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Allgemeinmedizin 27. Februar 2006

Pharmakotherapie beim alten Patienten (Folge 9)

Klinisch relevanter Nutzen einer Behandlung muss im Vordergrund stehen 

Die meisten Medikamente werden für Patienten über 60 Jahre verordnet und mehr als die Hälfte aller Rezepte werden für Patienten über 65 Jahre ausgestellt. Der Bedarf an Medikamenten steigt aufgrund zunehmender Multimorbidität exponential mit dem Alter. Zu beachten ist dabei: Wenn ein Patient mehr als zehn Medikamente nimmt, dann ist das Risiko einer klinisch relevanten Arzneimittelinteraktion nahezu 100 Prozent. 

In US-Spitälern liegen Todesfälle durch unerwünschte Arzneimittelnebenwirkungen und Arzneimittelinteraktionen auf Rang vier der Mortalitätsstatistik. Im Allgemeinen erleiden etwa fünf Prozent der Patienten unter einer medikamentösen Therapie eine unerwünschte Nebenwirkung. Bei älteren Patienten steigt die Nebenwirkungsrate auf 10 bis 15 Prozent. Deshalb sollten, so Prof. Dr. Markus Müller, Universitätsklinik für Klinische Pharmakologie, AKH Wien, bei geriatrischen Patienten in besonderem Maße die "Goldenen Regeln" der Pharmakotherapie eingehalten werden. 

Insbesondere Indikation und Behandlungsziel müssen klar definiert sein. Bei der Planung einer medikamentösen Therapie für hochbetagte Patienten sollte auch überlegt werden, ob auf Grund der Lebenserwartung überhaupt ein klinisch-relevanter Nutzen erzielt werden kann. Alte Patienten zählen ebenso wie Kinder und Schwangere zu den "Therapeutic Orphans", denn viele klinische Studien haben ein Alterslimit von 70 bis 80 Jahren. Die verfügbare Datenmenge über Pharmakotherapie bei hochbetagten Menschen ist daher äußerst limitiert. 

Pharmakokinetisch verringert sich bei älteren Menschen das Verhältnis von Körperwasser zu Körperfett. Damit steigt auch die Gefahr toxischer Konzentration für wasserlösliche, vorwiegend extrazellulär sich verteilende Arzneimittel. Von eminenter Bedeutung ist die Abnahme der renalen Clearance mit zunehmendem Alter. Ähnlich wie bei Kindern gibt es auch Änderungen im Ansprechverhalten von Rezeptoren. Bekanntermaßen reagieren ältere Menschen auf Schlafmittel (Benzodiazepine) gelegentlich paradox. Auf Opiate hingegen reagieren ältere Menschen oft empfindlicher als jüngere Patienten.

Mit Hilfe von Nootropika wird immer wieder versucht, die kognitive Leistungsfähigkeit von dementen Patienten zu verbessern. Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger lehnt jedoch die Kostenübernahme von zum Beispiel Gingko-Präparaten seit einigen Monaten mit der Begründung ab, dass für diese keine eindeutige Evidenz für relevante therapeutische Wirksamkeit aus klinischen Studien vorliegt. Müller: "Ein tatsächlicher signifikanter oder gar relevanter Nutzen ist für viele Nootropika nicht nachzuweisen. Die einzige Substanzklasse mit signifikantem und fraglich relevantem klinischen Nutzen ist die Klasse der Acetylcholinesterase-Inhibitoren. Da Nootropika, wenn überhaupt, nur einen geringen klinischen Effekt besitzen, aber durchaus ein beachtliches Nebenwirkungs- und Interaktionspotenzial vorliegt, sollten sie eher zurückhaltend angewendet werden."

Dr. Wolfgang Steflitsch, Ärzte Woche 33/2002

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