zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 28. Februar 2006

Aus der Luft direkt in die Blutbahn

Die Gesundheitsgefährdung durch die Mikropartikel ist wahrscheinlich wesentlich gravierender als allgemein angenommen. Nicht nur Lungenkranke und Groß­städter sind gefährdet. Feinstaub bedroht auch die ländlichen Gebiete. Einen Versuch, die Gefahr in allen Dimensionen zu erfassen, machte die erste deutsche „Feinstaubkonferenz“ an der Berliner Charité.

Nach Schätzungen des Umweltministeriums verursacht Feinstaub in Österreich jährlich mehr als 2.400 so genannte vorgezogene Todesfälle – laut Greenpeace sind es 5.500 –, rund 2.600 Fälle chronischer Bronchitis bei Erwachsenen, mehr als 20.500 Bronchitisfälle bei Kindern sowie mehr als 55.000 Asthma-Anfälle. „Ohne Feinstaub würde sich die Lebenserwartung aller Europäer um rund ein Jahr verlängern“, erklärte Dr. Michal Krzyzanowski, Leiter des Bereichs Luftqualität und Gesundheit bei der WHO, anlässlich der ersten deutschen Feinstaubkonferenz an der Berliner Charité im Dezember. Nicht nur Menschen mit Atemwegserkrankungen sind betroffen, auch für Herz-Kreislauf-Patienten besteht Gefahr. Krzyzanowski verwies auf Studien, nach denen an Tagen mit hoher Schadstoffbelastung die Rate der Klinikaufnahmen, unabhängig von der Diagnose, signifikant steigt. Unter Feinstaub (Expertenkürzel PM 10) versteht man die Luftverunreinigung mit Partikeln bis zu einem Durchmesser von 10 µm. Diese Partikel werden nicht mehr vom Flimmerepithel zurückgehalten und gelangen ungehindert in die Alveolen. Auf gröbere Stäube, die etwa 90 Prozent des Feinstaubs ausmachen, reagiert das Lungengewebe mit einer chronischen Entzündungsreaktion und Krankheiten wie Asthma. Eine noch weniger bekannte Gefahrenquelle ist die Unterfraktion der ultrafeinen Staubpartikel (< 0,1 µm). Sie machen ca. zehn Prozent der Feinstaubbelastung aus.

Immunschwäche durch ultrafeine Stäube

Die Partikel sind so klein, dass sie von den Fresszellen der Epithelgewebe nicht mehr als „feindlich“ erkannt werden. Noch schlimmer: Durch aktive Transportprozesse werden sie von den Schleimhäuten direkt ins Blut befördert. Weil diese Partikel so winzig sind, haben sie eine relativ große Oberfläche und wirken stark antigen. Das Resultat: Das Immunsystem wird irritiert. Eine chronisch diffuse Entzündungsreaktion folgt, vergleichbar mit einer Art Dauergrippe. Das belastet Kreislauf und Immunsystem – keine guten Voraussetzungen gerade für ältere oder kranke Menschen. Die Bedrohung durch diese ultrafeinen Stäube wird nach Ansicht des Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie Prof. Dr. Köhler erst langsam klar. Seit kurzem weiß man, dass Schweißer besonders stark mit ultrafeinen Metallstäuben belastet werden. Dies erhöht ihr Parkinsonrisiko um den Faktor zehn. Der Staub dringt über die Nasenschleimhaut direkt ins Gehirn ein und wirkt dort toxisch.

Keine Messtechnik, keine Grenzwerte

Solange aber noch nicht geklärt ist, welche Unterfraktionen des Feinstaubs am gefährlichsten sind und die Messtechnik fehlt, gibt es Probleme, Grenzwerte festzulegen. „Deshalb lassen sich selbst bei Einhaltung der EU-Grenzwerte die Gesundheitsrisiken durch Feinstaub wahrscheinlich gar nicht senken, solange die kleineren und vermutlich sehr viel gefährlicheren, ultrafeinen Staubteilchen nicht speziell untersucht und gemessen werden“, warnte Dr. Thomas Voshaar, Krankenhaus Bethanien, Moers. In Europa gibt es für den Ultrafeinstaub derzeit noch keine gesetzlichen Grenzwerte, jedoch wird auf EU-Ebene ein maximaler Jahresmittelwert von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter diskutiert. In den USA gilt bereits ein maximaler Jahresmittelwert von 15 Mikrogramm pro Kubikmeter und in Kalifornien sind die Höchstwerte mit 12 Mikrogramm pro Kubikmeter sogar noch strenger. Hauptverursacher der Feinstaubbelastung ist die Industrie. An zweiter Stelle steht der Autoverkehr. Hinzu kommen individuelle Risiken wie Rauchen oder Ofenheizung. Maßnahmen zur Reduzierung der Belastung müssen deshalb auf mehreren Ebenen ansetzen. Der Schutz vor Feinstaub bedeutet eine höchst effektive Gesundheitsprävention, waren sich die Referenten in Berlin einig. Regierungsdirektor Dr. Reinhold Görgen vom Referat Luftreinhaltung des deutschen Bundesumweltministeriums rechnete vor: „Den Aufwendungen für die Umsetzung der Feinstaubvermeidungsstrategie für die Europäische Union von rund sieben Milliarden Euro stehen Einsparungen und Gewinne im Gesundheitsschutz von ca. 42 Milliarden Euro gegenüber.“

Dicke Luft selbst auf dem Land

Vor Feinstaub kann man sich – mit Ausnahme des Rauchverzichts – kaum individuell schützen. Zwar misst man in befahrenen Durchgangsstraßen die höchsten Konzentrationen. Wer aber meint, dass er hinter geschlossenen Wohnungsfenstern sicher ist, irrt. In einer Großstadtwohnung liegt die Belastung bei 70 Prozent der Straßenwerte. Selbst die Flucht aufs Land schützt nicht wirklich. Experten schätzen, dass selbst in ländlichen Gebieten rund ein Drittel der Großstadtbelastung zu messen ist. Feinstaub bleibt eben lange in der Luft und verteilt sich mit dem Wind großräumig über Hunderte Kilometer.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben