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Allgemeinmedizin 5. April 2006

Fachärzte für gesunde Menschen (Folge 36)

Eine stark interdisziplinär ausgerichtete Forschung und viele verschiedene Spezialisierungsmöglichkeiten – diese Herausforderungen bietet das Sonderfach Physiologie jungen Medizinern, die sich für ein nicht klinisches Fach entscheiden, das Lehre und Forschung in einem stark diversifizierten Umfeld vereint. Im Ausbildungsbereich wird derzeit allerdings an allen Ecken und Enden gespart.

„Als ich angefangen habe, waren am physiologischen Institut überwiegend Ärzte beschäftigt. Heute arbeiten hier neben Medizinern unter anderem Biologen, Molekularbiologen, Chemiker und Physiker“, erläutert em. Prof. Dr. Astrid Kafka-Lützow vom Institut für Physiologie der Medizinischen Universität Wien im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. „Das bedingt eine große Offenheit für andere Disziplinen.“

Warum haben Sie sich ursprünglich für die Physiologie entschieden?
Kafka-Lützow: Bereits im Studium war ich fasziniert von diesem Fach, weil es das Zusammenspiel aller Zellen und Organsysteme des Menschen zeigt. Es erklärt uns, wie Vorgänge reguliert und umgesetzt werden und wie die Informationsvermittlung im menschlichen Organismus funktioniert. Ich denke, dass die Physiologie letztlich die Basis für die klinische Medizin bietet: Sie ist die Lehre von den Lebensvorgängen des gesunden Menschen.

Welche Herausforderungen bietet die Physiologie?
Kafka-Lützow: Unser Fach läuft im Wesentlichen auf zwei Schienen. Zum einen sind wir in der wissenschaftlichen Forschung tätig. Die größte Herausforderung bedeutet hier sicherlich die enorme Diversifizierung der Methoden, die sich im Laufe der Zeit ergeben hat. Dazu kommt, dass jeder Physiologe, auch wenn er sich auf ein bestimmtes Gebiet spezialisiert hat, immer den Gesamtzusammenhang im Auge behalten muss. Das erfordert viel Zeit und ein hohes Maß an Bereitschaft, sich weiterzubilden. Die zweite Schiene bildet die Lehre. Die Physiologie ist ein lehrintensives Fach. Nicht alle Studenten können und wollen wir zu großen Forschern erziehen. Wir können sie aber lehren, wie sie an Probleme herangehen sollten und dass sie in ihrer späteren Tätigkeit den Zusammenhang zwischen den einzelnen Funktionssystemen des Organismus nicht aus den Augen verlieren dürfen.

Was waren die bedeutendsten Veränderungen im Fach in den vergangenen drei Jahrzehnten?
Kafka-Lützow: Die Physiologie hat sich während meiner Laufbahn von einem eher geschlossenen Ganzen hin zu einer enormen Diversifizierung entwickelt. Das zeigt sich auch an der heterogenen Mitarbeiterstruktur hier im Haus. Als ich begonnen habe, arbeiteten hier vorwiegend Ärzte. Heute kommen die Teammitglieder aus fast allen naturwissenschaftlichen Richtungen: Biologen, Biochemiker, Physiker, Pharmazeuten sowie Zell- und Molekularbiologen arbeiten intensiv zusammen.

Welche Herausforderungen erwarten Sie für die kommenden Jahre?
Kafka-Lützow: Wir müssen versuchen, wieder mehr die Zusammenhänge zu sehen. Im Zuge der explosionsartigen Entwicklung der methodischen Zugänge, die zu einem reichen Detailwissen geführt hat, ist der Blickpunkt auf den gesamten Organismus in Gefahr geraten. Natürlich kann niemand auf dem gesamten Gebiet der Physiologie forschen. Aber jeder Physiologe muss sich auf allen Gebieten seines Fachs zumindest orientieren können. Er muss die gängigen Methoden in ihren Grundzügen verstehen, um die Ergebnisse bewerten zu können. Neue Wissenschaften, wie die Computational Biology, erleichtern uns diese Gesamtschau. Damit können wir Vorgänge im menschlichen Organismus simulieren. Dies wird im Rahmen des integrativen Ansatzes in Zukunft sicher eine wichtige Rolle spielen.

