zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 14. März 2006

„Hören Sie eigentlich schlecht?“

Jede Altersklasse hat ihre typischen Ohrerkrankungen. Bei den älteren Patienten sind es vor allem Schwerhörigkeit und Cerumen, im mittleren Alter ist Lärmschwerhörigkeit besonders häufig, im Sommer kommt die Otitis externa hinzu, und mit akuter oder rezidivierender Otitis media quälen sich vor allem Kinder.

Schwerhörigkeit wird auch in Allgemeinarztpraxen immer öfter zum Beratungsanlass. Die Zahl der Betroffenen steigt ständig an, nicht nur weil die Bevölkerung immer älter wird, sondern auch weil Lärmbelastungen in der Umwelt zunehmen. Bis zu 30 Prozent der Berufsanfänger sollen bereits Hörstörungen aufweisen. Patienten mit beeinträchtigtem Hörvermögen sind in der Regel leicht zu erkennen. „Denn Schwerhörigkeit kann man sehen“, erklärte Dr. Fritz Meyer, HNO- und Allgemeinarzt aus Öttingen, beim Practica-Seminar vergangenen Herbst im deutschen Bad Orb. Der Verdacht auf Schwerhörigkeit liegt nahe, wenn der Patient ein Ohr seinem Gegenüber besonders auffällig zuwendet oder wenn er ständig eine Hand hinter das Ohr hält. Auch wenn der Patient unter Umgebungslärm oder beim Ansprechen von hinten schlecht hört, wenn er ungewöhnlich laut spricht oder wenn die Angehörigen mit Kehlkopfproblemen kämpfen, weil sie selbst andauernd laut sprechen müssen, könnte Schwerhörigkeit des Patienten dahinter stecken. Mit der Frage „Hören Sie eigentlich schlecht?“ kommt man in der Regel schnell weiter. Damit lassen sich 70 Prozent aller schwerhörigen Patienten detektieren, erklärte Meyer.

Einfach nachfragen und ins Ohr hineinsehen

Denn der Schwerhörige weiß meistens, dass er nicht besonders gut hört. Hilfreich sind darüber hinaus Fragebögen, in denen der Patient sein Hörvermögen selbst einschätzen soll. Doch sollte man nicht jeden, der schlecht hört, gleich mit der Diagnose Schwerhörigkeit zum Facharzt schicken. „Manchmal ist ein großer Ohrschmalz-Pfropf oder ein Fremdkörper Ursache des mangelnden Hörvermögens“, so Meyer. „Beides kann der Allgemeinmediziner selbst entfernen.“ Deshalb sollte man zuerst ins Ohr hineinschauen und den Gehörgang inspizieren. Weitere Untersuchungen haben zum Ziel, die zugrunde liegende Störung grob differenzieren zu können. Bei Schwerhörigkeit unterscheidet man zwischen • Schallleitungsschwerhörigkeit, definiert als krankhafte Veränderung im Reiztransportorgan. Die Störung der Schallübertragung liegt also auf dem Weg von der Ohrmuschel zur Schnecke. Häufigste Ursache: Cerumen.
• Schallempfindungsschwerhörigkeit: eine krankhafte Veränderung im Reiztransformationsorgan, bei der die Störung im Bereich der Schnecke oder des Hörnerven sitzt.
• Schallwahrnehmungsschwerhörigkeit, die durch eine Störung in der Hörrinde entsteht.

