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Allgemeinmedizin 22. März 2006

Sexcoaching in der Hausarztpraxis

Viele Menschen, die sexuelle Probleme haben, würden gerne mit ihrem Hausarzt darüber sprechen. Von sich aus anzufangen ist den meisten peinlich – nicht nur den Patienten, sondern auch den Ärzten. Dabei gibt es durchaus medizinische Gründe, das Liebesleben der Patienten zu hinterfragen, etwa Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Schon allein der Einstieg ins Thema Sex erfordert viel Feingefühl. Man sollte nicht mit der Tür ins Haus fallen. Völlig ungeeignet sind Sätze wie „Na, wie läuft‘s mit dem Sex, Herr Müller?“ Dazu meinte Prof. Dr. Klaus Wahle, Allgemeinmediziner aus Münster, beim Practica-Seminar vergangenen Herbst in Bad Orb: „Das ist eine absolute Killerfrage, jeder Patient wird sofort antworten, es sei alles in Ordnung.“ Ebenso unangebracht ist: „Sie sollten froh sein, dass Ihre Gelenke noch so mitspielen“, und Frauen zu sagen: „Entspannen Sie sich, trinken Sie ein Gläschen Wein, und wenn der Richtige kommt, dann klappt das schon.“ Auch das hilft nicht weiter.

Angebot zu offenem Gespräch

Laut Wahle kommt ein offenes, niederschwelliges Angebot bei den Patienten am besten an: „Herr Meier, wenn Sie wollen, können wir auch über Sexualität reden!“ So können die Patienten selbst entscheiden, ob und wann sie diese Einladung annehmen wollen. Die Wenigsten tun das sofort, aber nach einiger Zeit melden sie sich, berichtete Wahle. „Wenn ich dieses Gesprächsangebot zwei- oder dreimal mache, haben die Patienten verstanden, dass es mir ernst ist.“ Kommt der Patient nach dem Gesprächsangebot nicht auf den Arzt zu, besteht kein Handlungsbedarf – „auch wenn ich sicher bin, dass er ein sexuelles Problem hat“, so Wahle. Im Rahmen von Check-up-Untersuchungen bietet sich auch folgende Einstiegsfrage an: „Hat sich Ihr Sexualleben in letzter Zeit verändert oder haben Sie Sorgen in sexueller Hinsicht?“ Auch Broschüren zum Thema „Sexualität und sexuelle Funktionsstörungen“ im Wartezimmer sind hilfreich. Den wenigsten Ärzten fällt es leicht, über Sexualität zu reden: „Wir fragen nach allem, selbst nach Farbe und Form des Stuhls, aber das Thema ,Sexualität‘ wird häufig vollständig ausgeblendet“, meint Wahle. Wenn tatsächlich ein Patient von seinen sexuellen Angelegenheiten berichtet, ist deshalb die Verlockung groß, sich in Vermeidungsstrategien zu flüchten: „Gut, dass Sie mir das erzählt haben, dann machen wir jetzt ein EKG.“ Diese Untersuchung kann zwar in vielen Fällen medizinisch durchaus sinnvoll sein, bedeutet aber ein Ausweichen auf die technische Diagnostik, also auf ein Gebiet, auf dem man sich sicher fühlt. Damit hat man zwar für sich selbst Entlastung geschaffen, nicht aber für den Patienten. Eine zielgerichtete und strukturierte Anamnese gilt in der Sexualmedizin als Schlüssel zum Erfolg. Natürlich müssen auch hier wieder Hürden überwunden werden. Die meisten haben schließlich Hemmungen zu fragen: „Bei welcher Technik treten diese Beschwerden auf?“ oder „Haben Sie die Beschwerden bei Ihrer Frau oder bei Ihrer Freundin?“

Auch peinliche Fragen stellen

Um das Problem korrekt zu erfassen, sind solche Fragen aber notwendig. Schriftliche Fragebögen, Gesprächsleitfäden oder Selbstbeurteilungsbögen helfen, weil nur Ja/Nein-Antworten gefordert sind. Die oftmals sehr umfassenden Fragebögen kann der Patient auch zu Hause ausfüllen. Die anschließende Diagnostik ist darauf ausgelegt, vaskuläre Risikofaktoren zu erfassen. Deshalb sind Blutdruck, Puls, HbA1c, Nüchternglukose, Lipidstatus zu bestimmen. Auch die Einnahme von Medikamenten kann Ursache sexueller Funktionsstörungen sein (z.B. Antidepressiva, orale Kontrazeptiva), ebenso wie neurologische oder psychiatrische Erkrankungen, psychosoziale Belastungen und Traumen. Bei Frauen sollte bei Dyspareunie, mangelnder Lubrikation, Unterbauchschmerzen, Zyklusstörungen ein spezialisierter Kollege hinzugezogen werden. Bei Männern ist die körperliche Untersuchung verpflichtend, u. a. um gefährliche Ursachen, z. B. ein Prostatakarzinom, auszuschließen. Eine Überweisung an den Urologen ist selten erforderlich.

