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Allgemeinmedizin 1. Februar 2006

„Ein Garten voller seltener Blumen“ (Folge 28)

Viele neue Tests, die Fachärzte für Neurobiologie entwickeln oder verbessern, bringen die Diagnostik im Bereich neurologischer Erkrankungen einen Schritt weiter. Dabei geht es nicht um l`art pour l`art, vielmehr stehen Sinnhaftigkeit und Anwendungsmöglichkeiten neuer Untersuchungsparameter im Vordergrund.

Das Sonderfach Neurobiologie ist ein Exot innerhalb der EU-Länder (siehe Kasten). Über die Sinnhaftigkeit dieses Facharztes berichten der Doyen der österreichischen Neurobiologie, em. Prof. Dr. Hans Bernheimer, und der Stellvertretende Vorstand des Klinischen Instituts für Neurologie (KIN), Prof. Dr. Johannes Hainfellner, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE. Das breite Spektrum der Neurobiologie umfasst Forschungs- und Laborarbeit ebenso wie eine multidisziplinäre Kooperation und internationale Netzwerkarbeit.

Warum gibt es eigentlich einen Facharzt für Neurobiologie?
Bernheimer: Auf Grund des Hochschullehrerdienstrechts wurde es vor einigen Jahren notwendig, auch in nicht-klinischen Fächern eine Facharztausbildung absol-vieren zu können. Auf dem Gebiet der Neurowissenschaften wurde die Neurobiologie als Überbegriff gewählt, um alle Teilgebiete, wie Neurochemie, Neuroimmunologie, Neuropharmakologie, Neurogenetik, Neurophysiologie etc. in ein Fach einbinden zu können.

Welche Herausforderungen bietet die Neurobiologie für interessierte Mediziner?
Hainfellner: Die Schwerpunkte unserer Institution sind die Erforschung neurodegenerativer Erkrankungen einschließlich der Prionenerkrankungen, neurometabolische Erkrankungen sowie die Neuroonkologie. Der Bogen spannt sich vom Verständnis der Ursachen bis zur Entwicklung diagnostischer Tests, von der Grundlagenforschung bis zur klinischen Anwendung. Die Ausbildung ist interdisziplinär und sehr breit. Es sind Kenntnisse in Biochemie, Physiologie, Molekulargenetik, Neurogenetik, Neurochemie, Neuroimmunologie, Neurologie, pädiatrischer Neuro-logie und Metabolik notwendig. Das stellt für sich genommen schon eine Herausforderung dar.

Was begeistert Sie an Ihrem Fachgebiet?
Hainfellner: Neurobiologen arbeiten auf den Gebieten der Grundlagen- und angewandten medizinischen Forschung. Wir entwickeln neue Testverfahren, bei denen zwei Fragen an erster Stelle stehen: Hat dieser Test klinische Relevanz? Bringt er die Diagnostik voran? Unser Institut wird gern als „Orchideenladen“ bezeichnet. Jeder Biomarker, den wir finden, ist eine „seltene Blume“. Erst die Abklärung, ob ein solcher Marker klinisch-diagnostisch oder als Therapie-Monitor verwendbar ist, führt zur Implementierung eines neuen Tests im klinischen Bereich. Bernheimer: Wir sind in Österreich derzeit die einzigen, die etwa Diagnostik bei Prionenerkrankungen durchführen. Das Gleiche gilt für die Labordiagnostik der so genannten „Paraneoplastischen Neurologischen Syndrome“. Darüber hinaus gelten wir auch im Bereich einer Reihe von erblichen Stoffwechselerkrankungen als zentrale Anlaufstelle für das ganze Land.

Welche waren in den vergangenen drei Jahrzehnten die größten Veränderungen im Fach?
Hainfellner: Dazu zähle ich die Forschungsarbeiten von Prof. Dr. Hans Lassmann vom Zentrum für Hirnforschung im Bereich der Multiplen Sklerose. Er konnte zeigen, dass es verschiedene Subtypen der Erkrankung gibt, die im Gewebe nachweisbar sind. Das bedeutet: MS ist nicht gleich MS, und hat selbstverständlich direkte Auswirkungen auf die Therapie. Bernheimer: Bei bestimmten erblichen Stoffwechselerkrankungen sind spezifische Enzyme defekt. Hier bedeutet es eine Herausforderung, diese Enzyme gentechnisch herzustellen, den Patienten zu verabreichen und damit therapeutische Erfolge zu erzielen. Dies ist beispielsweise bei der Gaucher- sowie der Fabry-Erkrankung bereits gelungen und stellt einen Meilenstein in der Therapie dar. Freilich ist das Problem der Pas-sage durch die Blut-Hirnschranke noch nicht gelöst – ein wichtiges Thema für weitere neurobiologische Forschungen.

