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Allgemeinmedizin 5. April 2006

Von Adipositas bis Vogelgrippe … (Folge 37)

Ob Herzinfarkt oder Diabetes, Frauengesundheit oder Rauchentwöhnung. Das Sonderfach Sozialmedizin beschäftigt sich mit allen Aspekten der öffentlichen Gesundheit. Kontakt mit Menschen ist dabei wichtig – bei Laienveranstaltungen zur Prävention ebenso wie in der Beratung Übergewichtiger oder der Beantwortung von Fragen zu möglichen Epidemien.

Erst seit rund 13 Jahren können sich junge Mediziner in Österreich zu Fachärzten für Sozialmedizin ausbilden lassen. Trotzdem gibt es schon jetzt Nachwuchsprobleme. „Wir haben zwar die Kapazitäten, um Ausbildung anbieten zu können“, sagte Prof. Dr. Anita Rieder vom Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE, „aber es werden keine Stellen bewilligt.“ Und die Finanzierung einer Ausbildungsstelle über Drittmittel ist fast unmöglich. „Wer finanziert schon eine sechsjährige Ausbildung, wenn am Ende kein Forschungsergebnis oder sogar ein Patent steht?“, fragt Rieder. Das ist auch der Grund, warum die Sozialmedizinerin – übrigens die erste und bis dato einzige Professorin in diesem Fach in Österreich – massive Nachwuchsprobleme ortet: „Wir brauchen die nächste Generation, können sie aber nicht ausbilden, weil wir keine Mittel haben.“

Das Dilemma der Ausbildung

Zwei Ausbildungsstellen sind am Wiener Institut für Sozialmedizin derzeit besetzt. Eine Kandidatin brachte die Finanzierung für ihre Stelle sogar selbst mit. Die Südtirolerin erhielt ein Stipendium für die sechsjährige Facharztausbildung. „Das ist natürlich ein seltener Glücksfall“, sagt Rieder. „Es zeigt aber auch auf, wo es in der Ausbildung zur Sozialmedizin Probleme gibt.“ Eine dritte Stelle wäre möglich, kann aber nicht vergeben werden, weil eben die Mittel fehlen. Laut Österreichischer Ärztekammer (ÖÄK) sind derzeit bundesweit keine Ausbildungsstellen frei.

Demographische Entwicklung als medizinischer Faktor

Die Anforderungen an die Sozialmedizin nehmen inzwischen stark zu. „Wir werden zukünftig sicher noch stärker in die Gestaltung des Gesundheitswesens involviert sein“, sagt Rieder. „Auch die demographische Entwicklung beschäftigt uns zunehmend.“ An Aufgabengebieten mangelt es also nicht, wohl aber an neuen Sozialmedizinern. Rieder kann sich, um den drohenden Nachwuchsmangel auszugleichen, analog den Stiftungsprofessuren auch Stiftungsassistenzstellen vorstellen, um neue Ausbildungsstellen zu schaffen. Ihre eigene Assistentenstelle wurde nach ihrer Berufung zur Professorin für Sozialmedizin nicht nachbesetzt. In der Sozialmedizin geht es – im Gegensatz etwa zu den klinischen Fächern in der Medizin – nicht darum, Krankheiten zu diagnostizieren, zu therapieren und wenn möglich zu heilen. Dieses Sonderfach umfasst, so die Beschreibung in der Ausbildungsordnung, die „Umsetzung von Erkenntnissen gesellschaftlicher Ursachen für die Entstehung von Krankheiten und Unfällen, die Herstellung von Beziehungen zwischen demographischen und sozialen Gegebenheiten und Gesundheit.“ Dies bedeutet die Erfassung epidemiologischer Daten ebenso wie die Beratung von Institutionen im Gesundheitssystem und Präventionsprogramme, um Krankheiten, die sehr häufig auftreten, zu vermindern oder ganz zu verhindern. „Im Moment befassen wir uns intensiv mit den Konzepten der integrierten Gesundheitsversorgung“, erläutert Rieder und erwähnt zum Thema Prävention den „Diabetesbericht, den das Institut für Sozialmedizin initiiert und erstellt hat.“ Dieser Bericht war die Grundlage für den „Diabetesplan“ der österreichischen Bundesre-gierung, für die das Thema Typ-2-Diabetes einen zentralen Punkt während der sechsmonatigen Ratspräsidentschaft der EU darstellt.

