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Allgemeinmedizin 28. Februar 2006

ABS wird ab Juli 2006 verpflichtend

Ab 1. Juli dieses Jahres soll das Arzneimittel-Bewilligungs-Service verbindlich eingeführt werden. Das verspricht einige Erleichterungen in der Praxis. Ärzte befürchten allerdings auch eine Entmenschlichung der Vorgänge.

Die Wiener Ärztekammer hat ihren Widerstand aufgegeben: Mit dem Honorarabschluss in der Vorwoche hat sie auch der Einführung des ABS zugestimmt. Damit sollen künftig die Chefarzt-Bewilligungen für Medikamente abgewickelt werden. Und das obwohl wenige Tage zuvor der Stellvertretende Kurienobmann der Niedergelassenen, Dr. Norbert Jachimowicz, gegen-über der ÄRZTE WOCHE noch betont hatte: „Es gibt einen Kammerbeschluss, jeder weiteren e-Card-Applikation vor Ende 2006 nicht zuzustimmen. Es gibt immer noch Pannen. Es ist eine Lüge, dass das System funktioniert. Wir werden erst zustimmen, bis alle Kinderkrankheiten ausgemerzt sind.“ In der Sitzung der Bundeskurie am letzten Samstag stimmte die Wiener Kammer der Einführung mit Anfang Juli dann doch zu. „Wir haben uns auf eine Punkta-tion geeinigt, die wir jetzt noch in einen Vertrag gießen müssen“, sagt Kurienobmann Dr. Jörg Pruckner, einigermaßen überrascht von der „Läuterung“ seiner Wiener Kollegen. Die wesentlichen Punkte der Vereinbarung, die Pruckner mit dem Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger ausgehandelt hatte, sind: Der verbindliche Starttermin des ABS wird von 1. April auf 1. Juli verschoben. Falls die Antwort der Chefärzte in der festgelegten Auskunftszeit länger als 30 Minuten dauert, gilt der Antrag als bewilligt.

Alle Forderungen erfüllt

Die ÖÄK hatte auch darauf bestanden, dass der Name des Chefarztes auf der Ablehnung bzw. Bewilligung aufscheint. Pruckner zeigt sich zufrieden: „Es wurden alle unsere Forderungen erfüllt.“ Eigentlich, so betont man in der Sozialversicherung, hätte man gar keine zusätzliche Vereinbarung mit der Ärztekammer gebraucht. Denn das ABS sei bereits per Verordnung und e-Card-Vertrag beschlossen. Allerdings sei es sehr begrüßenswert, wenn die ÖÄK die konkrete Umsetzung mitgestalte, verlautete es aus den Kassen. Auch Pruckner hält das für wichtig: „Wenn der Hauptverband das alleine durchziehen würde, wäre das Chaos wie bei der Umstellung des Erstattungskodex vorprogrammiert.“

Schon mehr als 1.000 ABS-Ärzte

Österreichweit arbeiten derzeit bereits 1.056 Kassenärzte mit dem ABS. Interessanter Weise sind laut Statistik des Hauptverbandes nur 334 davon offiziell in den Probebetrieb eingebunden. 722 benutzen das ABS unangemeldet. In Vorarlberg und dem Burgenland sind die Ärzte nahezu komplett eingebunden. In Wien arbeiten bereits 206 Ärzte damit. Die durchschnittliche Beantwortungszeit liegt nach offiziellen Angaben derzeit bei elf Minuten. Zum Stichtag 11. Jänner 2006 waren von 4.917 Verordnungs-anträgen 3.987 bewilligt, 930 abgelehnt worden. „Technisch läuft es problemlos“, sagt Dr. Christian Euler, Allgemeinmediziner im Burgenland und Präsident des Hausärzteverbandes. „Man ist uns allerdings sonst viel schuldig geblieben.“ So zum Beispiel die versprochene Vereinheitlichung der Bewilligungspraxis bei den unterschiedlichen Trägern. „Warum kann nicht jeder Chefarzt für jeden Patienten zuständig sein?“ meint Euler. Größtes Unbehagen bereitet ihm allerdings die „Entpersönlichung“ des Vorganges: „Weil Rationierung elektronisch leichter passiert als persönlich.“

„Unsichtbare“ Behöre

Auch der Wiener Allgemeinmediziner, Dr. Hans-Joachim Fuchs, sieht das kritisch: „Die Behörde macht sich unsichtbar. Die Patienten haben nun keine Stelle mehr, wo sie persönlich um ihre Rechte kämpfen können.“ Ärgerlich finden Ärzte auch, dass das ABS nur für Medikamente gilt: Die Bewilligungen für MR, CT und Heilbehelfe können damit derzeit nicht abgewickelt werden. „Das ABS ist ein rein bürokratischer Vorgang ohne formalen Sinn“, hatte auch Jachimowicz wenige Tage vor dem Abschluss noch kritisiert. Er persönlich würde eine einfache Ex-Post-Kontrolle dem Vorbewilligungsprozedere vorziehen. Das Modell der Ober-österreichischen Ärztekammer, die unter anderem – um das ABS zu verhindern – eine Zielvereinbarung mit der Krankenkasse geschlossen hat, hält er aber auch nicht für nachahmenswert: „Eine Koppelung von Medikamenten und Arzthonoraren ist abzulehnen.“ In der Wiener Gebietskrankenkasse erwartet man sich Verwaltungsvereinfachungen durch das ABS. „Wenn die chefärztliche Bewilligung nicht elektronisch abgewickelt wird, dann brauchen wir zusätzliches Personal, um die Daten elektronisch zu erfassen“, sagt WGKK-Sprecher Mag. Jan Pazourek. Ärzten, die nach dem 1. Juli noch Faxe senden, werde man diese auch „individuell in Rechnung stellen.“ Der hohe Bürokratieaufwand käme daher, dass auch viele Anfragen für Präparate aus der hellgelben und grünen Box hereinschneien. „Wir gehen unter in Ansuchen, Faxen und Patientenvorsprachen für Medikamente, die gar keine chefärztliche Bewilligung brauchen. Da müssen Patienten wegen ärztlicher Ignoranz leiden“, meint Pazourek.

Rückzug der Wiener sorgt für Erleichterung

Kurienobmann Pruckner zeigte sich erleichtert, dass die Wiener Ärztekammer nun doch eingelenkt hat. Es sei dem Berufsimage nicht sehr dienlich, wenn Mediziner als EDV-Muffel dargestellt werden. „Durch die dauernde Nörgelei werden die Wiener Kollegen zu Balkanärzten abgestempelt“, hatte er wenige Tage vor der Ku-riensitzung noch gemeint. Dann kam der unerwartet rasche Honorarabschluss zwischen Wiener Ärztekammer und Gebietskrankenkasse und damit auch eine Änderung der Marschrichtung in Sachen ABS.Mag. Andrea Fried n

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche 9/2006

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