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Allgemeinmedizin 14. März 2006

Den Patienten ganzheitlich betrachten (Folge 34)

Manchmal vor, meist aber nach schweren Erkrankungen oder operativen Eingriffen kommen die „Physikalisten“ zum Zug. Ziel ihrer fachkundigen Betreuung ist, dass die Patienten wieder selbst ihren Alltag bewältigen können.

Stellen Sie sich einen 70-jährigen Patienten vor, bei dem anamnestisch ein Schlaganfall vorliegt. Der Patient ist inkontinent und kommt ins Krankenhaus, weil er eine Hüftendoprothese benötigt. Denken Sie, dass dieser Patient sich nach der Operation allein versorgen und mit seinen diversen Leiden gut leben kann? Wenn er sich in die Hände eines Facharztes für Physikalische Medizin und allgemeine Rehabilitation begibt, vielleicht schon. An diesem konkreten Beispiel veranschaulicht Prof. Dr. Veronika Fialka-Moser, Vorstand der Univ.-Klinik für Physikalische Medizin und Rehabilitation in Wien, die Aufgaben ihres Sonderfaches. Was für ein Ergebnis ist im geschilderten Fall zu erwarten? „Je nach Rehabilitationspotenzial kann der Patient nach der Rehabilitation vielleicht ohne Gehhilfe gehen oder mit seiner Inkontinenz gut umgehen“, erklärt Fialka-Moser. „Er ist in den Aktivitäten des täglichen Lebens selbständiger, kann selbständig essen, sich ankleiden und längere Gehdistanzen zurücklegen. Er hat gelernt, mit seinen Erkrankungen besser zu leben.“ Im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE informiert die Klinik-Chefin über die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten des Faches. Sie weiß auch, welche Eigenschaften junge Mediziner dafür mitbringen sollten und ist überzeugt, dass sich die Physikalische Medizin und Rehabilitation besonders gut für Frauen eignet.

Wo liegen die Schwerpunkte im Sonderfach Physikalische Medizin und Rehabilitation?
Fialka-Moser: Wir betrachten den Patienten ganzheitlich und versuchen, durch Erkrankungen, Operationen und Unfälle aufgetretene funktionelle Defizite entweder ganz zu beheben oder zumindest zu lindern. Unsere Schwerpunkte liegen im funktionellen Bereich. Wir führen elektrophysiologische Untersuchungen und Gefäßdia-gnostik durch und machen auch Schmerzassessments. Außerdem werden Ausdauerleistung und Kraft von Patienten untersucht. Ein wichtiger Bestandteil unserer Arbeit sind Assessments: Dabei füllen Patienten Fragebögen aus, die ermitteln sollen, inwieweit sie Aktivitäten des täglichen Lebens selbst durchführen können, also etwa Anziehen, den Haushalt führen und am sozialen Leben teilnehmen. Die Ergebnisse werden dann in Kombination mit physikalisch-diagnostischen Maßnahmen beurteilt.

Haben Sie vorwiegend mit älteren Menschen zu tun?
Fialka-Moser: Nein. Da sich meine Ab- teilung in einem Akutkrankenhaus befindet, sind unsere Patienten bunt gemischt. Wir erhalten Zuweisungen aus dem Krankenhaus und betreuen manche Patienten bereits nach der stationären Aufnahme. Unsere Teams begutachten die Patienten und ordnen Behandlungen an, wie physiotherapeutische Maßnahmen und Ergotherapie. Wird der Patient entlassen und bietet sich keine andere Möglichkeit der Rehabilitation, wird er von uns weiter betreut. Das ist natürlich ein Riesenvorteil für den Patienten, weil unsere Teams ihn dann schon kennen und wir hier die gesamte Palette der Rehabilitationsmöglichkeiten anbieten können.

Was begeistert Sie an Ihrer Arbeit?
Fialka-Moser: Wir begleiten unsere Patienten meist über eine lange Zeit und lernen sie dabei gut kennen. Schön und wichtig finde ich auch die holistische Betrachtungsweise von Patienten durch den Facharzt für Physikalische Medizin und allgemeine Rehabilitation. Auf dem Gebiet der Rehabilita-tion hat sich in den vergangenen 15 Jahren unglaublich viel getan. Unsere Möglichkeiten, Patienten ein möglichst aktives und gesundes Leben nach oder mit einer Erkrankung zu ermöglichen, haben sich stark erweitert. Das ist eine täglich neue Herausforderung für mich und meine Kollegen.

Warum haben Sie sich ursprünglich dafür entschieden, dieses Fach zu wählen?
Fialka-Moser: Ich wollte eigentlich Landärztin werden, fand dann allerdings den Turnus sehr unbefriedigend und wollte eine Fachausbildung anschließen. Schon während des Turnus hatte ich mit Manueller Medizin bei Prof. Tilscher begonnen. Die Physikalische Medizin passte hier sehr gut dazu. Das Fach war auch insofern praktikabel, weil ich, als ich meine Ausbildung begann, schon drei Kinder hatte. In der Physikalischen Medizin gibt es keine Nachtdienste. Ich hatte somit die Möglichkeit, mir meine Arbeit so gut einzuteilen, dass ich auch für meine Kinder da sein konnte. Das war für mich auch ein wesentlicher Aspekt.

Was waren die größten Veränderungen in der Physikalischen Medizin und Rehabilitation in den vergangenen zwei Jahrzehnten?
Fialka-Moser: Der herausragende Meilenstein ist sicher die Entwicklung in der Rehabilitation. Früher konnten wir mit der Physikalischen Medizin Leiden lindern. Heute geht es darum, den Patienten tatsächlich wieder zu rehabilitieren, ihn dabei zu unterstützen, sein berufliches und soziales Leben möglichst uneingeschränkt führen zu können. Die Rehabilitation nimmt auch deshalb heute einen deutlich höheren Stellenwert ein, weil es viel mehr chronisch kranke Menschen gibt, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. Das bedeutet eine große Herausforderung für uns.

Mit welchen Herausforderungen rechnen Sie in den kommenden Jahren?
Fialka-Moser: Die zunehmend älter werdende Bevölkerung mit ihren immer komplexer werdenden Krankheitsbildern und die daraus resultierende Rehabilitationsproblematik werden in Zukunft sicher zu den großen Herausforderungen in unserem Fach gehören. Außerdem wird die Ökonomie eine immer wichtigere Rolle spielen: Was bringt welche Therapie? Wo und wie setze ich meine Teammitglieder gezielt und effizient ein? Hand in Hand damit geht die Qualitätssicherung. Die Rehabilitation im Akutkrankenhaus, wie wir sie hier am AKH betreiben, wird sicher einen höheren Stellenwert einnehmen müssen. Das steckt bei uns noch in den Kinderschuhen, in Deutschland stehen dazu Betten im Akutkrankenhaus zur Verfügung.

Welche Eigenschaften zeichnen einen guten Facharzt für Physikalische Medizin und allgemeine Rehabilitation aus?
Fialka-Moser: Teamfähigkeit. Das Team ist die Basis für den Therapieerfolg. Ein breites medizinisches Wissen ist notwendig, ebenso die Offenheit neuen Therapieansätzen gegenüber, auch gegenüber der Komplementärmedizin. Eine Behinderung ist in der Physikalischen Medizin nicht nur kein Ausschließungsgrund, sondern kann sogar hilfreich für das Verständnis unserer Arbeit und für die Arbeit mit den Patienten sein.

Wie stellt sich die Ausbildungssituation für Frauen dar?
Fialka-Moser: In der Physikalischen Medizin waren schon zu Beginn meiner Ausbildung Frauen als Fachärztinnen akzeptiert.

Wie gestaltet sich die Ausbildungssituation?
Fialka-Moser: Schwierig. Neben der Ausbildung im AKH gibt es in den Gemeindespitälern und in den Landesspitälern einige Ausbildungsstellen. Das AKH Wien bietet österreichweit die einzige universitäre Ausbildung an.

Muss der Turnus sein?
Fialka-Moser: Nein, nicht unbedingt. Günstig ist natürlich, wenn man möglichst viele Ergänzungsfächer hat und schon eine gewisse Erfahrung in der Medizin mitbringt.

Wie beurteilen Sie die beruflichen Chancen fertig ausgebildeter Fachärzte?
Fialka-Moser: Die sind nicht schlecht, weil die physikalische Medizin und Rehabilitation sicher ein Fach der Zukunft ist.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE-WOCHE-Serie werden nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 11/2006

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