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Allgemeinmedizin 8. Februar 2006

Allgemeinpädiater bald „Species Rara“?

Die Kinder- und Jugendheilkunde steuert auf eine Neuorientierung zu. „Ist der Allgemeine Pädiater vom Aussterben bedroht?“ fragen sich Vertreter des Faches. Oder wird hier viel Aufhebens um nichts gemacht?

Das Buch „Weggelegt – Kinder ohne Medizin“ schlug im September 2003 ein wie eine Bombe. Eine Gruppe von Pädiatern hatte darin Missstände und Defizite in der medizinischen Betreuung von Kindern aufgezeigt. Besonders der Vorwurf, im Osten Österreichs würden mehr Kinder nach Herz-operationen sterben als im Westen, hatte zu monatelangen heftigen Diskussionen geführt. Der Wiener Krankenanstaltenverbund erhob eine Zivilgerichtsklage gegen einen der Herausgeber, den AKH-Arzt Prof. Dr. Franz Waldhauser. Das Verfahren wurde mit einem Vergleich beendet. Zusätzlich wurde dem Pädiater vom Rektor der Medizinischen Universität untersagt, ohne Genehmigung Vorträge mit Daten und Informationen der Medizinuni zu halten.

Kinder­gesundheitsplan für Österreich durchgesetzt

Die Repressalien konnten allerdings nicht verhindern, dass das Buch einiges bewegte. So beeilte man sich beispielsweise im Gesundheitsministerium, die darin erhobenen Vorwürfe zu prüfen und einen bundesweiten Kindergesundheitsplan zu erstellen. Autoren des Buches „Weggelegt“ arbeiteten als Experten daran mit. Die Ärztekammer rang sich nach langem Hin und Her schließlich durch, die international üblichen pädiatrischen Sonderfächer in der Ausbildungsordnung zu verankern. Und die Stadt Wien gab bei der Firma Genia Consult eine Studie in Auftrag, um die Versorgungssituation zu durchleuchten. Als erste Umsetzungsschritte wurden die neonatologische und pädiatrische Intensivstation am AKH umgebaut und erweitert. Ab Februar 2006 soll eine „kinderärztliche Notdienst-Ordination“ im AKH in Zusammenarbeit mit dem Ärztefunkdienst die ambulante Notfallversorgung an den Wochenenden (Freitag 19 Uhr bis Montag 7 Uhr) verbessern. Trotz vieler Bemühungen bleibt die Pädiatrie allerdings ein Sorgenkind der medizinischen Versorgung. Bei einer Diskussionsveranstaltung der Wiener Grünen versuchten Experten Zukunftsszenarien und Handlungsbedarf aufzuzeigen. „Die Allgemeinen Pädiater sind eine ‚Species Rara’. In Zukunft werden zunehmend pädiatrische Spe-zialisten gefragt sein“, sagte Dr. Gregor Schubiger von der Kinderklinik Luzern. Auch Prof. Dr. Annette Grüters-Kieslich von der Charité Berlin bekräftigte: „Die Notwendigkeit der Spezialisierung ist gerechtfertigt – auch aus ökonomischen Gründen.“ Aber, so fügte sie hinzu, „durch den Bettenabbau verlieren wir viele Ausbildungsplätze. In fünf Jahren werden wir einen Mangel an Kinderärzten haben.“ Der Geburtenrückgang sei nur einer von vielen Gründen für diese Entwicklung. „Wir haben zweifelsohne einen abnehmenden Bedarf an stationären Behandlungen bei Kindern“, konstatierte Grüters-Kieslich. „Aber wir haben auch eine neue, zunehmende Morbidität. Dazu zählen Verhaltensstörungen, Adipositas, Vernachlässigungen und Misshandlungen.“

Soziale Aspekte unterbewertet

Das mache den „sozialen“ Bereich der Kindermedizin immer wichtiger. Gerade dort wird aber zunehmend gespart. „Zehn Prozent der Kinder sind verhaltensauffällig. Und was passiert? Die Station für Heilpädagogik und Psychosomatik an der Wiener Kinder- und Jugendklinik wird auf eine Tagesklinik reduziert“, beklagte Prof. Dr. Christian Popow, der auf dieser Station tätig ist. Für wissenschaftliches Arbeiten gäbe es so gut wie keine Zeitkapazität mehr. „Wir haben in Österreich in der Kinder- und Jugendpsychiatrie einen enormen Timelag im internationalen Vergleich. Das Defizit können wir frühestens in zehn Jahren aufholen – wenn wir jetzt dazu ausreichend Ressourcen bekämen“, bestätigte Prof. Dr. Ernst Berger vom Neurologischen Krankenhaus Rosenhügel.

Mankos in vielen Bereichen

Dr. Rudolf Püspök, niedergelassener Kinderarzt in Bruck an der Leitha (NÖ), kritisierte die langen Wartezeiten bei Spezialambulanzen: „Abgesehen von der medizinischen Problematik bedeutet das, dass Eltern in dieser Zeit nicht schlafen können.“ Es gäbe auch viel zu wenige KindertherapeutInnen mit Kassenverträgen. „Zuschüsse sind für weniger begüterte Fami-lien absolut unleistbar. Es ist eine Schande, dass wir von unseren Kindern einen Selbstbehalt verlangen“, gab Püspök zu bedenken. Von Elternseite kam heftige Kritik an den Kommunikationspraktiken in den Spitälern. „Die Ärzte wollen es wirklich nicht, wenn man nachfragt. Das scheint schon an Gotteslästerung zu grenzen. Man wird sofort als ‚querulante Mutter‘ abgestempelt“, erzählte die Journalistin Dr. Andrea Schurian aus eigener Erfahrung mit ihrem Kind, das mit einem Herzfehler geboren wurde.

Angst vor den Ärzten

„Der Wunsch nach einer Second Opinion wird oft schon als Majestätsbeleidigung interpretiert“, betonte auch Dr. Irene Promussas, Vorsitzende der Selbsthilfegruppe „Lobby4kids“, die ebenfalls als Konsequenz von „Weggelegt“ gegründet wurde. „Wir waren so froh, dass endlich einmal jemand aufzeigte, was wir unmittelbar erlebt haben“, meinten beide Frauen über das Buch. Missstände würden sonst zumeist totgeschwiegen, weil Eltern sich fürchteten, „dass ihre Kinder schlechter behandelt würden“. „Es müssen aber auch die Eltern mündiger werden“, konterte Dr. Radvan Urbanek, Vorstand der Klinischen Abt. für Allgemeine Pädiatrie am AKH-Wien. „Wien ist Multi-Kulti, zu uns kommen alle – vom Analphabeten bis zum Akademiker. Wir haben Schwierigkeiten, für alle Zeit zu haben und die Ärzte kommunikativ zu schulen.“ Über Zeitprioritäten scheint man in der Schweiz allerdings anders zu denken. „Uns haben Eltern in einer Befragung vorgeworfen, dass wir sie nicht richtig aufgeklärt hätten. Das hat uns sehr betroffen gemacht, denn wir halten das für unsere Kernkompetenz“, erzählte Schubiger vom Kinderspital Luzern. Als Reaktion darauf wurde dem ge-samten Team eine entsprechende Schulung verordnet. Anders als die meisten heimischen Spitäler macht die Kinderklinik Luzern auch ihre Qualitätsdaten im Internet publik.

Bekenntnis zu Qualität

„Man kann Qualität nicht verordnen“, meinte dazu Prof. Dr. Arnold Pollak, Vorstand der Wiener Univ.-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde. Er betonte, dass sich Österreich als erstes Land an internationalen Qualitätsbenchmarkings beteiligt habe und vor allem in der Neonatologie große Erfolge verzeichne. Das Resümee der Diskussion fasste die Gesundheitssprecherin der Wiener Grünen, Dr. Sigrid Pilz, so zusammen: „Der Handlungsbedarf in der Kindermedizin liegt auf der Hand. Wir brauchen Spezialisierungen, eine fairere Arzt-Patient-Beziehung, mehr Lehrpraxen und eine entsprechende Honorierung tagesklinischer Leistungen.“

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