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Allgemeinmedizin 25. Jänner 2006

Ein akademischer Handwerksberuf (Folge 27)

Ohne manuelle Begabung ist der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg zum Scheitern verurteilt. Eine gute Konstitution ist ebenfalls von Vorteil: Operationen dauern im Schnitt mehr als neun Stunden. Auch die Ausbildung fordert einiges: So muss eine Doppelapprobation in Medizin und Zahnmedizin absolviert werden.

„Es gibt ohnehin keine faulen Mediziner“, sagt Prof. DDr. Rolf Ewers, Vorstand der Universitätsklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am AKH-Wien, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. „Aber: Wer Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurg werden will, muss besonders fleißig sowie bereit und fähig zur interdisziplinären Zusammenarbeit sein.“

Was sind die Herausforderungen der Ausbildung in Ihrem Fach?
Ewers: Sie müssen für dieses Fach Medizin und Zahnmedizin studieren. Das ist die eine Hürde, denn allein das Studium dauert damit schon mindestens neun Jahre: sechs Jahre Medizin und drei Jahre Zahnmedizin. Nach dieser langen Grundausbildung folgt eine dreijährige Ausbildung im Fach und ein Jahr Gegenfächer. Sie kommen damit auf eine reine Ausbildungszeit von 13 Jahren.Das Sprichwort von „overtrained und underpayed“ trifft auf die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie sicher in besonderem Maße zu. Die zweite Hürde ist die Notwendigkeit manueller Begabung: Intelligent zu sein allein reicht nicht, sie müssen auch manuell begabt sein. Denn unser Fach besteht zum überwiegenden Teil aus manuellen Tätigkeiten. Wer dafür keine Begabung oder daran kein Interesse hat, ist in unserem Fach sicher an der falschen Adresse. Nicht zuletzt kann die Notwendigkeit zur Interdisziplinarität eine dritte Hürde bilden: Wir müssen mit anderen Fächern eng kooperieren, etwa mit den plastischen Chirurgen, den Radiologen und Onkologen und den Neurochirurgen, beispielsweise bei craniofaszialen Operationen an Kindern. „Schrebergartendenken“ ist dabei nicht angebracht. Im AKH funktioniert die interdisziplinäre Zusammenarbeit ausgezeichnet. Ich bin der Junior-partner von der Orthopädie und der Unfallchirurgie, und gemeinsam bilden wir die so genannte „dritte Knochenklinik“.

Welche Besonderheiten bietet das Fach Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie?
Ewers: Die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie ist zum „Knochen“ tendiert. Im Unterschied zu vielen plastischen Chirurgen „bauen wir zuerst das Fundament auf und streichen dann die Wand“, während die plastische Chirurgie in vielen Fällen „nur die Wand streicht“, ohne „Fundament“. Die Rekonstruktion nach Unfällen und Tumoren ist sicher unsere größte Herausforderung. Ich beschäftige mich seit 20 Jahren mit auflösbaren Osteosynthese-Materialien, mit regenerierbarer Medizin. Unser Zukunftstraum ist, alle Unfallfolgen und Auswirkungen von Tumorentfernungen mittels
rekonstruktiver Eingriffe und aus Stammzellen gewonnenem Knochen und Hautgewebe zu beheben. Die Transplantationen, die wir heute durchführen, sind ebenfalls ein interessantes Gebiet. Ein Beispiel dafür ist die erste Gesichtstransplantation, die vor kurzem in Frankreich durchgeführt wurde. Das ist bestimmt noch nicht das Ende der Entwicklung.

Was begeistert Sie an Ihrem Fachgebiet?
Ewers: Mich hat immer die Kombination aus Medizin und Zahnmedizin fasziniert. Zudem wollte ich unbedingt mikrochirurgisch arbeiten. Nicht zuletzt spielen die Patienten eine maßgebliche Rolle: Wir haben es in vielen Fällen mit Patienten zu tun, denen wir wieder zu voller Gesundheit verhelfen können. Wenn Patienten zu mir kommen, stelle ich die Diagnose, sehe sie im OP, ziehe zehn Tage später die Fäden – und habe einen glücklichen und gesunden Patienten. Auch unsere Tumorpatienten sind fast immer glückliche, dankbare Menschen. Das finde ich an unserem Fach sehr schön.