Wie gestaltet sich der Arbeitstag eines Physiologen an einem physiologischen Institut?
Kafka-Lützow: In der Regel halten wir am Vormittag Vorlesungen und am Nachmittag Praktika ab oder sind mit deren Vorbereitung beschäftigt. Zeit für die Forschung ist abends an einem, maximal zwei Tagen während der Woche, vorwiegend in der vorlesungsfreien Zeit. Die Vorlesungsunterlagen müssen Jahr für Jahr überarbeitet und teilweise neu erstellt werden, weil der Fortschritt der physiologischen Forschung außerordentlich schnell ist. Welche beruflichen Möglichkeiten bestehen außerdem? Kafka-Lützow: Man kann als Physiologe in diverse Forschungseinrichtungen, speziell der pharmazeutischen Industrie gehen, aber durchaus auch im klinischen Bereich arbeiten. Unsere Abteilung am Wiener Institut beschäftigt sich mit Neuro- und Sinnesphysiologie. Viele unserer ehemaligen Mitarbeiter sind heute in der Neurologie, der Ophthalmologie oder der Otologie tätig.

Welche Eigenschaften zeichnen einen Facharzt für Physiologie aus?
Kafka-Lützow: Neugier ist wichtig. Weiters zählen Offenheit, Kooperationsbereitschaft und Teamfähigkeit. Geduld gehört auch dazu, weil Experimente oft langwierig sind und nicht selten auch scheitern. Eine gute Beobachtungsgabe und Vorurteilsfreiheit sind schließlich vonnöten, um die Ergebnisse von Experimenten in den korrekten Kontext zu stellen und beurteilen zu können. Freude an der Wissenschaft und an der Lehre sind unabdingbare Voraussetzungen.

Wie lange dauert die Ausbildung und wie ist sie aufgebaut?
Kafka-Lützow: Vier Jahre wird im Hauptfach ausgebildet, ein Jahr lang müssen klinische Gegenfächer, davon ein halbes Jahr Innere Medizin, und ein weiteres Jahr Wahlfächer absolviert werden. Die an unserer Abteilung Auszubildenden wählen häufig Neurologie, Ophthalmologie oder Otologie als Gegenfächer, weil wir einen Schwerpunkt im Bereich der Neurophysiologie haben.

Muss der Turnus sein?
Kafka-Lützow: Nein. Die Ausbildung in den Gegenfächern ist meist ausreichend. Ich habe ein Jahr lang Innere Medizin gemacht und war ein halbes Jahr auf der Chirurgie. Das war sehr wertvoll. Die Mobilität in den Bereichen Forschung und Lehre ist selbstverständlich in der „scientific community“ gegeben. In Bezug auf die Facharztqualifikation ist allerdings zu bedenken, dass es diese Ausbildung nicht in allen Ländern gibt und daher jeweils individuelle Anrechnungsverfahren erforderlich sind.

Wie schaut die Ausbildungssituation in Österreich derzeit aus?
Kafka-Lützow: Wir haben zwar theoretisch die Möglichkeit zur Ausbildung, in der Praxis werden allerdings nur selten Stellen frei. Diese werden allerdings, wenn überhaupt, häufig anderweitig nach-besetzt, weil zum Beispiel dem Beherrschen bestimmter spezifischer Methoden der Vorrang gegenüber einer medizinischen Ausbildung eingeräumt wird. Zurzeit wird an allen Ecken und Enden gespart, was die Ausbildungssituation weiter verschärft. Eine Mitarbeit schon während der Studienzeit an einem Institut ei-gener Wahl könnte die Suche nach einem Ausbildungsplatz erleichtern. Geduld und Durchhaltevermögen sind nach dem Medizin-studium trotzdem gefragt.

Wie beurteilen Sie die beruflichen Chancen fertig ausgebildeter Fachärzte für Physiologie?
Kafka-Lützow: Es lohnt sich immer, die Ausbildung zum Physiologen zu absolvieren. Einerseits bietet sie inhaltlich eine gute Basis für eine klinische Tätigkeit, andererseits gibt es eine große Zahl von Betätigungsfeldern in der experimentell physiologischen Grund-lagenforschung. Wer in der angewandten physiologischen Forschung arbeiten möchte, wird dort spannende Herausforderungen finden. So liegt ein Schwerpunkt des Grazer Physiologischen Institutes beispielsweise in der Physiologie des Menschen im Weltall. Ein weiteres Bespiel ist die Umwelt- und Arbeitsphysiologie, für die sich durch Umstellungen im Bereich moderner Arbeitsplätze und -abläufe neue interessante Anforderungen ergeben.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE-WOCHE-Serie werden nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 13/2006

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