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Allgemeinmedizin 22. März 2006

Wissensstillstand ist undenkbar (Folge 35)

Kommt ein neues, viel versprechendes Medikament auf den Markt, waren lange vorher die Pharmakologen und Toxikologen am Werk. An der Uni leisten sie Grundlagenarbeit, um neue Zielrichtungen für Therapeutika zu finden, in der Industrie bringen sie ihr Know-how bei der Entwicklung neuer Medikamente ein.

Ob im Forschungslabor an der Universität oder in der Industrie: Pharmakologen sind ständig auf der Jagd nach neuen „Targets“, nach Ansatzpunkten in Zellen, für die dann ein entsprechendes Medikament entwickelt werden kann. „Viel Geduld“ ist für die Grundlagenforschung an der Universität unabdingbar. Diese kann oft langwierig und mühsam sein – und noch dazu ohne Erfolgsgarantie. Erweist sich eine neue Substanz in der Erprobung als unwirksam oder gar toxisch, dann heißt es: „Zurück an den Start!“

Spannend und faszinierend

„Faszinierend“ findet Prof. Dr. Ernst Singer, Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie und Klinischer Pharmakologe am In-stitut für Pharmakologie der Universität Wien, seine Profession trotzdem. Er traf den Entschluss, ein medizintheoretisches Fach zu wählen, bereits in seiner Studienzeit. „Damals waren gerade die Katecholamine erforscht worden und Gegenstand einer besonders spannenden Vorlesung“, sagt Singer, der mittlerweile Vorsitzender der Ethikkommission in Wien ist, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. „Das hat mich in meinem Entschluss, Pharmakologe und Toxikologe zu werden, bestärkt.“ Die gegenwärtige Ausbildungssituation gestaltet sich allerdings wenig rosig. Engagement und (unbezahlte) Mitarbeit bereits während des Studiums können die Suche nach einem Ausbildungsplatz erleichtern.

Zauberwort „Target“

Ein Pharmakologe an der Universität bewegt sich zwischen Grundlagenforschung und Lehre. Mindestens 20 Prozent seiner Zeit verbringt er im Hörsaal. Im Labor steht die Grundlagenforschung im Mittelpunkt der täglichen Arbeit – das Zauberwort heißt „Target“. Target-Forschung bedeutet, sich ein Ziel auf zellulärer Ebene zu suchen, eine Bindungsstelle, an die ein Medikament „andocken“ kann.
Der Begriff „Target“ ist nicht neu, das Target selbst hat sich allerdings verändert. „In den 50-er und 60-er Jahren des 20. Jahrhunderts forschten die Pharmakologen noch an Organen“, berichtet Singer, „heute wird mit intrazellulären Targets gearbeitet.“

Gutachten ohne Wankelmut

Neben seiner Forschungstätigkeit sitzt ein Pharmakologe und Toxikologe in zahlreichen Gremien und liefert Gutachten zur Arzneimittelwirksamkeit und -sicherheit. Wankelmut ist dabei fehl am Platz. „Die Herausforderung besteht darin, Entscheidungen zu treffen“, hält Singer fest. „Wir beurteilen, ob eine Substanz wirksam oder unwirksam, gefährlich oder ungefährlich ist. Und das hat weitreichende Konsequenzen.“ Geht eine Prüfung negativ aus, kann das bedeuten, dass jahrelange Forschungsarbeit umsonst gewesen ist und sich aus einem möglicherweise viel versprechenden Ansatz eben kein neues Medikament entwickeln wird.

Forschung in der Industrie

Neben der Arbeit als Grundlagenforscher an einem pharmakologischen Institut der Universität besteht für Pharmakologen und Toxikologen auch die Möglichkeit, angewandte Forschung in einem Pharmaunternehmen zu betreiben. „In diesem Fall arbeiten wir direkt an der Entwicklung neuer Medikamente mit“, berichtet Singer und zeigt die „Meilensteine“ der vergangenen 15 Jahre auf. „In der Tumortherapie hat sich unglaublich viel getan. Denken wir etwa an Imatinib zur Behandlung der Leukämie“, gerät der analytische Denker Singer ins Schwärmen und zeigt die Freude an seiner Arbeit als Pharmakologe. „Das ist ein typisches kleines Molekül, das an eine Bindungsstelle geht, den Signaltransduktionsweg stoppt und damit die Tumorentwicklung bremst. Im Vergleich zu den Möglichkeiten, die wir vorher hatten, war das ein durchschlagender Erfolg!“