Welche Herausforderungen kommen auf die Neurobiologie in den nächsten Jahren zu?
Hainfellner: Das Fach ist noch jung. Wir müssen Strukturen bilden, wie etwa eine Standesvertretung in der Ärztekammer und eine eigene Fachgesellschaft für Neurobiologie, um die Anliegen unseres Faches in Zukunft besser durchsetzen zu können. Bernheimer: Fachlich wird es in Zukunft darum gehen, die vielen möglichen Untersuchungspara-meter in ein sinnvolles Diagnose-„gerüst“ einzubauen. Welche Rolle spielen welche Untersuchungen in welchem Zusammenhang? Wann soll welcher Test angewendet werden? Jede Untersuchung führt sozusagen zu einem Ergebnis, aber: Hat dieses Ergebnis auch diagnostische und/oder therapeutische Relevanz? Das sind Fragen, die wir Neurobiologen uns immer wieder stellen.

Welche Eigenschaften zeichnen gute Fachärzte für Neurobiologie aus?
Bernheimer: Man braucht Interesse an den vielfältigen Aspekten des Nervensystems, Lernbereitschaft und Ausdauer, Geduld und Frustrationstoleranz und nicht zuletzt Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit mit anderen klinischen und nicht klinischen Disziplinen. Ein Neurobiologe muss auf jeden Fall ein „Networker“ sein, denn die Erkrankungen, die wir erforschen, sind oft extrem selten. Schon um eine ausreichende Fallzahl für entsprechende Studien aufbringen zu können, ist die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen, national wie international, unbedingt erforderlich. Hainfellner: Das Fach ist extrem komplex, davon darf und soll man sich aber nicht abschrecken lassen. Es geht einfach darum, sich in dieser Komplexität zurecht zu finden und seinen „Platz“, seine individuelle Spezialisierung zu finden.

Wie gestaltet sich die Ausbildung und welche Gegenfächer sind zu absolvieren?
Hainfellner: Die Ausbildung im Fach dauert vier Jahre, dazu sind zwei Jahre Gegenfächer aus dem klinischen Bereich zu absolvieren. Der Arzt in Ausbildung lernt, labor-analytisch und diagnostisch tätig zu sein. Die Schwerpunkte liegen auf der Neurochemie, Neuroimmunologie und -genetik sowie der Neurophysiologie mit Schnittpunkten zur Neuropathologie. Da wir eine unversitätsgebun-dene Institution sind, ist die wissenschaftliche Forschung schon während der Ausbildung eine Conditio sine qua non. Dabei steht die Entwicklung neuer Testverfahren für die Anwendung in der Praxis im Vordergrund.

Wie viele Ausbildungsplätze sind vorhanden?
Bernheimer: Das Klinische Institut für Neurologie (KIN) ist derzeit österreichweit die einzige von der Ärztekammer approbierte Ausbildungsstätte zum Facharzt für Neurobiologie. Um die Ausbildungs-berechtigung zu erhalten, müssen an einem Institut mindestens zwei Fachärzte für Neurobiologie tätig sein. Das ist derzeit nur am KIN der Fall. Das KIN bietet zwei Ausbildungsstellen, die derzeit allerdings besetzt sind.

Wie stehen derzeit die beruflichen Chancen für fertig ausgebildete Fachärzte in der Neurobiologie?
Hainfellner: So wie in allen anderen Sonderfächern der Medizin, sind auch Fachärzte für Neurobiologie zur selbständigen Berufsausübung mit den Möglichkeiten eigenverantwortlicher Gutachtertätigkeit sowie der Niederlassung berechtigt. Zurzeit sind in Österreich sechs Fachärzte für Neurobiologie an den Universitäten tätig, das Fach präsentiert sich derzeit noch als unversitätsgebunden. Die Tätigkeit des Facharztes für Neurobiologie wird zukünftig über die Erforschung des komplexen Aufbaus und der vielschichtigen Funktionen des Nervensystems hinaus auf die Beantwortung krankheitsrelevanter spezialisierter Fragestellungen aus vielen Interessensgebieten gerichtet sein. Das betrifft die Neuroonkologie, Neurochemie, Neurogenetik, Neuroendokrinologie und spezielle Labordiagnostik.

Anmerkung der Redaktion: In den Beiträgen dieser ÄRZTE-WOCHE-Serie werden nur die Termini „Arzt“ und „Ärzte“ verwendet. Selbstverständlich sind damit Berufsangehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies gilt auch für andere Begriffe mit geschlechtsspezifischer Ausprägung.

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Sabine Fisch, Ärzte Woche 5/2006

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