Versuche mit der Stimmgabel

„Zur festen Angewohnheit sollte man sich Stimmgabelversuche machen“, so Meyer. Sie dienen der groben Orientierung, um zwischen Schallleitungs- und Schallempfindungsschwerhörigkeit zu unterscheiden. Aussagekräftig sind die Tests aber nur bei Verwendung von Stimmgabeln mit 440 Hz (Kammerton a1) oder 512 Hz (Kammerton c2). Der Stimmgabelversuch nach Weber vergleicht das Hörvermögen beider Ohren über die Knochenleitung. Nach dem Anschlagen der Stimmgabel wird diese in Schädelmitte aufgesetzt. So kann man feststellen, ob der Patient auf beiden Ohren gleich gut hört. Der Stimmgabelversuch nach Rinne vergleicht dagegen das Hörvermögen über Luft- und Knochenleitung an einem Ohr. Nach dem Anschlagen der Stimmgabel wird diese am Schädel angesetzt. Sobald der Patient den Ton nicht mehr hört, hält man ihm die Stimmgabel vor das Ohr. Normalerweise hört er den Ton dann wieder, weil die Luftleitung besser funktioniert als die Knochenleitung. Daneben liefert auch der Trommelfellbefund wichtige Hinweise auf die Ursache der Schwerhörigkeit. Ist das Trommelfell intakt? Finden sich Vernarbungen, Kalkplatten, Perforationen, die dessen Funktion einschränken können? Für Untersuchungen mit dem Otos­kop empfiehlt Meyer, immer den größtmöglichen Ohrtrichter zu verwenden, weil damit die Verletzungsgefahr am geringsten ist. Außerdem sollte man sich am Kopf des Patienten abstützen und die Gehörgangswand sollte nicht berührt werden. Besonders wichtig ist Meyer die Anamnese, weil sie bereits 75 Prozent der Diagnose ausmachen kann (siehe Kasten). Wichtige Hinweise liefert überdies die Frage nach dem subjektiven Höreindruck. Der Mittelohrschwerhörige hört gedämpft, und das Hörvermögen ist sowohl für Sprache in normaler Lautstärke (Umgangssprache) als auch für Flüstern reduziert.

Falscher Eindruck

Viele Patienten mit Mittelohrschwerhörigkeit glauben, dass sie bei Umgebungslärm besser hören. Dieser Eindruck entsteht, weil die Gesprächspartner wegen des Umgebungslärms lauter sprechen, der Patient selbst durch den Lärm aber nicht gestört wird. Sehr wichtig für die Diagnose ist der Stimmgabelversuch nach Rinne: Er ist bei Mittelohrschwerhörigkeit negativ. Oft kommt ein irregulärer Trommelfellbefund mit Narben oder Kalkplatten hinzu. Patienten mit Innenohrschwerhörigkeit haben dagegen normalerweise in den hohen Frequenzen Probleme. Sie hören normal laute Sprache relativ gut und Flüstersprache relativ schlecht. Manchmal klagen sie „Ich höre so komisch“, weil sie wegen der fehlenden Frequenzen im Hochtonbereich verzerrt hören. Der Stimmgabelversuch und der Trommelfellbefund sind im Gegensatz zum Mittelohrschwerhörigen in der Regel unauffällig. Mit dem subjektiven Höreindruck, dem Stimmgabelversuch nach Rinne, dem Trommelfellbefund kann man gut feststellen, ob eine Schallleitungs- oder eine Schallempfindungsstörung vorliegt (siehe Tabelle). Das Hörvermögen kann auch mit der Sprachabstandsprüfung getestet werden – im Sprechzimmer oder in einem anderen ruhigen, möblierten, reflexionsarmen Raum, wenn dieser mindestens vier Meter, besser sechs Meter lang ist. Die Untersuchung erfolgt für beide Ohren getrennt, wobei immer das besser hörende Ohr zuerst geprüft wird. Der Test, bei dem vierstellige Zahlwörter aus verschiedenen Entfernungen und in unterschiedlicher Lautstärke vorgesagt werden, bietet eine grobe Orientierung für das Ausmaß des Hörverlusts. Festgestellt wird, ab welcher Entfernung der Patient nicht mehr ausreichend hört, das Ausmaß der Hörbeeinträchtigung lässt sich dann aus Tabellen ablesen.

Eine Faustregel hilft

Wer weder ein Audiometer besitzt noch eine Sprachabstandsprüfung durchführen will, kann sich nach Meyers einfacher Faustregel richten: „Wenn ein Patient sein Gegenüber im Abstand von 1,5 Meter bei normaler Lautstärke nicht mehr versteht, braucht er ein Hörgerät.“ Dies gilt für die normale Sprechzimmersituation bzw. im normalen Gespräch. So braucht zum Beispiel ein älterer Patient, der auf beiden Ohren stark lärmempfindlich ist, die normale Sprache gut, Flüstersprache aber vermindert versteht, insgesamt eine Innenohrschwerhörigkeit im Hochtonbereich aufweist, kein Hörgerät.n

 detail

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben