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Allgemeinmedizin 1. Februar 2006

Zaghaftes Ja zur Komplementärmedizin

In der Schweiz wurde ein Volksbegehren initiiert, das die Aufnahme der Komplementärmedizin in die Verfassung zum Ziel hat. Ein Besuch des Vorsitzenden des Lenkungsausschusses dieser Initiative, Dr. Lukas Rist, war für die Wiener Internationale Akademie für Ganzheitsmedizin Anlass zu einer Diskussion über den „Beitrag der Komplementärmedizin zu einem modernen Gesundheitssystem“.

Die Schweizer Initiative konnte innerhalb eines Jahres 140.000 Unterschriften sammeln. Rist definiert die Komplementärmedizin als Erfahrungsheilkunde. Individualität, Ganzheitlichkeit und die aktive Einbeziehung des Patienten nennt er als wichtigste Merkmale.

Bedrohung durch Liberalisierung

„Die Vielfalt an verschiedenen Heilmitteln und Methoden muss in einem legalen Umfeld angeboten werden“, fordert Rist. Derzeit sei die Komplementärmedizin in der Schweiz von einer völligen Liberalisierung bedroht. „Der Patient hätte keine Gewähr über die Ausbildung der Anbieter“, warnt der Schweizer Experte. In dem großen „Programm Evaluierung Komplementärmedizin (PEK)“ übernahm die Schweizer Grundversicherung vom 1.7.1999 bis 30.6.2005 die Kosten für anthroposophische und chinesische Medizin sowie für Homöopathie, Neuraltherapie und Phytotherapie. Ein Resultat war die höhere Zufriedenheit der komplementärmedizinisch betreuten Patienten gegenüber den schulmedizinisch behandelten bei vergleichbaren Kosten trotz schwererer und mehr chronischer Erkrankungen. Dieses Ergebnis war politisch nicht von allen erwünscht. Rist: „Als sich abzuzeichnen begann, dass die Resultate für die Komplementärmedizin positiv ausfallen, kamen immer mehr Interventionen von politischer Seite.“ Entgegen den Abmachungen wurden die Ergebnisse nicht veröffentlicht und öffentlich diskutiert. Vielmehr entschied der zuständige Bundesrat Couchepin, das Programm nicht mehr fortzusetzen und die Komplementärmedizin wieder aus dem Kassenkatalog zu streichen. Prof. Dr. Christian Reiter, Pathologe und Präsident des Dachverbandes der österreichischen Ärzte für Ganzheitsmedizin, fürchtet, dass die Reaktionen in Österreich durchaus ähnlich ausfallen könnten. Für ihn liegt der größte Unterschied zwischen Kassenpatienten und Patienten der Komplementärmedizin im Gesundheitsbewusstsein der Letzteren. „Das hat auch viel mit dem menschlichen Umgang zu tun“, sagt Reiter. „Den sollten sich die Schulmediziner verstärkt auf die Fahnen heften.“

Universitäre Impulse

Er selbst bemühe sich seit Jahren, komplementärmedizinische Methoden in die Lehre einzubringen, an der Universität Wien gebe es diesbezüglich auch Erfolge. Die Komplementärmedizin müsse in Österreich ärztliche Tätigkeit bleiben, und die Qualität müsse kontrolliert werden.

Klare Indikationen festlegen

Am Punkt Diagnosen setzt Dr. Gabriele Payer-Neundlinger, Ärztin für Allgemeinmedizin, Komplementärmedizinerin und Mitglied des Obersten Sanitätsrates, an: „Häufig ist die Indikation für die Anwendung der Komplementärmedizin, dass schulmedizinisch keine klare Diagnose gestellt werden kann, weil nur unspezifische Beschwerden vorliegen.“ Ihr liegt die exakte Indikationsstellung am Herzen und die Erforschung der Grenzen der Anwendbarkeit der jeweiligen Methoden. „Wir können auch nicht so tun, als gäbe es keine nicht ärztlichen Therapeuten“, betont Payer-Neundlinger. Diagnostik und Indikationsstellung müssten in den Händen der Ärzte bleiben. Manche Anwendungen könnten, wie auch am Beispiel Physiotherapie seit vielen Jahren erprobt, durchaus von anderen Gesundheitsberuflern aus-geübt werden.

Vorgaben für Kostenerstattung

Für Prof. Dr. Klaus Klaushofer, beratender Chefarzt des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, steht der sachliche Dialog im Vordergrund. Die Kostenerstattung könne aber nur gegen Nachweis eines über den Placebo-Effekt hinausgehenden Patientennutzens erfolgen. Sonst wäre das Solidarsystem schnell überfordert. Für Prof. Dr. Heinrich Salzer, Vorstand der gynäkologischen Abteilung des Wilhelminenspitals Wien, ist wichtig, den Wunsch der Patienten nach Komplementärmedizin zu respektieren, damit sie nicht „abgleiten“ und womöglich in die Hände von Scharlatanen geraten. 70 bis 80 Prozent der Krebspatienten auf seiner Station äußerten den Wunsch nach solcher Behandlung. Studien zum Thema scheiterten nicht nur am Geld, sondern nicht zuletzt an den Schulmedizinern selbst. Bei einer randomisierten Studie über Selen als Zusatztherapie bei Krebspatienten hätten die schulmedizinischen Kollegen die Zusammenarbeit abgelehnt.

Asymmetrie der Möglichkeiten

Einen anderen Punkt, der wissenschaftliche Studien auf dem Gebiet erschwert, erläuterte PD Dr. Dieter Melchart, Lehrbeauftragter an der TU München und der Universität Zürich und Verfasser des Schlussberichts des PEK in der Schweiz: „Man muss die Asymmetrie in den momentanen Möglichkeiten betrachten.“ Die Komplementärmediziner hätten weder die Tradition noch die Mittel an den Hochschulen. Eine klinische Studie sei bei den besten Absichten auch in der Schweiz nicht möglich gewesen, und der Lenkungsausschuss hätte zwei Jahre nach einem Weg gesucht, wie geforscht werden könne. Eine Studie nach den Regeln der „Good Clinical Practice“ koste 100 bis 150 Millionen US-Dollar, und die eher kleinen medizinisch-wissenschaftlichen Abteilungen der mittelständischen Hersteller komplementärmedizinischer Heilmittel könnten diese einfach nicht durchführen. „Das heißt, es braucht konzertierte Aktionen seitens des Staates“, erklärt Melchart, „angesichts der großen Nachfrage sollten diese Gelder auch bereit gestellt werden.“

Livia Rohrmoser, Ärzte Woche 5/2006

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