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Allgemeinmedizin 13. April 2006

Oft belächelt: Anonyme Alkoholiker

Die Rückfallsrate bei dieser Form der Gruppentherapie ist mit unter 30 Prozent weit geringer als bei manch anderer Alkoholismusbehandlung

Im Austria Kongresscenter in Wien trafen sich Anfang Mai über 4.000 Menschen, die eines gemeinsam hatten: ein bisheriges Leben im Kampf gegen Alkohol. Und alle blickten auf eine wenige Wochen bis Jahrzehnte dauernde Trockenheit zurück. Von der Schulmedizin oft belächelt, als Sektierertum abgetan, nicht ganz ernst genommen, wurden die Anonymen Alkoholiker (AA) lange Zeit abqualifiziert. Mittlerweile finden sich heute schon AA-Folder in psychiatrischen Ordinationen, in Ambulanzen, auch Allgemeinärzte sehen zusehends mehr Patienten, die diesen Weg der Behandlung ihrer Alkoholabhängigkeit gehen.

Was ist AA? Im Prinzip handelt es sich um eine Gruppentherapie, wobei es aber in den einzelnen Gruppen keine leitenden Therapeuten gibt, sondern als "Chairmen" gleichfalls Betroffene fungieren, die den Weg der AA schon längere Zeit gehen. Ein Jahr Trockenheit gilt als Minimalanforderung, chair-Person zu sein.

Viele Gruppen weltweit

Mittlerweile gibt es weltweit etwa zwei Millionen Mitglieder in 90.000 Gruppen, die auf 146 verschiedene Länder aufgeteilt sind. In Burma findet man ebenso AA-Gruppen wie in der Schweiz, auch in den ehemaligen Ostblockländern boomen die AA. Vor über sechzig Jahren haben in den USA der Börsenmakler Bill Wilson und der Chirurg Dr. Bob Smith erkannt, dass das Gespräch von Alkoholiker zu Alkoholiker eine Therapiemethode sein kann, wenn bestimmte Regeln dabei eingehalten werden. Nach kurzer Zeit hatten sie in Akron, Ohio, eine Gruppe von der Schulmedizin großteils "abgeschriebener" Alkoholiker um sich gesammelt, die als Keimzelle aller Gruppen zuerst in den USA, dann von dort aus in der ganzen Welt nach dem gleichen System funktionieren: In einer Runde von 10 bis 20 Personen werden die Leidensgeschichten der Mitglieder und Gedanken über die "Schritte" besprochen, wobei jeder nur über sich selbst oder eben die "Schritte" spricht.

Diese Schritte sind die Philosophie der AA. So lautet zum Beispiel der erste Schritt: "Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind und unser Leben nicht mehr meistern konnten". Ein anderer: "Wir machten eine furchtlose und gründliche Inventur in unserem Inneren" - was einer Art Selbst-Analyse entspricht, die dann mit einem anderen, älteren Gruppenmitglied (dem so genannten Sponsor) besprochen wird. Auch dafür gibt es umfangreiches Schrifttum, das bekannteste Werk ist das "Blaue Buch", welches von jedem Mitglied genau gelesen werden soll.

Mitglieder sind Menschen aller Bevölkerungsgruppen, vom Hilfsarbeiter bis zum Akademiker, der Familiename - wie auch der Beruf - werden nicht genannt. Auch Ärzte - leider noch viel zu wenig - zählen zu den Mitgliedern. "AA erhält sich durch eigene Spenden", ist das Finanzierungsmotto. Es ist den Gruppen nicht gestattet, Geldbeträge von außen anzunehmen. Mit der Spende nach jedem "Meeting", wobei die Mitglieder in der Regel zwei Euro spenden, lassen sich Raummiete und diverse kleinere Ausgaben finanzieren.

Aufnahme auch nach Rückfall

Als ein oft vorgebrachter "Nachteil" wird die spirituelle Grundhaltung gesehen, wobei eben zu den oben genannten Regeln eine gehört, die lautet: "Wir fassten den Entschluss und den Willen, unser Leben der Sorge Gottes anzuvertrauen." Das Wirken einer "höheren Macht" passt nach Meinung vieler Kritiker nicht zur modernen Medizin. Doch bei AA finden sich durchaus auch Agnostiker, für die eben die "höhere Macht" einfach die Gruppe selbst ist. Die Rückfallsrate bei den AA ist mit unter 30 Prozent weit geringer als bei manch anderer Therapie, wo sie 50 bis 70 Prozent betragen kann. Und selbst nach Rückfällen findet der Alkoholiker wieder Platz in der Gruppe, die ihn gerne wieder aufnimmt und bereit ist, aus seinem Rückfall zu lernen.

In Wien gibt es etwa 40, österreichweit 200 Gruppen in mehr als 30 Städten. Die Anonymität der Mitglieder ist oberstes Prinzip, daher ist AA mit Öffentlichkeitsarbeit und Werbung vorsichtig. "AA beruht mehr auf Anziehung denn auf Werbung", lautet eine der Traditionen, von denen es auch zwölf - wie die Schritte - gibt. Mittlerweile haben auch andere Suchtkranke gelernt, dass die "Zwölf-Schritte-Arbeit" eine wirksame Therapie sein kann: heute gibt es neben AA auch OA (Overeaters Anonymus) oder EA (Emotions Anonymus) und andere mehr. Insgesamt verdient diese Art von Behandlung der Suchtkrankheiten, von ÄrztInnen ernst genommen zu werden - sie hat mittlerweile ihren festen Platz im gesamttherapeutischen Bereich.

Autor: Ein anonymer Alkoholiker und Arzt (Kontaktmöglichkeit über die Redaktion)

Für Auskünfte: AA-Kontaktstelle Wien: Barthgasse 5, 1030 Wien, Tel.: 01/799 55 99, täglich 18h bis 21h, Bundesländer siehe örtliches Telefonbuch

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