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Allgemeinmedizin 14. Februar 2006

Reanimation bekommt einen neuen Rhythmus

Für die Reanimation wird nun weltweit ein „neuer Rhythmus“ mit 30 Herzdruckmassagen und zwei Beatmungen empfohlen. Das bedeutet auch dringenden Schulungsbedarf, vor allem für Ärzte und Sanitäter.

Der plötzliche Herztod ist eine der Haupttodesursachen in Europa. In Österreich gibt es rund 40.000 Herz-Kreislauftote pro Jahr, davon sterben etwa 15.000 Menschen außerhalb eines Krankenhauses. Seit der Jahrtausendwende galten Leitlinien für die Reanimation, die vom European Resuscitation Council gemeinsam mit der American Heart Asssociation und anderen internationalen Reanimationsgesellschaften beschlossen wurden. „Diese 2000-er Guidelines brachten allerdings bei weitem nicht den gewünschten Erfolg. Nach wie vor ist die Zahl der Überlebenden ohne neurologische Schäden viel zu gering“, berichtet Dr. Heinz-Peter Slatin, Chefarzt des Roten Kreuzes. In den neuen, von den gleichen Gremien weltweit beschlossenen Leitlinien vom November 2005 wird der Weg der Vereinfachung von Anweisungen konsequent weiter verfolgt. Mehr noch: „Es ist ein radikales Überdenken, ein Neubeginn, basierend auf aktuellsten Erkenntnissen“, sagt Doz. Dr. Michael Baubin, Vorsitzender des Austrian Resuscitation Council. Die wichtigste Neuerung in den Leitlinien: Die Anzahl der Herzdruckmassagen wird deutlich erhöht. Empfohlen wird nun ein Rhythmus von 30 Kompressionen zu zwei Beatmungen. Auch beim Einsatz von Defibrillatoren gilt nun: Die Zeit, in der keine Herzdruckmassage erfolgt, soll drastisch verkürzt werden. Eine aktuelle Studie, die sowohl prä- als auch innerklinische Herz-Kreislaufstillstände analysiert, zeigt: Die Hands-off-Zeiten betragen bis zu 50 Prozent der gesamten Reanimationsperiode. „Selbst wenn die Analysezeit beim Einsatz automatisierter Defibrillatoren berücksichtigt wird, liegt dieser Wert bei etwa 38 Prozent“, Baubin. Obwohl schon im Jahr 2000 die Richtlinien für Reanimation stark vereinfacht wurden, konnte die Anzahl der Patienten, die den Kreislaufstillstand ohne neurologische Schäden überlebten, kaum verbessert werden. „Ein wesentliches Ziel der nun weltweit geltenden Richtlinie ist, die no-flow-time zu verringern“, erklärt Slatin. Auch aus Baubins Sicht vergeht viel zu viel Zeit ohne Herzdruckmassage: „Das beginnt bereits damit, dass laut der alten Lehrmeinung zwei Beatmungen am Anfang der Reanimation stehen. Viele Ersthelfer haben Angst oder ekeln sich vor dem direkten Körperkontakt. Wertvolle Zeit geht verloren, das Blut wird nicht mehr zu Herz und Hirn transportiert.“ Die neue Leitlinie lautet daher: 30 Herzdruckmassagen zu zwei Beatmungen.

Thoraxkompression vorrangig

Die Thoraxkompressionen sind wichtiger als die initiale Ventilation, da beim nicht-asphyktischen Kreislaufstillstand während der ersten Minuten der Sauerstoffgehalt im Blut hoch bleibt und die myokardiale und cerebrale Sauerstoffversorgung eher von der verringerten kardialen Auswurfleistung als von einem Sauerstoffmangel in den Lungen begrenzt wird. „Sehr viel Zeit vergeht auch auf der Suche nach dem Puls oder beim Auffinden des ‚ganz korrekten’ Druckpunktes am Thorax“, so Baubin. „In den neuen Leitlinien wird als Druckpunkt die ‚Mitte des Brustkorbs‘ empfohlen und gelehrt.“ Essentielle Neuerungen gibt es auch beim Einsatz von Defibrillatoren. Das Ziel ist das gleiche: die drastische Reduzierung der Hands-off-Zeit. Baubin: „In Zukunft wird nur mehr ein einzelner Defibrillationsschock abgegeben werden; mindestens 150 J biphasisch oder 360 J monophasisch, sofort gefolgt von zwei Minuten ununterbrochener CPR 30:2. Man überprüft nach dem Schock nicht mehr die Beendigung des Kammerflimmerns, Lebenszeichen oder den Puls. Dazu müssen aber die automatisierten Defibrillatoren in ihrer Sprachführung umprogrammiert werden.“

Gesundheitspolitische Konsequenzen

Durch die neuen Leitlinien entsteht ein hoher Bedarf an Informations- und Schulungsmaßnahmen auf allen Ebenen des Gesundheitswesens, aber auch für die Allgemeinheit. Baubin und Slatin sehen darin zugleich eine Chance, Erste Hilfe und besonders Reanimation wieder stärker zum Thema zu machen. „Der Österreichische Rat für Wiederbelebung bekennt sich zu den neuen Reanimationsmaßnahmen. Nötig sind jedoch auch finanzielle Mittel, um die erforderlichen Schulungen rasch durchführen zu können und die Informationsmaterialien zu adaptieren“, betont Baubin. Ihm sind aber auch weitergehende Maßnahmen wichtig: „Obwohl sich bereits einiges verbessert hat, müssten sowohl Medizinstudenten als auch Ärzte und Pflegepersonal intensiver für Reanimation und Notfälle geschult werden. Nötig sind weiters entsprechende einheitliche innerklinische Richtlinien, die mit verpflichtenden Refresherkursen verknüpft sind.“ Baubin plädiert für eine Optimierung des gesamten innerklinischen Notfallmanagements: „Das neue Qualitätssicherungsgesetz bietet die Möglichkeit, die in den rezenten Leitlinien empfohlenen Strukturänderungen auch tatsächlich in die Realität umzusetzen. Die ärztliche und diplomierte Kollegenschaft kann nicht gemäß dem neuesten medizinischen Wissensstand agieren, wenn die entsprechenden Grundstrukturen nicht vorhanden sind.“ Außerdem wäre eine einheitliche Dokumentationspflicht für alle Notfälle im und außerhalb des Spitals mit einer österreichweiten Datenbank notwendig. Slatin kann sich auch vorstellen, dass es für die Bevölkerung mehr Auffrischungskurse gibt: „Spätestens ein halbes Jahr nach der Führerscheinprüfung haben viele die wichtigsten Inhalte wieder vergessen, einfach weil sie nicht praktiziert werden.“ Die englische Version der Leit-linien steht im Internet kostenlos zur Verfügung (www.erc.edu), mit der Übersetzung ins Deutsche wurde begonnen.

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