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Allgemeinmedizin 8. März 2006

Die auch mit den Händen heilen (Folge 33)

Das Sonderfach Orthopädie und orthopädische Chirurgie umfasst sowohl konservative als auch operative Maßnahmen. Nicht zuletzt zählt die Manualmedizin, die Manipulation mit bloßen Händen, zu den Stärken dieses Faches.

„Ohne Turnus geht es nicht, fast alle Ausbildungsstellen verlangen ihn vor einer Ausbildung zum Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie“, umreißt der Präsident des Berufsverbandes dieser Fachgruppe, Dr. Richard Lemerhofer, eine wichtige Hürde auf dem Weg zum Facharzt. Eine Hürde, die zu nehmen sich lohnt, brachte Lemerhofer im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE seine Überzeugung zum Ausdruck.

Fachspezifische Aspekte

Das Fach bietet sowohl die Möglichkeit des direkten Patientenkontaktes, wenn konservative Methoden Anwendung finden, als auch die Arbeit am Operationstisch. Nicht zuletzt verlangt die Orthopädie und orthopädische Chirurgie ein hohes Maß an technischem Interesse, etwa wenn künstliche Gelenke und andere prothetische Maßnahmen gesetzt werden müssen.

Meilenstein Kunstgelenk

„Die Entwicklung künstlicher Gelenke kann mit Fug und Recht als Meilenstein in unserem Fach bezeichnet werden“, hält Lemerhofer fest. „Davor gab es nur wenige Möglichkeiten, zum Beispiel ein zerstörtes Gelenk zu versteifen, was für die Patienten natürlich eine sehr einschränkende Maßnahme bedeutete.“ Künstlichen Ersatz gibt es heute für fast alle Gelenke, von den großen, wie Schulter-, Hüft- und Kniegelenk, bis hin zu Sprunggelenks- und Fingergelenksersatz sowie Bandscheibenprothesen. „Durch den Begründer des Faches, Prof. Dr. Adolf Lorenz, begann die Orthopädie in Österreich primär als nichtoperatives Fach“, berichtet Lemerhofer (Adolf Lorenz siehe Kasten). „Während in anderen europäischen Ländern der Schwerpunkt der Ausbildung im chirurgisch-orthopädischen Bereich liegt, bemühen wir uns in Österreich, auch dem nicht-operativen Teil einen wesentlichen Platz einzuräumen.“ Die Grundlagenarbeit, die Adolf Lorenz in der konservativen Orthopädie geleistet hat und die später von seinem Sohn Adolf Lorenz fortgesetzt wurde, führte in Österreich zu einer soliden wissenschaftlichen Untermauerung der konservativen Orthopädie, besonders durch Prof. Dr. Hans Tilscher, der auch als Manualmediziner hohe Bekanntheit erlangt hat.

Skills eines guten Orthopäden

Wer ein guter Facharzt für Orthopädie sein will, braucht handwerkliches Geschick, Langmut und Interesse an konservativer Therapie. „Sie oder er muss gut zuhören können und viel Geduld mitbringen“, erklärt Lemerhofer. „Wir haben viel mit sehr kleinen Kindern und mit älteren Menschen zu tun, die im Umgang oft nicht ganz einfach sind.“ Wer also bei schreienden Babies die Nerven verliert oder bei Schwerhörigen und dickköpfigen alten Menschen seine Geduld verliert, sollte besser ein anderes Fach wählen. Wer auch operativ tätig sein will, sollte ein ausgeprägtes räumliches Verständnis mitbringen. Ein Tag am Operationstisch fordert den Facharzt für Orthopädie nicht nur geistig, sondern in gehörigem Maße auch körperlich. Kondition ist damit ein nicht zu unterschätzender Faktor für dieses Sonderfach. „Das gilt genauso für den manuell tätigen Orthopäden, weil auch die Manualmedizin körperlich sehr anstrengend ist“, weiß Lemerhofer. Frauen, denen aus diesem Grund lange Zeit die Orthopädie als zu anstrengendes Fach vorenthalten wurde, lassen sich heute allerdings nicht mehr von den körperlichen Anforderungen abhalten.

Fachärztinnen im Hintertreffen

„Hätten sie mich vor zehn Jahren gefragt, hätte ich sagen müssen, dass da noch Aufholbedarf besteht“, kommentiert Lemerhofer. „Heute sind auch in Österreich bereits einige Orthopädinnen tätig, denn hier wurde sicher ein Aufholprozess gestartet.“ Ein Aufholprozess, der wohl noch einige Zeit anhalten muss, wirft man einen Blick in die Statistik der Österreichischen Ärztekammer: 589 männlichen Orthopäden stehen derzeit 59 Orthopädinnen gegenüber.

Breites Patientenspektrum

Wer Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie werden will, sollte sich, auch wenn er in einer eigenen Praxis arbeiten möchte, auf lange Arbeitszeiten einstellen. Dies gilt vor allem dann, wenn er oder sie nicht nur konservativ, sondern auch chirurgisch tätig sein will. „Ich operiere am Vormittag und sitze dann noch bis abends in der Ordination“, berichtet Lemerhofer. In seiner Ordination behandelt er Patienten aller Altersklassen: „Bei Säuglingen führe ich Hüftultraschall-Untersuchungen durch, um Hüftgelenk-Veränderungen festzustellen. Dazu kommen Akutpatienten mit Schmerzen, ältere Patienten, bei denen ein Hüftgelenkersatz ansteht und natürlich auch Patienten, die manuelle Techniken benötigen, um Gelenks- oder Knochenleiden zu therapieren.“

Nach dem Turnus noch sechs Jahre Fachausbildung

Die Ausbildung zum Facharzt für Orthopädie und orthopädische Chirurgie dauert, wie in fast allen anderen Sonderfächern, sechs Jahre. „Allerdings verlangen fast alle Ausbildungsstellen vor der Fachausbildung die Absolvierung des Turnus“, sagt Lemerhofer. „Danach folgen vier Jahre Fachausbildung und zwei Jahre Gegenfächer.“ Nach der alten Ausbildungsordnung ebenso wie nach der neuen, die ihrer Verabschiedung harrt, sind dies ein Jahr Chirurgie, drei Monate Kinder- und Jugendheilkunde, drei Monate Neurologie sowie sechs Monate Unfall- und Neurochirurgie sowie ein Jahr Chirurgie. Wahlnebenfächer gibt es nicht. Die Suche nach einer Ausbildungsstelle ist, wie in den meisten anderen Sonderfächern, nicht einfach. Zirka 190 Ausbildungsstellen gibt es laut Gesellschaft für Orthopädie derzeit in Österreich. Durchaus positiv beurteilt Lemerhofer die Novellierung der Ausbildungsordnung: „Das neue Rasterzeugnis ist sehr genau differenziert, es gibt sowohl dem Auszubildenden als auch dem Ausbildner genau die jeweiligen Aufgabenbereiche vor.“ Das werde die Ausbildung mit Sicherheit transparenter und besser machen.

Gute Chancen

„Der Bedarf an gut ausgebildeten Fachärzten für Orthopädie und orthopädische Chirurgie wird ansteigen“, zeigt sich Lemerhofer optimistisch. „Das erklärt sich schon aus der längeren Lebenserwartung der Menschen.“ Allerdings trägt die derzeitige Realität diesem steigenden Bedarf eher nicht Rechnung: „Mehr Kassenstellen wird es wohl in absehbarer Zeit nicht geben“, bedauert Lemerhofer, „und die vorhandenen Stellen sind größtenteils mit jungen Leuten besetzt.“ Einen gewissen Nachholbedarf sieht er nur noch in Westösterreich. „Da gibt es Gegenden, die möglicherweise noch nicht ausreichend versorgt sind“, meint der Berufsverband-Präsident. Im Großen und Ganzen beurteilt er die Orthopädie und orthopädische Chirurgie allerdings als Fach mit Potenzial.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE-WOCHE-Serie werden nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

 

Sabine Fisch, Ärzte Woche 10/2006

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