Verschieden starke Belastung

Sexualmedizinische Störungen sind anders anzugehen als rein somatische. Vor einer Behandlung steht immer die Frage, welche Bedeutung die Funktionsstörung für den Einzelnen hat: Für den einen kommt eine mittlere Erektionsstörung möglicherweise einer existenziellen Bedrohung gleich, beim anderen steht Sexualität nicht im Fokus seiner Beziehung und er kann damit leben. Viele Betroffene fürchten, der Partner würde sie nicht mehr lieben, wenn sie nicht voll funktionsfähig sind. Diese Vorstellung stellt oftmals eine wesentlich stärkere Belastung dar als der eigentliche Funktionsverlust selbst. Bevor mit einer Therapie begonnen wird, ist zu erfragen, ob sich an der jetzigen Situation etwas ändern soll, sozusagen „der Auftrag vom Patienten einzuholen“, erklärte Dr. med. Ulrike Brandenburg, Psychotherapeutin an der sexualmedizinischen Ambulanz der Universitätsklinik Aachen. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob auch der Partner/die Partnerin eine Behandlung des Betroffenen wünscht. Wahle rät, die Partner frühzeitig mit einzubinden.

Die Partner sollten Bescheid wissen

Es sollte nämlich nicht passieren, dass wenige Wochen nach erfolgreicher Behandlung eines Diabetikers mit einem PDE-5-Hemmer dessen Frau völlig erbost in der Praxis steht und berichtet: „Das Thema ,Geschlechtsverkehr‘ war bei uns längst abgehakt, plötzlich will mein Mann wieder etwas von mir. Darauf hätten Sie mich vorbereiten müssen.“ Dass der Mann die Partnerin mit in die Praxis bringt, ist eher selten. Aber wenn beide beim selben Arzt in Behandlung sind, hat man Gelegenheit, auch mit der Frau zu sprechen. „Das darf man aber nur tun, wenn der Mann damit einverstanden ist“, so Wahle. Auch Libidostörungen kann der Hausarzt angehen, wenn er will. Nur die Minderheit braucht eine spezifische Psycho-Sexualtherapie. Oft finden die Patienten nach einem Gespräch mit dem Arzt selbst eine Lösung. Allerdings können hinter Lustlosigkeit auch Paarkonflikte, Traumata oder andere schwer wiegende psychische Ursachen stecken. Ohne psychotherapeutische Ausbildung sollten man in solchen Fällen lieber keine weitere Beratung anbieten. „Das kostet sehr viel Zeit, und Sie haben gute Chancen, dass Sie mit diesen Fällen frustriert sind“, so Wahle. Typischer Fall, den ein Allgemeinarzt gut behandeln kann: Junge Paare, die seit einiger Zeit keinerlei Sexualkontakte mehr hatten, weil beide beruflich stark eingespannt sind. Immer häufiger hat einer der Partner keine Lust mehr auf Sex. In solchen Fällen reicht es häufig, den beiden ihre Situation vor Augen zu führen.

Das Problem erlauben

Bei der Behandlung von Lustlosigkeit hält Brandenburg es für wichtig, „das Problem zu erlauben“. Oftmals entlastet der Satz „Ihr seid kein gestörtes Paar, das kann jedem passieren“. Die Sexualberatung zielt darauf ab, dass die Patienten sich wieder mehr Zeit füreinander nehmen und gemeinsam neue sexuelle Erfahrungen machen. Hierfür brauchen die beiden Partner konkrete Anleitungen. Außerdem sollte man den Paaren klar machen, was für ein „komisches Konzept von Lust“ wir gelernt haben, sagte Brandenburg. „Wenn man sich liebt, hat man Lust aufeinander, die Lust kommt von allein, spontan und bei beiden zur selben Zeit.“ Dieses Lustkonzept trifft höchstens auf die erste Beziehungsphase zu. Zudem haben viele Menschen eine ganze Reihe von Mythen im Kopf. Sexualität steht dabei in Zusammenhang mit „Jugendlichkeit, Schönheit, Potenz“. Doch diese sexuellen Normen, die so mancher vor Augen hat und die meist aus der Werbung, dem Kino oder aus Zeitschriften stammen, haben mit der Realität oft wenig zu tun.

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