Geschmacks von später Überlebenden bemerkt wurde. Die Eliminationshalbwertszeit von Colchicin ist im Alter auf bis zu 34 Stunden verlängert. Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion reagieren besonders empfindlich auf Colchicin, schwere Nebenwirkungen treten bei ihnen häufiger auf. Im Alter nimmt die renale Clearance um bis zu 30 bis 50 Prozent ab. Wegen des enterohepatischen Kreislaufs von Colchicin wird die wiederholte Kohlegabe empfohlen. Diese erscheint aber auch sinnvoll, um Nachresorptionen im Intestinum zu verhindern. Eventuell kann eine anterograde Darmspü­lung mit isotoner Polyethylen­glykollösung die Colchicinaufnahme vermindern. Andererseits limitiert die bei schwerer Vergiftung ausgeprägte Gastroenteritis die Durchführung einer anterograden Darmspülung. Letztere wurde im Rahmen dieser Studie nicht versucht. Eine Magenspülung ist grundsätzlich nur bei lebensbedrohlicher Vergiftung innerhalb einer Stunde indiziert. Die Patienten der vorliegenden Studie begaben sich jedoch nicht vor Einsetzen erster Symptome in ärztliche Behandlung. Bei Klinikaufnahme hatten sie zumeist bereits rezidivierend erbrochen. Daher wurde lediglich in zwei Fällen eine Magenspülung durchgeführt. Eine sekundäre Giftentfernung durch Hämodialyse, -filtration oder -perfusion ist wegen des hohen Verteilungsvolumens wirkungslos. Bei schwerer Knochenmarksdepression wurde G-CSF erfolgreich eingesetzt und eine Antibiotikaprophylaxe durchgeführt.

 Vergiftung in Phasen

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