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Allgemeinmedizin 27. Februar 2006

Sattelfest in der Arzneimittellehre (Folge 1)

In der Klinischen Pharmakologie treten Fragen der Nutzen-Risiko-Abschätzung und der Pharmakoökonomie verstärkt in den Vordergrund

Die Ergebnisse der experimentellen und der klinischen Pharmakologie bestimmen die Planung und Durchführung medikamentöser Behandlungen. Doch auch auf diesem Fachgebiet ist der jährliche Wissenszuwachs enorm. In Zusammenarbeit mit österreichischen Experten entstand eine Serie, in der wir Ihnen "praxisnahe Pharmakologie für Fortgeschrittene" bieten möchten. (Als Fortgeschrittene gelten wohl alle MedizinerInnen, da sie ein schwieriges Pharmakologie-Rigorosum erfolgreich bestanden haben!). Wir haben auf der Basis pharmakologischen Grundwissens wichtige, interessante und aktuelle Informationen aufbereitet und möchten so einen Beitrag zur praktischen Umsetzung einer Evidence-based Medizin leisten. Lesen Sie zur Einstimmung in unsere neue Serie ein Interview mit Prof. Dr. Hans-Georg Eichler, Vorstand der Universitätsklinik für Klinische Pharmakologie, AKH Wien.

Welcher Aufgabenbereich kann der Klinischen Pharmakologie zugeordnet werden?

Eichler: Die Klinische Pharmakologie ist jene Wissenschaft, die sich mit der Wirksamkeit von Arzneimitteln am Menschen beschäftigt. Eine Domäne der Klinischen Pharmakologie ist die Durchführung klinischer Studien an gesunden Probanden und an Patienten. Hier grenzen wir uns von der Experimentellen Pharmakologie ab, die Grundlagenforschung und Studien am Tier durchführt. Die zweite Domäne der Klinischen Pharmakologie betrifft den praktischen Einsatz der Arzneimittel am Menschen. Hierbei geht es darum, das richtige Arzneimittel in der richtigen Dosierung zum richtigen Zeitpunkt dem richtigen Patienten für die richtige Erkrankung zu geben. In diese praktische Umsetzung der Klinischen Pharmakologie spielen zahlreiche aktuelle Aspekte hinein, zum Beispiel rationale und ökonomische Verschreibungsweise unter Berücksichtigung der pharmakologischen Unterschiede der für die jeweilige Indikation zur Diskussion stehenden Arzneimittelklassen.

Welche pharmakologischen Aspekte sind von entscheidender Bedeutung für die Arzneimitteltherapie, wie sie von ÄrztInnen verordnet wird?

Eichler: Für die in der Praxis tätige Ärzteschaft sind Fragen der klinischen Erforschung wahrscheinlich nicht von so vorrangiger Bedeutung wie Aspekte des praktischen Einsatzes von Arzneimitteln. Dabei sind in letzter Zeit zwei Fragenkomplexe stark in den Vordergrund gerückt. Der erste Fragenkomplex betrifft die Nutzen/Risiko-Abschätzung. In den vergangenen Jahren mussten mehrere Arzneimittel vom Markt genommen werden, weil es schwerste Nebenwirkungen und auch Todesfälle gab. Diese Ereignisse führten in der Öffentlichkeit und in der Ärzteschaft zum Hinterfragen über die Sinnhaftigkeit von medikamentösen Verordnungen. Der zweite Fragenkomplex beschäftigt sich mit der Pharmakoökonomie. Dabei ist zu klären, welche Arzneimittel mit positivem Nutzen/Risiko-Verhältnis sollen die Patienten im österreichischen Gesundheitssystem zur Verfügung  haben. An diesen beiden Fragenkomplexen haben sich in den vergangenen Jahren heftige Diskussionen entzündet und die Ärzteschaft sollte bei diesen Themen "sattelfest" sein.

Wie verhält es sich in dieser schwierigen Materie mit der Aufklärungspflicht des Arztes?

Eichler: Die Aufklärungspflicht des Arztes hat bereits jetzt einen sehr hohen Stellenwert, umso wichtiger sind profunde und aktuelle Kenntnisse über die Wirkungen, unerwünschten Nebenwirkungen und Interaktionen von Arzneimitteln. Theoretisch müsste der Arzt den Patienten über alle zu erwartenden, klinisch relevanten Nebenwirkungen aufklären. In der Praxis wird eine so umfassende Aufklärung nicht immer möglich sein. Es wird allerdings immer wichtiger werden, dass der Arzt den Patienten darüber informiert, dass die empfohlenen Arzneimittel nicht nur die gewünschte Wirkung, sondern auch unerwünschte Nebenwirkungen zeigen können. In den USA werden immer öfter Ärzte geklagt, weil Nebenwirkungen aufgetreten sind und die betroffenen Patienten behaupten, über die Möglichkeit des Auftretens solcher Nebenwirkungen nicht aufgeklärt worden zu sein. Wir befinden uns damit am Beginn der Ära einer so genannten "defensiven Medizin".

Schützt die dem Arzneimittel beigelegte Patienteninformation den Arzt vor dem Vorwurf einer ungenügenden Aufklärung über unerwünschte Nebenwirkungen?

Eichler: Der Arzt sollte den Patienten auf die schriftliche Patienteninformation hinweisen. Sie enthebt den Arzt jedoch nicht von seiner Verpflichtung zur mündlichen Aufklärung. Die schriftliche Patienteninformation kann den Arzt aber nicht ersetzen.

Wie lässt sich bei der Fülle an unterschiedlichen, aber auch ähnlichen Arzneimitteln für den Arzt ein überschaubares Arzneimittel-Sortiment zusammenstellen?

Eichler: Die Bewältigung dieser Aufgabe wird für den Arzt immer schwieriger werden. Eine umfassende Auseinandersetzung mit allen Arzneimitteln übersteigt jede Kapazität. Mein Rat wäre, für jede Indikation einige wenige Arzneimittel gut kennen zu lernen und nicht zwischen mehreren Präparaten grundlos hin und her zu springen. Dieser Rat ist für manche Arzneimittelklassen besser anwendbar als für andere. Ein gutes Beispiel für die Anwendung dieser Strategie sind die ACE-Hemmer. Es gibt keine Evidenz dafür, dass der eine oder andere ACE-Hemmer wesentliche Patientenvorteile hätte. Bei Antibiotika oder Antidepressiva ist die Situation schwieriger. Aber der Versuch lohnt sich trotzdem. Die Zukunft wird es aber sicher noch stärker mit sich bringen, dass es bestimmte Verschreibungen nur mehr für Spezialisten gibt. Das gilt zum Beispiel schon jetzt für gewisse Arzneimittel aus dem Bereich der Onkologie oder Neurologie.

Dr. Wolfgang Steflitsch, Ärzte Woche 21/2002

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