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Allgemeinmedizin 4. April 2006

„Mega-affen-titten-geile“ Vorsorge?

Wieder einmal steht die Ärzteschaft bei einer groß angelegten Aktion am Rande des Geschehens. Viele Ärzte wissen darüber nicht Bescheid und zweifeln am Effekt der sicher kostspieligen Kampagne. Außerdem weisen die neuen Pässe einige gravierende Schwächen auf.

Zu Beginn des neuen Jahres bekamen viele Ärzte Post aus dem Gesundheitsministerium. „Ein neues und arbeitsintensives Jahr liegt vor uns“, lautete der erste Satz. Nach einer kurzen Erwähnung des „Meilensteins e-Card“ kam die „Vorsorgeuntersuchung Neu“ zur Sprache; für diese gelte es nun noch mehr Menschen zu begeistern, wurde den Ärzten nahe gelegt.

Pässe für drei Altersklassen ...

„Ein Beitrag dazu sind die neuen Gesundheitspässe – jener für Jugendliche, der seit dem Vorjahr im Einsatz ist, und jene für die Generationen 18plus, 40plus und 60plus“, erklärt Mag. Christoph Hörhan, Mitarbeiter von Gesundheitsministerin Rauch-Kallat. Diese Pässe bestehen aus drei Teilen. Zunächst einem internationalen WHO-Impfpass, „denn hier gibt es“, so Hörhan, „bislang viele unterschiedliche Dokumentationssysteme, die durch das neue Dokument ersetzt werden sollen“.

... und 100 Seiten Information

In einer fast 100 Seiten starken Broschüre wird die „Vorsorgeuntersuchung Neu“ ausführlich vorgestellt. Darin werden einerseits die in den Untersuchungsbögen zu findenden Werte erklärt und andererseits Informationen zu einem gesunden Lebensstil im Allgemeinen sowie zu Ernährung, Bewegung, seelischer Gesundheit und Rauchen im Besonderen geliefert. Im dritten Teil der Gesundheitspässe „können Patienten Daten aus den Befundbögen sowie Maßnahmen zur Veränderung des Lebensstils dokumentieren“. Hörhan ist überzeugt, dass damit Patienten angeregt werden, Befunde nicht nur zu lesen, sondern auch nachzufragen bzw. konkrete Maßnahmen zu setzen. Die Pässe werden in Apotheken ausgegeben und sind derzeit auch in einer großen heimischen Drogeriekette zu bekommen. Ärzte sollten sie in den Ordinationen auflegen, Bestellungen sind direkt im Gesundheitsministerium möglich. „Ein wichtiges Ziel ist, Menschen zu erreichen, die bislang noch nie bei einer Gesundenuntersuchung waren“, betont Hörhan. „Grundsätzlich ist die Idee gut, derzeit nehmen nicht einmal 14 Prozent der Bevölkerung dieses Angebot zur Vorsorge in Anspruch“, analysiert der Internist Dr. Martin Millauer, Referent für Vorsorgemedizin und Wahlärzte in der Steiermark. Allerdings haben scheinbar viele Ärzte den Brief des Gesundheitsministeriums nicht erhalten und wissen von dem Projekt wenig bis gar nichts. Dies bestätigt auch Dr. Jörg Pruckner, der für die „Vorsorgeuntersuchung Neu“ in der Bundes-Ärztekammer zuständig ist. Für ihn ist außerdem schwer verständlich, dass die Ärzteschaft nur ganz am Anfang bei der Entwicklung der Pässe fragmentär eingebunden war, das Projekt sonst praktisch im Alleingang vom Ministerium vorangetrieben wurde. Jedenfalls melden sich bei den Landesärztekammern viele Ärzte, die verunsichert nachfragen, was sie nun mit den neuen Pässen machen müssen und wer den dahinter stehenden Aufwand honoriere. Nicht nur aus Pruckners Sicht haben die Pässe einige Schwächen. Es sei eine zu stark geballte Ladung an Informationen, zu viele Daten sollen dokumentiert werden. Beim Übertragen von Befunddaten der Vorsorgeuntersuchung würden auch deswegen Probleme auftauchen, weil die inhaltliche Struktur in diesen und den Pässen teilweise weit auseinander klaffen.

Ärzte als Verwalter ohne Lohn?

Deshalb befürchtet Millauer, dass viel Arbeit beim Führen der Pässe letztlich beim Arzt hängen bleiben wird. Bisher ist allerdings noch kein Patient mit dem Gesundheitspass in seine Ordination gekommen. In den Tarifbestimmungen zur „Vorsorgeuntersuchung Neu“ findet der zu befürchtende Aufwand für das Führen der Pässe keinerlei Niederschlag. Übrigens wird auch von Schulärzten erwartet, dass sie den „mega-affen-titten-geilen“ (O-Ton Rauch-Kallat) „Gesundheitspass für Jugendliche“ im Rahmen ihrer Tätigkeit führen. Pruckner befürwortet durchaus den Grundgedanken, mehr Menschen zur Vorsorgeuntersuchung zu motivieren, zweifelt aber am diesbezüglichen Effekt der Gesundheitspässe: „Menschen über 60 beschäftigen sich ohnehin immer intensiver mit ihrer Gesundheit. Bei der für die Vorsorge wichtigen Zielgruppe 40plus glaube ich aber nicht, dass die Pässe motivierend wirken.“

Call- und Recall-System nutzen

Dem stimmt auch Millauer zu. Er wünscht sich eine deutlich spürbare Intensivierung des Call- und Recall-Systems, das vor allem auch stärker auf Risikogruppen abgestimmt werden müsste. Ein wichtiger Beitrag wäre, Daten aus den Gesundenuntersuchungen zentral zu sammeln und zu evaluieren bzw. darauf aufbauend konkrete Maßnahmen für verschiedene Zielgruppen zu entwickeln. Der Vorsorge-Referent denkt dabei etwa an Männer über 50 mit Herzkreislaufproblemen: „Diese wertvollen Daten bleiben momentan bei den Ärzten und fließen überhaupt nicht in die Gesundheitsplanung ein.“ Weitere wichtige Zielgruppen für Aktionen seien Personen, die bislang überhaupt keine Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen, beispielsweise Randgruppen wie Migranten oder sozial schlechter gestellte. Mehr Beiträge zur Motivation für Vorsorgemedizin könnten zudem aus dem betrieblichen Umfeld kommen. In größeren Betrieben gibt es zwar Reihenuntersuchungen durch Arbeitsmediziner, in vielen Unternehmen kommen die Mitarbeiter aber nach wie vor viel zu wenig mit aktiven und nachgehenden Untersuchungs- und Gesundheitsprogrammen in Berührung.

Kein Auftrag für die Ärzte

Die an sich gute Idee der Gesundheitspässe leidet nach Ansicht von Pruckner und Millauer insbesondere darunter, dass die Ärzteschaft nicht ausreichend durch das Ministerium informiert wird. Beide haben, obwohl sie Multi-plikatoren in der Vorsorgemedizin sind, kein Exemplar des Gesundheitspasses erhalten, geschweige denn Informationen, was von den Ärzten bei der Begleitung der „eigenverantwortlichen Führung durch die Patienten“ (Hörhan) konkret erwartet wird. Das gilt genauso für Wahlärzte, die nicht einmal die dürftigen Grundinformationen des Ministeriums erhalten haben. „Gerade diese spielen bei der Gesundenuntersuchung eine wichtige Rolle“, betont Millauer. „Sie haben dafür Verträge mit den Kassen und können somit die Vorsorgeuntersuchung kostenlos anbieten. Zugleich haben sie die Kapazitäten, um Patienten ausführlich zu begleiten.“Mag. Ch.F. Freisleben-Teutscher n

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