Niemals langweilig

Keinen Tag bereut hat Rieder – trotz aller Probleme – die Entscheidung, Sozialmedizinerin zu werden, obwohl ihr dieser Weg keineswegs vorgezeichnet war: „Ich hatte bereits einen fixen Turnusplatz in Oberösterreich.“ Weil sie aber noch einige Monate Zeit hatte, bis der Turnus anzutreten war, bewarb sie sich als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Sozialmedizin bei Prof. Dr. Michael Kunze – und blieb hängen. „Ich hatte das Gefühl, am richtigen Ort angekommen zu sein“, sagt sie heute. Facharztausbildung gab es damals noch keine. Rieders Posten wurde jahrelang über Drittmittel finanziert. „Mit der Anerkennung der Sozialmedizin als Sonderfach konnte ich meine Ausbildung dann beenden“, erzählt Rieder, der man die Freude an ihrer Arbeit anmerkt. „Ich habe die Entscheidung, nicht in die Klinik zu gehen, nie bereut“, sagt sie heute. „Die Sozialmedizin bietet ein so breites Feld an Aufgabengebieten, dass mir noch nie auch nur einen Tag langweilig war.“

Public Health macht international Schule

Die Sozialmedizin, international als Public Health bezeichnet, deckt ein breites Spektrum an Arbeitsgebieten ab. Das reicht von Präventionsprogrammen rund um Herz-Kreislauferkrankungen über Frauen- und Männergesundheit bis hin zu Informationen über Gewichtsreduktion und Raucherentwöhnung. Klinische Kenntnisse sind dabei durchaus erwünscht. „Der Turnus muss zwar nicht absolviert werden, als Gegenfach ist allerdings ein halbes Jahr Innere Medizin vorgeschrieben“, erläutert Rieder. „Für weitere eineinhalb Jahre kann sich ein Kandidat aussuchen, in welchem Fach er jeweils für rund drei Monate tätig ist.“ Abgesehen von Hartnäckigkeit – Stichwort: Ausbildungsstelle - hält Rieder Flexibilität und Einsatzbereitschaft für wichtige Eigenschaften angehender Sozialmediziner: „Wir haben zwar keine Nacht- und Wochenenddienste, sind aber deswegen trotzdem an vielen Abenden und Wochenenden eingesetzt.“ Das geht von Publikumsveranstaltungen, um Beratungen durchzuführen und Präventionsprogramme vorzustellen, bis zu Fachtagungen und Kongressen, um wissenschaftliche Arbeiten zu präsentieren und neue Strategien für das öffentliche Gesundheitswesen zu erarbeiten.

Schwerpunkte der Sozialmedizin in Österreich

Drei Institute für Sozialmedizin sind an den großen medizinischen Universitäten in Österreich eingerichtet. Im Mittelpunkt der Aktivitäten des Wiener Institutes stehen Prävention und Gesundheitsförderung. Das Grazer Institut für Sozialmedizin ist ebenfalls intensiv im Bereich Gesundheitsförderung tätig. Auch die medizinische Universität Innsbruck weist ein Institut für Sozialmedizin mit Schwerpunkt Umweltmedizin auf. Ausgebildet wird – laut ÖÄK – allerdings nur in Wien und Graz.

Master of Public Health

Seit kurzem besteht für Interessierte in Wien auch die Möglichkeit für eine Ausbildung zum Master of Public Health, die von Fachärzten für Sozialmedizin abgehalten wird. Derzeit absolvieren 25 Teilnehmer diesen Lehrgang, der überwiegende Teil sind Mediziner. „Deren Motivation ist es, abseits der klinischen Tätigkeit, mehr über Prävention und Gesundheitsförderung herauszufinden“, hält Rieder fest. „Die Teilnehmer sagen uns, sie wollen bereits im Vorfeld von Erkrankungen Hilfestellung leisten und nicht immer nur am Ende des Prozesses eingreifen, wenn bereits eine Gesundheitsschädigung eingetreten ist.“ Trotz aller Probleme, die im Bereich der Ausbildung zum Facharzt für Sozialmedizin vorhanden sind, beurteilt Rieder die Chancen nach Abschluss der Ausbildung als „sehr positiv“: „Das öffentliche Gesundheitswesen braucht Sozialmediziner. Der Markt wird größer werden. Ich sehe hier sehr viel Wachstumspotenzial.“

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE-WOCHE-Serie werden nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 14/2006

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