zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 21. März 2006

„Allzeit bereit“ stößt an Grenzen

Die Organisation der Nachtbereitschaft sorgt in manchen Regionen immer wieder für Unzufriedenheit, auch eine adäquate Honorierung ist nicht überall selbstverständlich. Als mögliche Lösung wird die Einbeziehung von Wahlärzten ins Spiel gebracht. Dafür müssten sich aber die Rahmenbedingungen ändern.

In den Bundesländern Steiermark und Tirol gibt es keinen klar geregelten ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Woche. „Eine wichtige Kompetenz der niedergelassenen Allgemeinmediziner ist die Erreichbarkeit rund um die Uhr“, betont Dr. Jörg Pruckner, Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte in der Steiermark. Es könne aber angesichts des wachsenden Drucks von allen Seiten auf Dauer nicht erwartet werden, dass Bereitschaftsdienste auf ewig unbezahlt geleistet und auf freiwilliger Basis organisiert werden.

Lücken in der Steiermark

„Wir haben entgegen allen Beteuerungen, die niedergelassenen Ärzte aufzuwerten, seit Jahren Einkommensverluste bei massiv erhöhtem Arbeitsaufwand hinnehmen müssen“, heißt es in einem Schreiben der niedergelassenen Ärzte im Bezirk Leoben Anfang dieses Jahres, in dem offiziell die Einstellung des Bereitschaftsdienstes verkündet wurde. „In fast jedem zweiten Bezirk gibt es zumindest unter der Woche Lücken in diesem Bereich“, ergänzt Pruckner. Als Zukunftsperspektive sind die guten Erfahrungen in der Stadt Graz im Gespräch. Dort gibt es seit Jahren einen Ärztenotdienst mit entsprechender Honorierung und einer eigenen Telefonzentrale. Vor drei Jahren haben sich drei Viertel der steirischen Ärzte die Umsetzung dieses Modells im gesamten Bundesland gewünscht. „Es gab schon diesbezügliche Verhandlungen, durch den Wechsel in der Landesregierung sind aber die Karten neu gemischt“, so Pruckner, der dieses Anliegen auch in die Landesgesundheitsplattform einbringen wird. Die Größe der Sprengel, innerhalb derer die Dienste eingeteilt würden, sollen gleich bleiben, viele Ärzte drängen aber auf eine verpflichtende Einbeziehung der Wahlärzte. Pruckner wünscht sich ähnliche Tarife wie in anderen Bundesländern, wo für den Bereitschaftsdienst unter der Woche im Schnitt 150 Euro pro Nacht gezahlt werden; ärztliche Leistungen kommen noch dazu. „Die Sozialversicherung hat Mittel für eine Pseudo-Vorsorgeuntersuchung in Apotheken in Wien und Niederösterreich. Da müssen wohl auch für solch grundlegende Projekte der medizinischen Versorgung Mittel vorhanden sein“, meint Pruckner. In Niederösterreich gibt es derzeit am Wochenende 155 Sprengel. Die Grundkosten für den Bereitschaftsdienst unter der Woche werden vom Land getragen, am Wochenende von der Sozialversicherung. „Wir fordern schon seit vielen Jahren eine Angleichung der bezahlten Sätze an Wien, wo etwa um ein Drittel mehr bezahlt wird“, berichtet Dr. Herbert Machacek, Leiter des Referats für Bereitschaftsdienste der Ärztekammer für NÖ. Seit Anfang des Vorjahres wird auch über die weitere Umsetzung eines Konzeptes verhandelt, das eine Aufwertung der Ärztebereitschaft über die Rufnummer 141 bringen soll. In Wiener Neustadt und St. Pölten gibt es bereits Callcenter. Diese informieren nicht nur über den diensthabenden Arzt, sondern erteilen auch medizinische Erstinformationen.