Was waren die größten Veränderungen im Fach in den vergangenen 20 Jahren?
Ewers: Die größte Veränderung ist sicher die Transplantatchirurgie, die uns eine feinere und gleichzeitig auch radikalere operative Technik ermöglicht hat. Auch die Dia-gnostik hat sich verbessert. Als ich in Freiburg als Facharzt anfing, betrug die Überlebensrate nach Mundschleimhautkarzinom 13 Prozent, heute liegt sie bei 82 Prozent. Wir können heute präziser und radikaler operieren, weil wir Gewebe und Knochen rekonstruieren können. Das ist der große Fortschritt.

Welche Eigenschaften zeichnen einen guten Facharzt für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie aus?
Ewers: Nur ein guter Mensch kann auch ein guter Arzt sein. Das ist die Grundvoraussetzung. Das zweite ist eine hervorragende Ausbildung. Erfolgreich kann nur jener Kollege sein, der gutes Grund- und Fachwissen hat und manuell begabt ist.

Was ist im Fach als besonders „anstrengend“ zu bezeichnen?
Ewers: Wir operieren alles mikro-chirurgisch, das bedeutet extrem lange Operationszeiten. Wir machen von außen nur kleine Stich-inzisionen und operieren dann alles transbukal. Durchschnittlich dauern unsere Operationen neun Stunden, sie können aber leicht auch 18 oder 24 Stunden erfordern. Das ist sehr belastend, vor allem für die älteren Kollegen. Eine gute körperliche Konstitution ist dafür auf jeden Fall notwendig. Mediziner sind nie faul, sonst würden sie nicht Medizin studieren. Jemand, der etwas bequemer ist, entscheidet sich sicher nicht für die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie.

Wie ist derzeit die Ausbildungssituation?
Ewers: Wir haben in Österreich vier Universitätskliniken: Wien, Graz, Salzburg und Innsbruck sowie Abteilungen in Wels, Klagenfurt und Feldkirch. Es gibt rund 30 Ausbildungsstellen. Für jede Stelle gibt es etwa zwei bis drei Bewerber. Wenn jemand Kieferchirurgie machen will und einigermaßen gut ist, muss er sicher nirgends jahrelang auf einen Ausbildungsplatz warten.

Wie stehen die Chancen für fertig ausgebildete Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen?
Ewers: Das Fach in seiner ganzen Breite bietet natürlich nur eine Klinik, und da sind die vorhandenen Stellen begrenzt. Sie können sehr gut werden und den Chefsessel oder einen Oberarztposten anstreben, aber da ist die Luft natürlich dünn. Wer kleine Kieferchirurgie machen will, hat auch die Möglichkeit der Niederlassung. Hier bewährt sich die Ausbildung in Zahnmedizin. Da gibt es gute Chancen.

Welche Veränderungen bringt die Novelle zur Ausbildungsordnung?
Ewers: In der neuen Ausbildungsordnung wird die Doppelapprobation offiziell festgeschrieben. Das halte ich für sehr gut, denn nur sie gewährleistet eine umfassende Ausbildung im Fach. Wir wissen allerdings in Europa nicht, ob das auch so bleiben wird. Nicht alle Länder schreiben die Doppelapprobation vor, in den USA zum Beispiel gibt es diese nicht, dort sind alle Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen ausgebildete Zahnärzte. Wohin bei uns der Weg gehen wird, weiß derzeit niemand. Ich würde am derzeitigen Ausbildungssystem überhaupt nichts ändern, weil es für unser Fach der Idealzustand ist. Veränderungen würden sicher nur nach unten nivellieren, davon halte ich gar nichts.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE WOCHE-Serie werden nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

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Sabine Fisch, Ärzte Woche 4/2006

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