Endlose Herausforderungen

Am Ende der Fahnenstange ist die Pharmakologie jedoch noch lange nicht angekommen. „Im Bereich der Tumortherapie ist in den kommenden Jahren sicher noch viel Neues zu erwarten“, so Singer. „Außerdem stehen wir immer noch vor einer ganzen Reihe ungelöster Probleme.“ Dazu gehören Medikamente gegen die Alzheimersche Krankheit genauso wie gegen psychische Erkrankungen, etwa Schizophrenie und Depression. Als positives Beispiel nennt Singer den Kampf gegen HIV/Aids: „Diese Virusinfektion ist innerhalb kurzer Zeit von einer rasch tödlichen zu einer chronischen Erkrankung geworden, weil es entsprechende antivirale Medikamente gibt.“

Geduld und Analytik gefragt

Bis zur Marktreife eines Medikaments ist Geduld gefragt. Diese Eigenschaft nennt Singer als eine der wichtigsten, die ein angehender Pharmakologe und Toxikologe mitbringen sollte: „Forschung ist etwas Zähes, das viel Geduld erfordert.“ Analytisches Denken sei genauso gefragt wie die lebenslange Bereitschaft zu lernen, denn: „Wissensstillstand ist in unserem Fach absolut undenkbar.“
Geduld braucht aber nicht nur der fertig ausgebildete Pharmakologe, auch für die Suche nach einem der raren Ausbildungsplätze wird davon reichlich benötigt. „Unsere Ausbildungsstellen sind fast ausschließlich Assistentenstellen an der Universität“, erläutert Singer. Deshalb sei es entsprechend schwer, einen Platz zu erhalten. „Wer sich dafür interessiert, sollte bereits während des Studiums an Projekten im Institut mitarbeiten“, rät der Pharmakologe.

Ausbildung mit Hürden

Die finanziellen Bedingungen sind – vor allem am Anfang der Tätigkeit – bescheiden, denn Forschungsgelder für nichtklinische Fächer, wie die Pharmakologie und Toxikologie, sind rar. Wer es geschafft hat, eine der Assistentenstellen, z.B. an einer der Medizin-universitäten in Wien, Graz oder Innsbruck, zu erhalten, wird vier Jahre im Fach ausgebildet und muss ein halbes Jahr als Gegenfach Innere Medizin absolvieren. Die übrigen Gegenfächer sind frei wählbar. Singer empfiehlt allerdings, längere Zeit auf einer internen Station zu verbringen: „Eine ausgezeichnete Wahl als Gegenfach ist zudem die klinische Pharmakologie.“

Klinische Pharmakologie

Klinische Pharmakologie ist kein eigenes Fach, sondern eine Zusatzausbildung, die von Klinikern, etwa Internisten, absolviert wird. „Klinische Pharmakologen arbeiten mit Versuchspersonen, meist gesunden Probanden“, erläutert Singer. Erfreulich für diese Pharmakologen sei die Tatsache, dass ihre Forschungsergebnisse leichter unmittelbare klinische Relevanz für Patienten haben können als jene der experimentellen Pharmakologen, die mit Versuchstieren oder Zelllinien arbeiten. „Dafür sind die Forscher in der Gestaltung der Versuchsbedingungen freier“, hält Singer fest.

Mögliche Karrierewege

Wer die Ausbildung zum Pharmakologen und Toxikologen geschafft hat, kann vorwiegend zwischen zwei Möglichkeiten wählen: Entweder er bleibt an der Universität oder er geht in die forschende Industrie. „Wer sich für die Entwicklung neuer Medikamente im Rahmen der forschenden Pharmaindustrie interessiert, sollte allerdings offen für ein Auslandsengagement sein“, gibt Singer zu bedenken. „Forschung findet meist in den Unternehmenszentralen statt, von denen Österreich nicht allzu viele aufweist.“ Ganz ausgeschlossen ist eine Karriere außerhalb von Forschungslabors dennoch nicht. „Zahlreiche leitende Positionen bei Pharmafirmen in Österreich, aber auch im öffentlichen Bereich sind mit Pharmakologen und Toxikologen besetzt“, resümiert Singer abschließend.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE-WOCHE-Serie werden nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

 

Sabine Fisch, Ärzte Woche 12/2006

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