Regionale Engpässe in NÖ

„Vor allem in dezentralen Regionen gibt es immer wieder Engpässe bei der Organisation des Bereitschaftsdienstes“, bedauert Machacek. Ähnlich wie für Wochenenddienste sollte deshalb überlegt werden, die Teilnahme an den Nachtbereitschaftsdiensten der Wochentage verbindlich festzulegen, wobei auch die Einbeziehung der Wahlärzte zu prüfen wäre. „Es gäbe sicher Wahlärzte, vor allem Allgemeinmediziner, die Bereitschaftsdienste mittragen würden, wenn die Rahmenbedingungen stimmen“, nimmt Dr. Christoph Reisner, Sprecher der Wahlärzte auf Österreichebene, Stellung. Dazu würde unter anderem die Möglichkeit einer Direktverrechnung mit der Kasse gehören. Dabei sei allerdings fraglich, „ob jemand, der sich bewusst für den Weg der Privatmedizin entschieden hat, mit deren Sätzen zufrieden ist“, so Reisner. Eine verpflichtende Teilnahme von Wahlärzten an Bereitschaftsdiensten kommt für ihn aber auf keinen Fall in Frage.

Richtlinie in Oberösterreich wurde verbessert

Probleme bei der Einteilung der Bereitschaftsdienste gab es auch in einigen Regionen in Oberösterreich. Dort wird die Teilnahme je nach Sprengelgröße honoriert und ist verpflichtend. Nachdem einzelne Kollegen angaben, zu krank dafür zu sein, in der fraglichen Zeit aber ihre Praxis weiterführen konnten, wurde die Bereitschaftsrichtlinie modifiziert. Nun wird noch deutlicher der Ablauf der Einteilungen beschrieben. „Die Organisation bleibt dabei im Sprengel, auch aufkommende Probleme sollen möglichst in der Region geregelt werden“, berichtet Dr. Oskar Schweninger, Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte in Ober­österreich. Nur wenn das nicht möglich sei, wäre laut Richtlinie ein Eingreifen der Ärztekammer möglich. „Wir haben vor allem auch im Bundesvergleich ein sehr gutes Modell, das nun optimiert wurde“, ist Schweninger überzeugt.

Telefonische Vorselektion nach klaren Vorgaben

Verstärkt beworben werden soll die Rufnummer 141, die im Land ob der Enns das Rote Kreuz betreut. In einer Vereinbarung mit der Kammer ist der Umgang mit Anrufen unter dieser Nummer festgelegt. So verbindet der Disponent nicht einfach weiter, sondern fragt, um was es konkret geht, und gibt dann im Bedarfsfall die Nummer des diensthabenden Arztes weiter. Eine eigens eingerichtete Clearingstelle von Rotem Kreuz und Ärztekammer wird laut Schweninger eigentlich kaum frequentiert, da sich die meisten Probleme vor Ort lösen lassen. Er wünscht sich, dass das Thema Bereitschaftsdienst „gesundheitspolitisch gut abgesichert und nicht als eventuelles Einsparpotenzial gesehen wird“. Die Honorare müssten regelmäßig valorisert werden; derzeit laufen dazu wieder Verhandlungen mit dem Land.

Ausnahmefall Salzburg

In Salzburg wird seit einer Urbefragung unter der Ärzteschaft im Jahr 2000 sowohl der Wochentags- als auch der Wochenenddienst von der Sozialversicherung honoriert. Kurienobmann Dr. Josef Lohninger ist mit den gezahlten Tarifen einverstanden. Jedenfalls gebe es keinerlei Probleme bei der Organisation der Bereitschaftsdienste, und „wer nicht Dienst hat, kann sich tatsächlich auf ein freies Wochenende freuen“, betont der Kurienobmann. Das Land hat sich aus der Finanzierung inzwischen zurückgezogen. „Mit den bis dahin einbezahlten Mitteln konnten wir zuvor die nötigen Strukturen für den Bereitschaftsdienst finanzieren“, berichtet Lohninger. Erreichbar sind die Diensthabenden über die Nummer 141, von dort wird direkt weiter verbunden, medizinische Erstinformationen werden nicht gegeben.

Kostenpflichtige Anrufe?

„Ein Thema, dem wir uns gemeinsam widmen wollen, ist der Missbrauch dieser Nummer, um die Öffnungszeiten von Apotheken zu erfragen bzw. wegen medizinischer Banalitäten, die problemlos bis zum nächsten Tag warten können“, darauf macht Lohninger aufmerksam. Er kann sich durchaus eine Lösung wie in Kärnten vorstellen, wo Anrufe beim Notdienst kostenpflichtig sind.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben