zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 28. Februar 2006

Große Chirurgen – kleine Schnitte

Nicht nur im kosmetischen Bereich, sondern auch bei Operationen nach Unfällen, Tumoren, beim Karpaltunnelsyndrom oder bei progredienten Muskelerkrankungen kommt das Endoskop im medizinischen Alltag der Plastischen und Rekon­struktiven Chirurgie heute auch routinemäßig zum Einsatz.

„Die Endoskopie hat für die Plastische Chirurgie primär einmal den Vorteil, dass die Narben nach einem endoskopischen Eingriff sehr klein und damit kaum sichtbar sind“, stellt Doz. Dr. Artur Worseg, Facharzt für Plastische Chirurgie, Aesthetic-Center Wien, zu Beginn des Gesprächs mit der ÄRZTE WOCHE fest. „In unserem Fachbereich ist die Anzahl der endoskopischen Eingriffe nach einem anfänglichen Run, wo versucht wurde, so ziemlich alle Operationen endoskopisch durchzuführen, teilweise auch wieder zurückgegangen. Etabliert haben sich bis jetzt vor allem endoskopische Eingriffe im Kopfbereich, in der Mammachirurgie und beim Karpaltunnelsyndrom“, erklärt Worseg. Obwohl es noch einige „akademische Diskussionen“ gibt, z.B. wie man man am besten die Brauen beim endoskopischen Stirnlift fixiert, setzte sich seiner Meinung nach die endoskopische Technik beim Stirnlift, beim Augenbrauen- und teilweise auch beim kosmetischen Mittelgesichtslift durch. Wesentliche Vorteile seien die hervorragende Möglichkeit der Blutstillung und die Chance zum nervenschonenden Arbeiten, gerade im Gesicht.

Präformierte Höhlen nützen

In allen präformierten Höhlen des Körpers wird das Endoskop von plastischen Chirurgen gerne verwendet. Worseg: „Speziell bei der transaxillären Brustvergrößerung, oder beim Implantatwechsel durch die Achsel kann die Kapsel mit dem Endoskop sehr gut erweitert oder gerafft werden, hier gibt es praktisch keine Alternative zum Endoskop. Setzt man die Schnitte submammär braucht man das Endoskop eigentlich nicht, weil die Sicht dann ausreichend ist.“ In der Plastischen Chirurgie wird auch sehr viel Endokopie-assistiert gearbeitet. „Bei der Nasenhöckerabtragung kann man mit dem Endoskop gut überprüfen, ob der Nasenrücken wirklich gerade ist. Auch die Platysmaraffung wird teilweise endoskopisch beziehungsweise Endoskopie-assistiert gemacht“, merkt der Spezialist an.

Viele Vorteile auch in der Rekonstruktiven Chirurgie

Worseg: „In der Wiederherstellungschirurgie eignet sich das Endoskop sehr gut für die Entfernung von unter der Haut gelegenen Tumoren, wie Dermoidzysten oder Osteomen im Bereich der Stirne oder für Neurolysen z.B. des Nervus supraorbitalis. Gut bewährt hat sich auch, Expander endoskopisch zu setzen, und das nicht nur im Kopfbereich. Ich kann damit die Schnitte relativ weit weg von der Expanderhöhle führen und ihn daher früher auffüllen.“ Bei der konventionellen Methode bestand für die Chirurgen immer das Problem, die bis zu drei Wochen dauernde Wundheilung abwarten zu müssen, erst dann konnte mit dem Aufblasen begonnen werden.

Gesichtsdefekte auffüllen

Bei Jochbein-, Kinn- oder Nasenwurzelaugmentationen ist das Endoskop ebenso im Einsatz. „Gerade beim Einbringen von Implantaten im Gesichtsbereich, z.B. bei Defekten nach Unfällen, kann ich an der Stirn-Haargrenze hineingehen, mache eine Höhle und platziere die Implantate ohne große Narben und Aufwand“, erklärt der Experte. Einsatzgebiete für die Endoskopie-assistierte Technik waren früher auch die Mastektomie, Quadrantenresektion und Lymphknotenentfernung beim Mammakarzinom, das habe sich aber ebenso wenig durchgesetzt, wie die endoskopischen Lappenhebungen, z.B. beim Latissimus dorsi-Lappen. „Wir probierten das früher alles. Theoretisch ist es natürlich sinnvoll, weil die Narben ja viel kleiner sind und schneller heilen, aber in der Praxis geht man wieder zur konventionellen Lappenhebung zurück, weil die En­doskopie zu aufwändig ist. In Zukunft wird sich bezüglich der endoskopischen Operationen in der Wiederherstellungschirurgie noch sehr viel tun, besonders wenn die Roboter-unterstützten Techniken zunehmen“, ist der Experte überzeugt. Endoskopie-assistiert können auch Nerven- und Venengrafts entnommen werden. Worseg: „Das Karpaltunnelsyndrom heute nicht endoskopisch zu operieren, ist für mich unerklärlich. Sehr wertvoll ist die endoskopische Methode auch zur gedeckten Fasziotomie beim Kompartmentsyndrom. Damit kann unter Sicht fasziotomiert werden, anstatt wie früher mehr oder weniger blind mit der Schere. Tiefer gelegene Lipome mit dem Endoskop zu entfernen, ist ebenfalls sehr dankbar, weil ich die Grenzzonen schön erkennen kann.“

Nicht blind, sondern unter Sicht

Ein zukünftiges Einsatzgebiet für das Endoskop könnte auch die Therapie der Hyperhidrose sein: „Das wurde zwar noch nicht beschrieben, aber ich glaube, die endoskopische Schweißdrüsenentfernung könnte ein Erfolg werden. Das Absaugen und Ausschaben von Schweißdrüsen ist ja bis jetzt noch eine blinde Geschichte. Die Schweißdrüsen liegen teilweise in der Dermis und ich stelle mir vor, dass man mit dem Endoskop ganz sauber die Unterseite der Haut auskratzen kann. Das wäre bei Patienten mit axillärer Hyperhidrose eine Option, weil ich da nur wenige Alternativen habe, da Botox zwar gut funktioniert, aber immer wieder nachgespritzt werden muss, und das ist teuer, und bei der Sym­pathektomie kann es zu einer reaktiven Hyperhidrose an anderen Körperstellen kommen“, meint der Plastische Chirurg. Wertvolle Hilfe leistet das Endoskop auch in der Atemschrittmacher-Therapie bei Patienten mit hoher Querschnittlähmung. „Hier ist die endoskopische Platzierung von Elektroden am Nervus Phrenicus interessant. Diese Operationen führten wir an der Abteilung für Plastische und Wiederherstellungschirurgie am Wilhelminenspital Wien durch. Nach aufwändigen endoskopischen Studien am Wiener anatomischen Institut konnte erstmalig ein Atemschrittmacher unter großem technischem Aufwand mikrochirurgisch endoskopisch platziert werden. Atemschrittmacher werden nur äußerst selten gebraucht, da es Gott sei Dank nur wenige Patienten gibt, bei denen das Zwerchfell teilweise gelähmt ist. Durch die Phrenicusoperation wird das Diaphragma stimuliert und die Patienten können wieder ohne Intubation atmen“, erinnert sich Worseg.Das Endoskop findet außerdem Anwendung beim Einsetzen von Unterschenkelimplantaten bei den meist jungen Patientinnen mit Muskelschwund und bei der Operation der Trichterbrust, um die Implantate zu setzen.

Hindernis: Aufwändige Technik

„Das Problem für uns Plastiker bei der Endoskopie ist insgesamt, dass die Geräte noch sehr aufwändig sind. Einen Lichtblick stellen jetzt die ganz neuen USB-Kameras dar, wo der Chip im Endoskop enthalten ist, das man lediglich ans Laptop anschließen muss. Wir ersparen uns damit den riesigen Aufwand mit dem Kameraturm. Diese Endoskope werden sicherlich mehr und lieber verwendet werden. Wir in der Plastischen Chirurgie operieren sehr viel ambulant bzw. tagesklinisch und der Aufwand einer kompletten Endoskopie mit Kameraturm ist dafür oft zu groß. Ich glaube, je kleinere Chips und Lichtquellen es gibt und je einfacher die Endoskopie technisch wird, desto mehr wird sie sich wieder durchsetzen. Die Entwicklung geht ziemlich stark in diese Richtung“, meint Worseg. „Durch die Endoskopie hat sich bei vielen Operationen, bei denen man früher große Schnitte setzte, die minimal incision Technik durchgesetzt. Früher war die Schnittlänge für die Plastischen Chirurgen ja nie ein Thema, sondern nur die Güte der Naht, das hat sich durch die Endoskopie geändert.“

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben